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Soziales Kapital schaffen
Gesellschaftliche Verantwortung von Unternehmen im Umbruch
Der Wirtschaftsethiker Karl Homann über die Verantwortung von Unternehmen im Zeitalter der Globalisierung – und vor dem Hintergrund der weltweiten Finanzkrise
Klarer als je zuvor müssen Unternehmen heute Stellung beziehen zu ihrem Verständnis von gesellschaftlicher Verantwortung. Die Deutsche Bank hat sich hier frühzeitig positioniert unter dem Leitgedanken „Soziales Kapital schaffen“. Der rein philanthropische Ansatz ist auch für andere Unternehmen keine Option mehr – insbesondere angesichts der aktuellen Heraus-forderungen der Weltwirtschaft. Eine analytische Betrachtung des Wirtschaftsethikers Karl Homann.
Die gesellschaftliche Verantwortung von Unter­nehmen – analog Corporate Social Responsibility (CSR), Corporate Responsibility (CR), Corporate Citizenship (CC) – ist zu einem zentralen Thema der Unternehmensführung und des öffentlichen Diskurses geworden. Gegenwärtig befinden sich viele Unternehmen auf der Suche nach einem Konzept, das den Erwartungen der Öffentlichkeit gerecht wird, ohne dass die Unternehmen im glo­balen Wettbewerb in Nachteil geraten und ohne die Renditeerwartungen der Anteilseigner zu ent­täuschen. Die Frage ist daher, ob und in welcher Form gesellschaftliche Verantwortung produktiv (gemacht) werden kann.

Bei dem Begriff der gesellschaftlichen Verant­wortung schwingt immer noch etwas von deren ältester Form, dem Mäzenatentum, mit. Dieses Verständnis trägt schon deshalb nicht mehr, weil hier die Förderung von persönlichen Vorlieben der Förderer bestimmt war. Später wurde dieses Verständnis durch die meist regional ausge­richtete Förderung sozialer und kultureller Aktivitäten erweitert; allerdings bleibt auch dabei unklar, wie dies dem nachhaltigen Unternehmens­erfolg dienen soll. Gegenwärtig verfolgen viele Unternehmen deshalb die Strategie, ent­sprechende Aktivitäten eng an das jeweilige „Kerngeschäft“ zu binden. Richtig daran ist, dass das Motiv des selbstlosen Opferns aufgegeben und durch den Gedanken der Investition (mit Erwartung einer vernünftigen Rendite) ersetzt wird. Aber erwartet nicht die Gesellschaft viel mehr als eine Vertiefung und Arrondierung des jeweiligen „Kerngeschäfts“? Globale Probleme wie Hunger, Armut, Klimaschutz oder auch die Etablierung und Stärkung von Menschenrechten und demokra-tischen Strukturen haben mit dem „Kerngeschäft“ vieler Unternehmen herzlich wenig zu tun.

Außerdem ist dieses Verständnis von gesell­schaftlicher Verantwortung häufig durchsetzt mit Vorstellungen über die Legitimation von Unter­nehmen, die mit demokratischen Gesellschaften nicht vereinbar sind. Wenn etwa davon die Rede ist, Unternehmen hätten eine Verpflichtung zum „giving back“ oder müssten sich ihre „license to operate“ durch CSR-Aktivitäten täglich neu erwer­ben, wird unterstellt, dass das Betreiben von Unternehmen ein Privileg darstelle, für das sie sich erkenntlich zu zeigen hätten. Abgesehen davon, dass diese Vorstellung leicht den Vorwurf eines modernen Ablasshandels nach sich zieht, handelt es sich um eine Legitimationsform, die für absolutistische Systeme typisch war. In demo­kratischen Gesellschaften sind Unternehmen dadurch legitimiert, dass sie einen gesellschaft­lichen Auftrag erfüllen, nämlich die (arbeitsteilige) Versorgung der Bevölkerung mit Gütern und Diensten; damit liegt ihre Legitimation primär und grundlegend im Kerngeschäft begründet und nicht in zusätzlichen CSR-Aktivitäten.

Hinzu kommt schließlich die Frage nach dem geo­grafischen Horizont der gesellschaftlichen Verant­wortung: Entspricht es den Erwartungen der Öffentlichkeit, wenn Unternehmen, die heute Welt­bürger sind, lediglich den eigenen Bürgersteig kehren, wie es ein Topmanager vor knapp zehn Jahren einmal formulierte? Die globalen Probleme können von den Unternehmen nicht mehr ignoriert werden. Wir kommen nicht umhin, die Frage nach dem Sinn von gesellschaftlicher Verantwortung systematisch anzugehen: Worum geht es eigentlich im Kern? Bei der gesellschaftlichen Verantwortung von Unternehmen geht es um die gegenseitige Stärkung von Unternehmen und Gesellschaft. Es geht darum, die Bedingungen für eine gegenseitige Besserstellung zu schaffen und nachhaltig zu sichern. Aus Sicht der Unternehmen geht es um Investitionen in die Stärkung der Gesellschaft – zum gegenseitigen, also auch zum eigenen, Nutzen. Gesellschaftliche Verantwortung zu denken, zu praktizieren und gegenüber den Anteilseignern zu rechtfertigen, ist unter Bedingungen des globalen Wettbewerbs nur in einem Win-win-Modell zu denken und zu praktizieren.

Damit geraten Fragen wie die folgenden ins Zentrum der Überlegungen: Durch welche Maß­nahmen kann dieses Ziel erreicht werden? Auf welchen Feldern sind aktuell gesellschaftliche Defizite zu verzeichnen? Wo zeichnen sich krisen­hafte Zuspitzungen ab, denen es zu begegnen gilt?

Gesellschaften sind stark, wenn sie intern stabile, belastbare Strukturen aufweisen, formelle und informelle. Diktatoren haben immer zuerst diese Strukturen zerschlagen, weil von einer Masse von nicht oder nur wenig vernetzten Einzelnen kein Widerstand zu erwarten ist. Es geht um Bildung und Pflege vielfältiger Netzwerke, es geht um Kommunikation, Transparenz und aktive Teilhabe breiter Bevölkerungskreise an der Gesellschaft, was wiederum ein Minimum an Bildung und Wohlstand voraussetzt. Es geht um die Ermög­lichung und Stärkung der Selbständigkeit der Bürger und ihrer Eigenverantwortung.

Ein solches Verständnis von gesellschaftlicher Verantwortung lässt Engagements auf vielen Feldern sinnvoll erscheinen: von der Unterstützung ehrenamtlicher Tätigkeiten und Corporate Volunteering über die Förderung von Bildung, Kultur und Gesundheit bis hin zur Beteiligung an gesellschaftlichen und politischen Diskursen.

Das gilt schon für den nationalen Rahmen. Stärker noch gilt es auch für den globalen Rahmen, besonders in weniger entwickelten bzw. armen Ländern. Hier kommen vielfach die Ziele des Global Compact (Menschenrechte, Umweltschutz, gute Arbeitsbedingungen, Korruptionsbekämp­fung) und der Aufbau von Mikrokreditinstituten hinzu.

Auf zwei Verantwortungsbereiche sei besonders hingewiesen. Wie die aktuelle Finanzkrise – erstens – zeigt, liegen auf globaler Ebene gravierende Defizite in Bezug auf den Ordnungs-rahmen der Wirtschaft vor. Insbesondere deutsche Unternehmen sollten hier ihre Erfahrungen einbringen und Mitverantwortung für die künftige Ordnung der Weltgesellschaft übernehmen. Man kann hier von Ordnungsverantwortung sprechen. Wir haben – zweitens – besonders in Deutschland eine tiefe, letztlich moralische, Akzeptanzkrise der Wirtschaft. Um die Bedingungen künftigen Wohl-stands aller Menschen sicherzustellen, müssen Unternehmen für die Marktwirtschaft werben, indem sie den Menschen den letztlich ethischen Sinn von Marktwirtschaft in verständlicher und belastbarer Weise erklären. Dies kann man als Kommunikationsverantwortung bezeichnen. Unternehmen sollten also – zusätzlich zur Verantwortung für ihr Handeln – offensiv Ordnungsverantwortung und Kommunikations-verantwortung übernehmen. Wir erkennen zunehmend den Wert immaterieller Ressourcen für nachhaltig erfolgreiches Wirtschaften. Damit gewinnt die gesellschaftliche Verantwortung von Unternehmen eine neue, und zwar jetzt strategische, Ausrichtung. Auf fünf Punkte sei hingewiesen:

  • Die in der Vergangenheit oftmals zufälligen und diffusen CSR-Maßnahmen müssen gebündelt und in die Unternehmensstrategie integriert werden.

  • Die oft nur regional und auf das Kerngeschäft fokussierten Maßnahmen müssen um die globale und um die gesellschaftspolitische Perspektive erweitert werden.

  • Es wird notwendig sein, dass sich Unternehmen untereinander abstimmen, wie sie die globale Aufgabe, die natürlich nur arbeitsteilig bearbeitet werden kann, gemeinsam organisieren wollen – trotz der Tatsache, dass sie auf den Märkten oft Konkurrenten sind und auch bleiben.

  • Es müssen die Unternehmen mit anderen gesellschaftlichen Subsystemen wie Politik, NGOs, Medien, Bildungsinstitutionen zusammenarbeiten.

  • An der Spitze der Unternehmen ist vor allem Führung gefragt – eine Führung, die weit über wirtschaftliche Angelegenheiten hinausgeht.

Nachhaltiger Erfolg von Unternehmen lässt sich nur in starken Gesellschaften mit Sozialkapital und vielfältigen Netzwerken erzielen. Da die Politik – von Krisen wie der gegenwärtigen vielleicht abgesehen – an Steuerungskapazität verliert und der Steuerungsbedarf der globalen Welt gleichzeitig dramatisch ansteigt, sind die Unternehmen gut beraten, wenn sie selbst in die gesellschaftlichen Bedingungen erfolgreicher Unternehmenstätigkeit investieren – zu ihrem eigenen Nutzen und zum Nutzen aller.
Der Autor: Professor em. Dr. Dr. Karl Homann

  • 1943 geboren in Everswinkel

  • Studium der Philosophie, Germanistik, katholischen Theologie und Volkwirtschaftslehre an der Universität Münster

  • 1972 Promotion zum Dr. phil., 1979 Promotion zum Dr. rer. pol., 1985 Habilitation für Philosophie an der Universität Göttingen

  • Nach Stationen an der Universität Witten / Herdecke und an der Katholischen Universität Eichstätt Professor für Philosophie und Ökonomik an der Ludwig-Maximilians-Universität München

  • Emeritierung im Oktober 2008
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