„Die Werte sind auf ein unglaublich tiefes Niveau gesunken; Regierungsstellen aller Art stehen vor ernstlichen Einkommensverminderungen; die traurigen Trümmer industrieller Unternehmungen liegen verstreut umher; Tausende von Familien haben die Ersparnisse vieler Jahre eingebüßt. Doch wichtiger noch, ein Heer von arbeitslosen Mitbürgern sieht sich vor die grimmigen Probleme des Existenzkampfes gestellt, und eine ebenso große Zahl schuftet für Hungerlöhne“, zitierte Dr. Josef Ackermann vergangenen Freitag im Center on Capitalism and Society der Columbia University in New York in seinem Vortrag aus der Antrittsrede des früheren US-Präsidenten Franklin D. Roosevelt aus dem Jahr 1933.
Roosevelts vor über 70 Jahren gesprochene Worte könnten in ähnlicher Form auch in einem Manuskript aus heutigen Tagen stehen, sagte Dr. Josef Ackermann einleitend zu seinem Vortrag
„A new era: How the crisis will reshape politics, societies and finance“. Der Deutsche Bank-Vorstandsvorsitzende sprach auf der 6. Jahreskonferenz der Columbia University, die unter dem Titel „Emerging from the Financial Crisis“ stand.
„Der Westen erlebt eine Erschütterung, wie sie nur einmal in einem Jahrhundert auftritt, und sie betrifft nicht nur die Wirtschaft, sondern die Gesellschaft insgesamt.“ Jedoch dürfe das unmittelbare Krisenmanagement nicht die langfristige Perspektive überschatten, betonte Dr. Josef Ackermann.
Hinsichtlich des Wandels stünden dabei drei Aspekte im Mittelpunkt:
- Die Nachwirkungen der Krise werden die Rolle des Staats in der Wirtschaft umgestalten;
- Die Finanzkrise wird die wirtschaftliche und politische Macht in der Welt neu verteilen;
- Was die Zukunft der Globalisierung betrifft: Dies ist die Stunde der Wahrheit für die internationale Gemeinschaft.
Radikale Veränderungen im FinanzsektorDie Banken haben im Vorfeld der Krise schwerwiegende Fehler begangen, sagte Dr. Josef Ackermann, doch die Fairness gebiete es, auch die Fehler von Regierungen und Aufsichtssystemen zur Kenntnis zu nehmen.
„An der Behebung dieser Mängel wird gearbeitet. Die Arbeit der G-20-Gruppe wird umfassende regulatorische Veränderungen mit sich bringen“, so Ackermann. Die Banken würden ihre Geschäftsmodelle, ihr Risikomanagement und die Art und Weise, wie sie ihre Geschäfte betreiben, umfassend überarbeiten: „Die Finanzbranche ist an Wandel gewöhnt. Letztlich ist Innovationsfähigkeit der Schlüssel zum Erfolg in unserer Branche. Ich habe kaum Zweifel daran, dass es der Branche auch diesmal gelingen wird, sich neu zu erfinden.“
Dr. Josef Ackermann wies auch auf die Bedeutung der Hochschulen hin, „wo man sich den Luxus erlauben kann, innovative Konzepte von Grund auf zu entwickeln – frei von Altlasten von Unternehmen und Instituten, unabhängig von Wahlperioden und frei von der Tyrannei des tagtäglichen Krisenmanagements, welche die Mitarbeiter in den Unternehmen bereits seit vielen Monaten beschäftigt“.
Abschließend sagte Dr. Josef Ackermann: „Auf ewig wird die Dankbarkeit demjenigen gelten, der den Königsweg aus der aktuellen Krise aufzeigt. Dies sollte wohl Anreiz genug sein, der Welt zu beweisen, dass die Zeiten derzeit zwar düster sein mögen, diese Aussicht aber nicht für die Zukunft unseres Berufsstands gilt!“