Brief des Vorstandsvorsitzenden zum 31. Dezember 2008

2008 war für den Bankensektor das schwierigste Jahr seit vielen Jahrzehnten. Die Kreditkrise, die in der zweiten Jahreshälfte 2007 begann, setzte sich fort und belastete unser Marktumfeld. Mit dem Zusammenbruch einer großen US-amerikanischen Investmentbank im September kam es zu einer plötzlichen und drastischen Verschlechterung der Marktbedingungen. Das globale Finanzsystem geriet unter starken Druck – ein akuter Liquiditätsmangel, ein deutlich zurückgehendes Interbankengeschäft und weitere Einbrüche an den Kreditmärkten waren die Folgen. An den Aktienmärkten sanken die Kurse dramatisch und die Volatilität stieg extrem an. Regierungen und Zentralbanken reagierten weltweit in einem beispiellosen Ausmaß, um einzelne Finanzinstitute und ganze Märkte zu stützen.

Von diesen außergewöhnlichen Bedingungen wurde die Finanzbranche schwer beeinträchtigt – und die Deutsche Bank war leider keine Ausnahme. Obgleich es uns gelungen war, in der ersten Phase der Krise profitabel zu bleiben, mussten wir für das vierte Quartal 2008 einen Verlust nach Steuern von 4,8 Mrd € und von 3,9 Mrd € für das Gesamtjahr hinnehmen. Diese negativen Ergebnisse sind in erster Linie auf Schwächen in bestimmten Geschäftsfeldern zurückzuführen, die durch die extremen Bedingungen im vierten Quartal zutage traten. Wie bisher waren wir unverändert konservativ bei der Bewertung unserer eigenen Verbindlichkeiten mit der sogenannten „Fair Value Option“. Hätten wir diese Bewertungsmethode für alle unsere ausstehenden Schulden angewendet, wäre unser Vorsteuerergebnis 2008 um 5,8 Mrd € höher ausgefallen. Auch wenn wir eine solide Kapitalquote sowie eine stabile Liquiditäts- und Refinanzierungsbasis aufrechterhalten konnten, haben wir unverzüglich auf das schlechte Ergebnis 2008 reagiert und umfassende Korrekturmaßnahmen in den betroffenen Bereichen eingeleitet.

Im Konzernbereich Corporate and Investment Bank wiesen wir für das Geschäftsjahr 2008 einen Verlust vor Steuern in Höhe von 7,4 Mrd € aus, der durch einen Vorsteuerverlust in Höhe von 8,5 Mrd € in unserem Unternehmensbereich Corporate Banking & Securities bedingt war. Darin spiegeln sich die Auswirkungen der extrem ungünstigen Marktbedingungen im vierten Quartal aufunser Geschäft wider. Zusammenbrechende Beziehungen zwischen Vermögenswerten und zugehörigen Sicherungsinstrumenten, hohe Volatilitäten und bislang beispiellose Korrelationen zwischen unterschiedlichen Finanzprodukten in Verbindung mit deutlichen Liquiditätsengpässen verursachten schwere Marktverwerfungen. In unseren Sales & Trading-Bereichen erlitten wir erhebliche Verluste im Handel mit Kreditprodukten, Aktienderivaten und im Aktieneigenhandel. Diese waren größtenteils auf umfangreiche Aktivitäten im Eigenhandelsgeschäft, die absolute Größe von einigen Positionen und die ausgeprägte Komplexität bei bestimmten strukturierten Produkten zurückzuführen. Die eingetretenen Verluste machten die positiven Ergebnisse aus dem kundenbezogenen Handel unter anderem von Geldmarktprodukten, Devisen und Rohstoffen zunichte. Unser Geschäftsbereich Corporate Finance wurde durch Abschreibungen auf Kredite und Kreditzusagen im Geschäft mit fremdfinanzierten Unternehmensübernahmen sowie rückläufige Volumina im M & A- und Aktienemissionsgeschäft beeinträchtigt. Kritische Positionen im Geschäft mit fremdfinanzierten Unternehmensübernahmen und gewerblichen Immobilien haben wir drastisch verringert. Im M & A-Geschäft bauten wir weltweit unseren Marktanteil aus. Der Unternehmensbereich Global Transaction Banking konnte hingegen seinen Vorsteuergewinn um 17 % auf 1,1 Mrd € steigern. Dazu trugen Rekordergebnisse in Trade Finance und Cash Management bei, womit die robuste Stärke dieser Geschäftsaktivitäten selbst unter schwierigen Marktbedingungen unterstrichen wurde.

Der Konzernbereich Private Clients and Asset Management litt ebenfalls unter dem widrigen Marktumfeld.Der Vorsteuergewinn für das Geschäftsjahr 2008 blieb mit 420 Mio € deutlich hinter dem Vorjahreswert zurück. Ein wesentlicher Grund dafür war ein Verlust von 525 Mio € in unserem Unternehmensbereich Asset and Wealth Management. Dazu haben erhebliche Belastungen im Asset Management einschließlich Wertkorrekturen bei bestimmten Aktiva sowie Zuschüsse zu europäischen Geldmarktfonds beigetragen. Das niedrigere Kursniveau an den Aktienmärkten ließ unsere erfolgsabhängigen Provisionen sinken, während drastisch einbrechende Immobilienmärkte unser Geschäft mit alternativen Anlagen belasteten. Der Geschäftsbereich Private Wealth Management konnte das Jahr 2008, trotz des extrem schwierigen Umfelds, mit einem ordentlichen Gewinn abschließen und neue Kundengelder in Höhe von 10 Mrd € gewinnen.

Der 2008 im Unternehmensbereich Private & Business Clients erwirtschaftete Gewinn in Höhe von 945 Mio € lag um 18 % unter dem Vorjahresergebnis. Für diese Abschwächung war in erster Linie ein nachlassendes Wertpapiergeschäft im vierten Quartal verantwortlich, das mit steigenden Wertberichtigungen für Kreditausfälle infolge des deutlich verschlechterten Kreditumfelds einherging. Gleichwohl werden wir unser Geschäft mit den Privatkunden durch den Anfang 2009 vollzogenen Erwerb einer Minderheitsbeteiligung an der Deutschen Postbank und die exklusive Option auf eine Mehrheitsbeteiligung stärken. Wir haben hiermit die Möglichkeit, eine führende Bank für Privatkunden in Europa zu schaffen, die nahezu 30 Millionen Kunden erreicht und in Deutschland die klare Spitzenposition einnimmt. Um kurzfristige Chancen zu nutzen, haben wir mit der Deutschen Postbank eine Kooperationsvereinbarung geschlossen, die gemeinsame Kostenersparnisse und Ertragsvorteile im Wert von mehr als 100 Mio € verspricht.

Angesichts der beschriebenen außergewöhnlichen Bedingungen haben wir schnell gehandelt und unser Geschäft angepasst. In den Sales & Trading-Bereichen haben wir Eigenhandelsabteilungen komplett geschlossen und unser Gesamtengagement im Eigenhandel stark verringert. Wir reduzierten unsere Aktivitäten in illiquiden Märkten und legten den Schwerpunkt auf liquides und kundenbezogenes Geschäft, das sich behauptet und gute Ergebnisse erwirtschaftet hat. Des Weiteren haben wir unsere Bilanz in wichtigen Segmenten erheblich verkürzt und nicht derivative Handelsaktiva allein im vierten Quartal um 319 Mrd € abgebaut. In Corporate Finance richteten wir das Geschäft mit fremdfinanzierten Unternehmensübernahmen und gewerblichen Immobilien neu aus. Gleichzeitig haben wir gezielt in die rege nachgefragten Beratungskapazitäten investiert, mit denen wir Finanzinstitute und Firmenkunden bei der Rekapitalisierung beziehungsweise Restrukturierung im aktuellen Umfeld unterstützen. Wir stehen fest zu unserer Zusage, unseren mittelständischen Kunden in Deutschland mit Rat und mit finanziellen Mitteln zur Seite zu stehen. Im Asset Management, in dem niedrigere Vermögenswerte unsere Erträge belasten, werden wir die Kosten-Ertrags-Relation senken. Im Private Wealth Management haben wir Maßnahmen zur Produktivitätssteigerung eingeleitet und werden das Geschäft weiter zielgerichtet organisch ausbauen. Im Unternehmensbereich Private & Business Clients setzen wir unser Wachstums- und Effizienzprogramm in Deutschland und anderen europäischen Märkten weiter um und vertiefen die Kooperation mit der Deutschen Postbank.

Auch im Jahr 2009 wird unsere Branche mit großen Schwierigkeiten konfrontiert sein. Ein weltweiter Konjunkturabschwung beeinträchtigt unser Geschäft in allen Kundensegmenten und sorgt für anhaltenden Druck an den Finanzmärkten. Gleichwohl sind wir zuversichtlich, dass die Deutsche Bank richtig positioniert ist, um diese Herausforderungen zu meistern. Wir konnten im Jahresverlauf 2008 unser Kernkapital um nahezu 3 Mrd € erhöhen. Am Ende des Jahres war damit unsere BIZ-Kapitalquote (Tier-1) mit 10,1 % höher als zu Beginn der Kreditkrise. Dank unserer soliden Finanzierungs- und Liquiditätsbasis zum Jahresende wird unser Refinanzierungsbedarf 2009 deutlich unter dem der Jahre 2007 und 2008 liegen. Durch den kräftigen Abbau unserer nicht derivativen Handelsaktiva haben wir große Fortschritte bei der Reduzierung unserer „Leverage Ratio“ – der Relation von Bilanzsumme zu Eigenkapital – gemacht, die Ende 2008 bei 28 lag. Ebenso haben wir kritische Risikopositionen in unseren Handelsbüchern reduziert. Daher sehen wir derzeit keinen Bedarf für die Aufnahme neuen Kapitals, aus welcher Quelle auch immer.

An unserem Geschäftsmodell halten wir grundsätzlich fest. Für das Funktionieren des globalen Finanzsystems bleiben Kapitalmärkte unerlässlich. Deshalb wird das Investment Banking weiter eine entscheidende Rolle für Unternehmen und Institutionen spielen. Ferner gelten nach wie vor die gleichen grundlegenden langfristigen Trends, die positiv für unser Anlagemanagement sind: So ist eine private Altersvorsorge für die schnell alternde Bevölkerung in reifen Volkswirtschaften ohne Alternative und der Wohlstand in den Schwellenländern wird weiter wachsen, wenn auch langsamer. Wir sind fest davon überzeugt, dass die Deutsche Bank als eine weltweit führende Investmentbank mit einem starken Privatkundengeschäft gut aufgestellt ist, um gestärkt aus dieser Krise hervorzugehen. Zum Zeitpunkt, zu dem ich Ihnen diesen Brief schreibe, kann ich Ihnen von einem erfreulichen Start in das Jahr 2009 berichten.

Als Ausdruck unserer Zuversicht in die Zukunft der Deutschen Bank und unserer Verpflichtung gegenüber unseren Aktionären schlagen Vorstand und Aufsichtsrat der diesjährigen Hauptversammlung eine Dividende in Höhe von 0,50 € pro Aktie vor. Wir sind absolut unzufrieden mit dem Verlust für das Geschäftsjahr 2008 und fest entschlossen, alles Notwendige zu tun, um die Deutsche Bank in die Profitabilität und die Wertschaffung für unsere Aktionäre zurückzuführen. Dank unseres entschiedenen Handelns und der Stärke unseres Geschäftsmodells kann die Deutsche Bank optimistisch in die Zukunft sehen. Ich danke Ihnen für Ihre anhaltende Unterstützung.

Mit freundlichen Grüßen

Josef Ackermann
Vorsitzender des Vorstands und
des Group Executive Committee

Frankfurt am Main, im März 2009


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