ASA-Gründer und Präsident Shafiq Choudhury, einer der wichtigsten Mikrofinanziers der Welt, über das Spannungsfeld von gesellschaftlichen Zielen und wirtschaftlichen Zwängen sowie den Streit über hohe Zinssätze für die Armen
Die Deutsche Bank, eines der ersten und bis heute führenden Finanzinstitute auf dem Feld der Mikrofinanzierung, im Dialog mit Shafiq Choudhury, Gründer und Präsident von Association for Social Advancement (ASA), einer der größten Nichtregierungsorganisationen (NGOs) der Welt. In weniger als 16 Jahren wuchs die Zahl der Menschen, die ASA in mittlerweile 72 000 Dörfern in Bangladesch unterstützt, auf sieben Millionen. Derzeit verfügt ASA über ein Vermögen von mehr als 450 Millionen US-Dollar und erwirtschaftet, obwohl sie eine gemeinnützige Organisation ist, Gewinne zwischen zehn und zwölf Millionen Dollar pro Jahr, die vollständig reinvestiert werden.
ASA ist jedoch nicht nur in Bangladesch tätig: Mittels eines Fonds in Höhe von 125 Millionen Dollar überträgt ASA ihr Geschäftsmodell auch in andere Länder. Für die ASA Foundation, zu deren Gründungsmitgliedern die Deutsche Bank gehört, entwickelte Choudhury ein Hilfsprogramm, das die Effizienz der am wenigsten entwickelten Mikrofinanzinstitute deutlich steigern soll. Außerdem gründete er die ASA Universität, die jungen Menschen eine fundierte, kostengünstige Ausbildung ermöglicht und für Kinder von ASA-Mitarbeitern und -Kreditnehmern subventionierte Bildungsangebote bereitstellt.
Die Deutsche Bank kooperiert heute mit rund 100 Mikrofinanzinstituten in 41 Ländern. Asad Mahmood, Managing Director Global Social Investment Funds der Deutschen Bank in New York, traf Shafiq Choudhury in Dhaka, der Hauptstadt von Bangladesch.
Mahmood: Herr Choudhury, 1992 fiel der Startschuss für die Aktivitäten von ASA. Innerhalb kurzer Zeit konnten Sie zu etablierten Mikrofinanzinstitutionen aufschließen oder diese sogar übertreffen. Was ist Ihr Erfolgsgeheimnis? Choudhury: Die Hauptgründe für das exponenzielle Wachstum von ASA sind unser unkompliziertes Organisationsmodell und unsere einfachen Produkte. Als wir angefangen haben, lag unser Hauptaugenmerk darauf, die Zeit bei der Produktvergabe, die Arbeitsbelastung unserer Kreditberater und auch die Formalitäten und den Papierkram möglichst gering zu halten. So gestalten wir unsere Geschäftsabläufe so schlank wie möglich. Wir versuchen bei allen unseren Prozessen innovativ zu sein – bei der Vergabe von Kreditprodukten über die Buchführung bis hin zur Anschaffung und Instandhaltung unserer Büroausstattung. Kurz: Unsere gesamte Vorgehensweise im Bereich der Mikrofinanzierung unterscheidet sich von dem traditionellen Modell.
Standardisierung hat Vorrang? In der Tat. Alles ist standardisiert: unsere Kreditpakete, die Ratenzahlungen, sogar die Zielsetzungen für unsere Kreditberater. Standardabläufe geben uns die Möglichkeit, ohne Einschränkungen rasch zu handeln. Es ist wie Fotokopieren – schnell und effizient. Dieses Vorgehen ist die Basis unserer günstigen Kostenstruktur und unserer Fähigkeit, Gewinne zu erwirtschaften.
Wie schaffen Sie es, die Balance zwischen den sozialen Zielen von ASA und den Profitabilitätsforderungen ihrer Investoren herzustellen? In meinen Augen hat Mikrofinanzierung immer zwei Komponenten – eine wirtschaftliche und eine gesellschaftliche. Wie bei der DNA sind beide eng miteinander verflochten. Am Anfang unserer Geschäftstätigkeit stand die Frage nach einer effizienten Mikrofinanzierung im Vordergrund. Zu diesem Zeitpunkt dachten wir nicht viel über kommerzielle Aspekte nach. Für uns hatten damals effiziente Geschäftsabläufe absolute Priorität, um kostendeckend und gewinnbringend zu arbeiten. Die Gewinne dienten dazu, unser Kreditvolumen zu vergrößern und die Zinsen für unsere Kunden zu senken. Als ein Unternehmen, dessen Ursprünge auf eine NGO zurückgehen, verstanden wir die Prinzipien der Kommerzialisierung zunächst nicht bis in alle Einzelheiten. Aber wir organisierten unsere Abläufe genauso wie ein Wirtschaftsunternehmen. Ich war der Ansicht, dass ASA mit einer gewinnorientierten Ausrichtung Zugang zu weit mehr Kapital hätte und damit eine größere Zahl von Armen unterstützen könnte.
Spielen Skaleneffekte dabei eine Rolle? Ja, denn so können wir die Zinsen senken und mehr Gewinne erwirtschaften, die zu ASA zurückfließen. Der Vorteil liegt aber primär darin, dass wir wesentlich mehr Hilfsbedürftige erreichen – und in unseren Augen ist dies der eigentliche Vorteil unseres Konzeptes. Gleichzeitig wurde uns bewusst, dass der Begriff Kommerzialisierung auch die Maximierung von Profiten bedeuten kann. Diesen Weg wollen wir jedoch nicht einschlagen. Deshalb entscheiden wir uns für Investoren, die nicht rein kommerziell ausgerichtet sind.
Aber auch diese Investoren erwarten sicherlich eine Dividende? Ihr Hauptanliegen ist es, armen Menschen zu helfen. Wir wollen noch mehr Menschen erreichen und den Umfang unserer Geschäfte erweitern. Denn wir sind fest davon überzeugt: wenn wir größer werden, wird auch der Gewinn wachsen. Dadurch können wir auch die Rückflüsse an unsere Investoren erhöhen.
Wie können Sie Skaleneffekte schneller erzielen? Durch einen rein kommerziellen oder einen gemischten Ansatz, der soziale Ziele und wirtschaftlichen Nutzen miteinander kombiniert? Von weitaus größerer Bedeutung als die Zinskosten an sich ist für die arme Bevölkerung doch erst einmal der Zugang zu Kapital. Weil so viele arme Menschen dringend Geld benötigen, akzeptieren sie auch höhere Zinsen. Ich glaube aber nicht, dass schnelleres Wachstum nur durch einen rein kommerziellen Ansatz erreichbar ist, der es ermöglicht, Zinsen in x-beliebiger Höhe zu verlangen. Erst recht glaube ich nicht, dass das zu guten Ergebnissen führt.
ASA erwirtschaftet jährlich zwischen zehn und zwölf Millionen Dollar Gewinn. Gibt es da nicht weiteren Spielraum für Zinssenkungen bis hin zu einem Break-even-Ergebnis? Wir können keine Break-even-Strategie verfolgen. Dafür gibt es zu viele Arme in Bangladesch. Ohne Gewinne können wir unseren Kundenkreis nicht erweitern. Außerdem brauchen wir Reserven, um uns gegen mögliche Kreditausfälle abzusichern. Deshalb müssen wir gewinnorientiert arbeiten.
Glauben Sie, dass Entwicklungshilfeorganisationen dafür zuständig sein sollten, Ihrer Organisation das Kapital bereitzustellen, das Sie für Expansion und Risikomanagement benötigen? Nein. Stattdessen schlage ich vor, dass wir Einlagen von Sparern einsammeln, um die Kosten der Kapitalbeschaffung und die Zinssätze zu reduzieren. Unsere Kosten für die Kapitalbeschaffung bei Banken betragen 12 bis 13 Prozent. Über Einlagen könnten wir die Kosten halbieren und das Geld zu niedrigeren Zinsen verleihen.
Da spielen aber die Regulierungsbehörden bislang nicht mit. Wir laden sie ein, zu uns zu kommen und ihre Arbeit zu tun, sich alles anzusehen und zu dokumentieren. Aber sie erlauben uns noch immer nicht, Spareinlagen zu halten. Die Regulatoren sehen die Situation nicht mit den gleichen Augen wie wir. Wenn jemand keinen Zugang zu Krediten hat, dann ist das aus ihrer Sicht eben so. Wir beurteilen das etwas anders. Ich will es einmal so ausdrücken: Wenn du durstig bist, möchtest du Wasser trinken. Du fragst nicht, ob es rein ist oder nicht. Du fragst auch nicht danach, ob es gekühlt oder in Flaschen abgefüllt ist. Wenn man vom ersten Tag an auf abgefülltem Wasser besteht, stirbt man durch Verdursten. Im Mikrofinanzgeschäft gilt das Gleiche. Natürlich ist es für arme Menschen schmerzhaft, wenn die Zinsen zwei oder drei Prozentpunkte steigen. Aber sie nehmen trotzdem Kredite auf, weil sie das Geld dringend brauchen.
Wie aber rechtfertigen Sie einen effektiven Zinssatz von 80 Prozent in Ghana? Wenn Sie sich die dortigen Kostenstrukturen einmal genauer ansehen, werden Sie es verstehen. In Ghana können sich unsere Finanzierungskosten auf bis zu 25 Prozent belaufen. Die Kosten für die Arbeitskräfte liegen außerdem dort wesentlich höher. Wir finden keine qualifizierten Mitarbeiter und unsere Personalkosten sind sechsmal so hoch wie in Bangladesch. Und von allen afrikanischen Staaten ist Ghana das Land mit den höchsten Ausfallrisiken.
Das sind komplizierte Zusammenhänge. Und andererseits Fakten, die von Politikern leicht instrumentalisiert werden können. Sehen Sie darin ein Risiko? Wenn man kein Risiko eingehen möchte, sollte man in Ghana kein Geld verleihen. Das ist aber nicht mein Weg. Schrittweise wird sich das Rückzahlungsverhalten verbessern. Zudem wird sich der Anteil der besser ausgebildeten Menschen in der Bevölkerung nach und nach erhöhen. Man muss Geduld haben. Wenn wir diese Geduld nicht aufbrächten und uns vor Kritik fürchteten, müssten wir alle Aktivitäten beenden und könnten den Armen gar nicht helfen.
Warum spricht der Mikrofinanzsektor nicht offen über Zinssätze? Was Zinssätze angeht, verhält sich die Mikrofinanzindustrie traditionell eher zurückhaltend. Das Problem ist, dass die Öffentlichkeit nur registriert, wie viel man verlangt. Finanzierungskosten, Inflationsrate, Personalkosten und eine Menge anderer Fragen interessieren die Menschen dagegen nicht wirklich. Deshalb halten wir uns bei diesem Thema eher zurück.
Haben Regulatoren und politische Entscheidungsträger das Modell Mikrofinanzierung noch nicht richtig verstanden? Wenn man versucht, ernsthaft mit Regulatoren und Regierungsbeamten ins Gespräch zu kommen, ist ein Großteil von ihnen der Auffassung, dass Unterstützung dem Wohltätigkeitsprinzip folgen oder kostenlos sein sollte. Außerdem ist das Misstrauen groß. Regierungsvertreter und Politiker argwöhnen, dass wir Geld verdienen, um es für uns selbst zu behalten. Viele verstehen das Mikrofinanzgeschäft nicht wirklich und sind nicht bereit, neueWege zu beschreiten, um armen Menschen zu helfen. So sieht die Situation in den meisten Ländern aus, in denen ich tätig bin.
Worin liegt aus Ihrer Sicht das größte Risiko bei der Mikrofinanzierung? Das größte potenzielle Risiko ist die Überschuldung von Kunden. Obwohl bislang nicht weit verbreitet, sehen wir erste Anzeichen dafür. Kunden können sich von mehreren Mikrofinanzinstituten Geld leihen. Faktisch ist es so, dass sich mehrere Institute die Risiken eines Kunden teilen, ganz ähnlich wie bei Konsortialkrediten. Diejenigen Kreditnehmer, die sich über ihre Rückzahlungsmöglichkeiten hinaus verschuldet haben, stellen das eigentliche Risiko dar. Sie nehmen einen Kredit bei einem Institut auf, um ihre Schulden bei einem anderen Institut zu tilgen.
Ist Ihr Portfolio gegenwärtig davon betroffen? Wir haben keine ernsthaften Probleme und unser Ausfallrisiko beträgt weniger als vier Prozent. Wir veranlassen alles Nötige, um unsere Belastung zu reduzieren. So beschränken wir die Summe, die potenziell überschuldete Kunden bei uns leihen können, oder trennen uns von ihnen. Ich halte es für sehr wichtig, sich dieses potenziellen Risikos bewusster zu werden. Die Gründung eines zentralen Kreditbüros wäre eine langfristige Lösung. Regierungen, Entwicklungshilfeorganisationen und Banken wie der Deutschen Bank käme dabei als Initiatoren eine wichtige Rolle zu. Wir können sicherlich auch aus den Erfahrungen von Ländern wie Bolivien und Peru lernen, die mit der Überschuldungsproblematik schon zu tun hatten.
Glauben Sie, dass arme Bevölkerungsteile durch das weiter wachsende Mikrofinanzierungsgeschäft missbraucht werden oder überwiegt noch der positive Einfluss? Ich glaube, dass die Zahl derjenigen, die arme Menschen gezielt übervorteilen, sehr klein ist. Im Großen und Ganzen erscheint die Mikrofinanzierung in einem positiven Licht, aber sie hat natürlich auch ihre Schattenseiten.
Wie könnte sich die Mikrofinanzbranche selbst besser vor schwarzen Schafen schützen? Es gibt zwei entscheidende Komponenten: Einerseits sollten ein Code of Conduct oder Richtlinien, die dem Schutz der Kunden dienen, ausformuliert werden. In solchen Regeln für die Mikrofinanzbranche sollten die wichtigsten Sachverhalte für alle verbindlich festgeschrieben werden. Die so genannte Pocantico-Erklärung, die unter maßgeblicher Beteiligung der Deutschen Bank von Spitzenvertretern der Mikrofinanzbranche bei einem Treffen im vergangenen Jahr in New York verabschiedet wurde, ist eine gute Grundlage. Sollte es irgendwann einmal tatsächlich einen verbindlichen Code of Conduct geben, müssen wir darüber hinaus auf nationaler wie auch auf globaler Ebene ein Netzwerk errichten, das diesen Code für rechtsgültig erklärt und dafür sorgt, dass er eingehalten wird.
Worin unterscheiden sich Mikrofinanzierer eigentlich von den traditionellen Geldverleihern? Der Vorteil, den die Geldverleiher zu bieten haben, ist die Tatsache, dass sie rund um die Uhr erreichbar sind. Das ist aber tatsächlich auch ihr einziger Vorteil. Ansonsten gibt es jede Menge Nachteile. In Bangladesch fordern sie 300 bis 350 Prozent Zinsen, in anderen Ländern sogar noch mehr. Aber der wichtigste Unterschied liegt darin, dass die meisten Mikrofinanzinstitutionen sozial motiviert sind und ihre Kunden mit Respekt und Würde behandeln.