Brief des Vorstandsvorsitzenden zum 31. Dezember 2004

das Jahr 2004 war über weite Strecken von einer hohen Stabilität der Weltwirtschaft geprägt. Ungeachtet der beträchtlichen Preissteigerungen bei Erdöl und anderen strategischen Rohstoffen ist die Weltwirtschaft um 5% gewachsen. Die Umsätze auf den internationalen Finanzmärkten sind gegenüber den Vorjahren gestiegen, blieben jedoch hinter dem Niveau der Spitzenjahre 1999/2000 zurück. Allerdings hat der Margendruck noch zugenommen, speziell in gesättigten Marktsegmenten und bei standardisierten Finanzprodukten.

In diesem weltwirtschaftlichen Umfeld hat der Deutsche Bank-Konzern 2004 ein wiederum erheblich verbessertes Geschäftsergebnis erwirtschaftet. Die Transformation der Bank, die wir 2002 begonnen haben, hat uns operativ weiter gestärkt. Der Gewinn vor Steuern ist um 46% auf 4,0 Mrd € gestiegen, der Gewinn nach Steuern sogar um 81% auf 2,5 Mrd €. Darin sind die zusätzlichen Belastungen aus dem Mitte März 2005 abgeschlossenen Vergleich im Zusammenhang mit der WorldCom-Klage bereits berücksichtigt. 2004 betrug das Ergebnis pro Aktie (verwässert) 4,53 € und hat sich damit gegenüber dem Vorjahr fast verdoppelt. Unsere Zielgröße Eigenkapitalrendite vor Steuern stieg von 10% im Vorjahr auf 16 % im Jahr 2004. Für 2005 streben wir vor Restrukturierungsaufwand 25% an.

Wir machen weiter Fortschritte bei der Verbesserung des Risikoprofils der Bank. Dank eines effizienten Risikomanagements und eines verbesserten Kreditumfelds konnten wir die Problemkredite um 27% auf 4,8 Mrd € zurückführen. Die Risikovorsorge im Kreditgeschäft ging auf 372 Mio € zurück, das waren 741 Mio € weniger als im Vorjahr. Schließlich haben wir unsere Alternativen Anlagen weiter auf 2,6 Mrd € per Jahresultimo 2004 abgebaut. Dies vergleicht sich mit einem Engagement von knapp 12 Mrd € noch Ende 2001.

Unsere beiden Konzernbereiche Corporate and Investment Bank (CIB) und Private Clients and Asset Management (PCAM) haben sehr gute Jahresergebnisse vorgelegt. CIB stärkte seine Position als einer der weltweit führenden Anbieter im Firmenkundengeschäft und im Investment Banking. Wesentlich hierzu beigetragen hat der Verkauf und Handel (Sales & Trading) in Schuldtiteln, der erneut Rekorderträge erzielte. Dies ist im Wesentlichen zurückzuführen auf unsere gefestigte Führungsposition bei strukturierten Finanzierungslösungen, die wir für die vielschichtigen Anforderungen unserer Unternehmenskundschaft bereitstellen. Das Emissions- und Beratungsgeschäft erzielte ebenfalls ein solides Wachstum. Im Aktiengeschäft haben uns hingegen die sehr schwierigen Marktverhältnisse bei Wandelanleihen Mitte des Jahres beeinträchtigt; entsprechend rückläufige Umsätze konnten jedoch im Schlussquartal teilweise wieder ausgeglichen werden.

Die nachhaltige Erhöhung des Ergebnisbeitrags unseres Konzernbereichs PCAM ist ein zentrales Anliegen unserer Geschäftsstrategie. Ich freue mich deshalb ganz besonders, dass ich Ihnen über einen 35%igen Anstieg im bereinigten Vorsteuerergebnis berichten kann. Maßgeblich war vor allem der Unternehmensbereich Private & Business Clients (PBC), der im ersten vollen Geschäftsjahr nach der erfolgreichen Restrukturierung sein ehrgeiziges Ziel eines Gewinns vor Steuern von 1 Mrd € verwirklichen konnte. Hierzu beigetragen haben alle Produktbereiche, nicht zuletzt der hohe Absatz von Lebensversicherungspolicen in den Schlussmonaten. Untermauert wurde diese Entwicklung durch einen positiven Trend in der von uns regelmäßig gemessenen Zufriedenheit unserer Privatkunden mit dem ihnen gebotenen Service. Auch das wiederum erfolgreiche Aktienfondsgeschäft unserer Publikumsfondsgesellschaft DWS, der es gelang, gegen einen sehr schwierigen Markttrend neue Anlagemittel einzuwerben, unterstreicht unsere starke Position im Privatkundengeschäft. Dies ist für uns mittlerweile eine solide und wichtige Ertragsquelle geworden. PCAM insgesamt ist, gemessen am betreuten Vermögen von 828 Mrd €, einer der weltweit größten Vermögensverwalter.

Mit der Umsetzung der zweiten Phase unserer Managementagenda, die das ertragreiche Wachstum unseres Hauses zum Ziel hat, haben wir im Berichtsjahr gute Fortschritte gemacht. Investitionen wurden gezielt in Produktbereiche und Regionen mit überdurchschnittlichem Wachstumspotenzial vorgenommen. So erweiterten wir beispielsweise das Angebot an hochwertigen Produkten unserer Verkaufs- und Handelsbereiche und bauten unsere Position in Schwellenländern aus. Im Immobilien-Investment-Banking in den USA haben wir mit der Akquisition von Berkshire Mortgage, einem führenden Finanzierungsanbieter für Mehrfamilienobjekte, einen wichtigen Schritt nach vorn getan. Unser Transaction Banking verstärkten wir durch die Übernahme des Wertpapierverwahrungsgeschäfts der Dresdner Bank.

Private Wealth Management hat mit dem Kauf des Münchener Vermögensverwalters Wilhelm von Finck & Co. seine Marktstellung ausgebaut. Des Weiteren investieren wir fortlaufend in den Ausbau unseres erfolgreichen DWS-Angebots in ganz Kontinentaleuropa. In PBC stehen in diesem Jahr die Verstärkung des Konsumentenfinanzierungsgeschäfts und ein neues Kundenloyalitätsprogramm im Vordergrund. Der Bereich Institutional Asset Management musste im Berichtsjahr, insbesondere in Großbritannien, Mittelabflüsse hinnehmen. Eine Überprüfung dieses Geschäfts mit dem Ziel einer kurzfristigen Stabilisierung wurde eingeleitet. Alle unsere Maßnahmen verfolgen den Zweck, die Ertragskraft der Bank weiter zu steigern.

In den letzten Jahren haben sich die Anforderungen unserer Unternehmenskundschaft und institutionellen Kunden gewandelt. Der Bedarf an integrierten Lösungen nimmt rapide zu. Die Grenzen zwischen Aktien und Anleihen verschwinden zusehends. Hierauf haben wir mit einer Anpassung der Konzernstruktur reagiert, die wir im September der Öffentlichkeit vorgestellt haben. Im Einzelnen handelt es sich um fünf Initiativen:

  • Wir führen unseren Aktien- und Rentenhandel in einen gemeinsamen Geschäftsbereich Global Markets zusammen, um unseren anspruchsvollen Kunden einen umfassenden Service über das gesamte Anlagespektrum hinweg bieten zu können. Dies gilt auch für unsere Analyseprodukte.
  • Wir verzahnen unsere Leistungen im Corporate Finance, im Firmenkundengeschäft und im Transaction Banking. Die dadurch vereinfachte Betreuungsstruktur macht es künftig möglich, dass wir unseren Unternehmenskunden die vollständige globale Produktpalette der Deutschen Bank „aus einer Hand“ anbieten können.
  • Im Asset Management haben wir eine Überarbeitung der Organisationsstruktur in die Wege geleitet. Das Ziel ist, künftig verstärkt auch Alternative Anlageprodukte anzubieten und die Rendite unserer klassischen Anlageprodukte zu verbessern.
  • Wir stärken das Gewicht der Regionen in unserer Managementstruktur und tragen der Bedeutung unseres Heimatmarkts mit der Schaffung eines Management Committee Deutschland Rechnung.
  • Im administrativen Bereich werden wir Kosten senken, indem wir heute noch manuelle Prozesse automatisieren und redundante Systeme abbauen.

Der mit der Neuordnung zur weiteren Stärkung unserer internationalen Wettbewerbsfähigkeit einhergehende Mitarbeiterrückgang ist unvermeidbar. Der Entschluss hierzu ist uns nicht leicht gefallen. Er wird wie in der Vergangenheit sozialverträglich und in konstruktiver Zusammenarbeit mit den Arbeitnehmervertretern umgesetzt. Nachhaltige Ertragskraft ist die unabdingbare Voraussetzung für Investitionen in zukünftiges Wachstum und damit zur langfristigen Schaffung attraktiver Arbeitsplätze.

Wie bereits in den Vorjahren haben wir auch im Jahr 2004 ein diszipliniertes Kapitalmanagement betrieben. So konnten wir durch weitere Aktienrückkäufe unseren Aktionären überschüssiges Kapital, das wir durch den Verkauf von Nichtkernaktivitäten freigesetzt haben, zurückgeben. Seit dem ersten Aktienrückkaufprogramm Mitte 2002 sind das insgesamt 4,5 Mrd € gewesen. Um unsere Aktionäre direkt am finanziellen Erfolg der Deutschen Bank zu beteiligen, schlagen Vorstand und Aufsichtsrat der Hauptversammlung vor, für das abgelaufene Geschäftsjahr 2004 eine um 13% erhöhte Dividende von 1,70 € je Aktie auszuschütten. Mit diesem Dividendenvorschlag bekräftigen wir auch das Vertrauen in weiteres ertragreiches Wachstum.

Alles in allem war das Geschäftsjahr 2004 für die Deutsche Bank in mehrfacher Hinsicht ein erfolgreiches Jahr. Wir haben ein gutes Ergebnis erwirtschaftet. Wir haben die Marktpositionen unserer Konzernbereiche weiter gestärkt. Wir haben das Fundament für eine erfolgreiche Zukunft des Deutsche Bank-Konzerns durch Investitionen in Wachstumsbereiche und die beschriebene Optimierung unserer Konzernstruktur gelegt. All dies dient nicht zuletzt der nachhaltigen Wertschöpfung zum Nutzen unserer Kunden, der Mitarbeiter und der Aktionäre der Deutschen Bank.

Der gute Start in das laufende Geschäftsjahr 2005 bestärkt uns in der Überzeugung, dass wir Ihnen in einem Jahr berichten können, unsere ehrgeizigen Ziele erreicht zu haben. Dies ist die notwendige Voraussetzung für die Erweiterung unseres strategischen Handlungsspielraums, um unsere Position als eines der weltweit führenden Finanzhäuser festigen zu können. Daran arbeiten das Management und die Mitarbeiter der Deutschen Bank mit unverändert hohem Engagement.



Josef Ackermann
Sprecher des Vorstands und
Chairman of the Group Executive Committee

Frankfurt am Main, im März 2005


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