Deutsche Bank – Verantwortung

Michael Schneider, verantwortlich für verantwortungsvolles Investieren im Anlagemanagement der Deutschen Bank, im Gespräch mit der WELT über Nachhaltigkeit

Deutsche Bank schickt Fondsmanager auf Schulbank

DIE WELT vom 10.08.2013 | von Karsten Seibel

Der Finanzkonzern will mehr nachhaltige Anlagen. Die Investitionsziele sollen nach Umwelt- und Sozialkriterien ausgesucht werden, sagt Bank-Manager Michael Schneider im Gespräch mit der „WELT".

Wer Michael Schneider erlebt, kann sich kaum vorstellen, dass der Mann bei der Deutschen Bank arbeitet – so begeistert wie er über Entwicklungshilfeprojekte in Afrika spricht, will das nicht recht zu einem Banker passen. Seit Juli ist der 38-Jährige in der Vermögensverwaltung für alle Themen rund um die weltweit gebräuchliche Buchstabenkombination ESG verantwortlich. Die Abkürzung steht für Geldanlage nach Umwelt- (Environment) und Sozialkriterien (Social), sowie nach Maßstäben einer guten Unternehmensführung (Governance). Vereinfacht unter dem Stichwort Nachhaltigkeit bekannt.

DIE WELT: Herr Schneider, Sie sollen bei der Deutschen Bank dafür sorgen, dass das Geld der Anleger künftig nach klaren Umwelt- und Sozialstandards investiert wird. Das klingt nach einer Herkulesaufgabe.

Michael Schneider: Es ist in der Tat eine gewaltige Aufgabe und ich gehe nicht davon aus, dass sie in wenigen Monaten erledigt ist. Doch alleine meine Ernennung zum ESG-Leiter der Deutschen Asset & Wealth Management zeigt, wie ernst das Thema auf den obersten Führungsebenen der Bank genommen wird. Das Denken verändert sich.

DIE WELT: Bei der Deutschen Bank fallen einem eher Investitionen in Rüstungsunternehmen und die viel kritisierten Nahrungsmittelspekulationen ein. Fühlen Sie sich nicht missbraucht als Alibi für den ausgerufenen Kulturwandel der neuen Führungsspitze?

Schneider: Ganz und gar nicht. Gerade die Diskussion um Nahrungsmittelspekulationen zeigt sehr gut, wie wichtig meine Aufgabe ist. Man kann es sich einfach machen und sagen, wir lassen die Finger davon – und dafür den Applaus einiger Nichtregierungsorganisationen einheimsen. Doch da frage ich, wer vertritt in dieser emotional aufgeladenen Diskussion die Sicht der Bauern in Afrika, die häufig weit mehr als die Hälfte der Bevölkerung stellen? Ich kenne die Lage in vielen Ländern, ich bin selbst Manager eines Fonds der Entwicklungszusammenarbeit für afrikanische Landwirtschaft, an dem die Deutsche Bank beteiligt ist. Deshalb kann ich sagen: Wenn der Weizen an der Rohstoffbörse in Chicago teuer ist, dann ist das sicherlich nicht zum Nachteil eines Bauern in Sambia. Im Gegenteil: Dann lohnt es sich für ihn, über den Eigenbedarf hinaus Weizen anzubauen, weil es sehr teuer wäre, das Getreide zu den hohen Weltmarktpreisen zu importieren.

DIE WELT: Sie meinen, die Bauern in Afrika sollten der Deutschen Bank dankbar dafür sein, dass sie an Nahrungsmittelspekulationen festhält?

Schneider: Ich trete für eine differenzierte Sicht auf die Dinge ein. Es ist selten eine Frage von Schwarz oder Weiß, wir müssen uns bei solchen Themen erlauben, in Grautönen zu denken. Anderes Beispiel: die Einspeisevergütung für Solar- und Windenergieerzeuger. Sollte man dies als Investor unterstützen, weil es die Energiewende unter Umständen beschleunigt? Oder ist eine solche Vergütung am Ende vielleicht sogar kontraproduktiv, weil es den Strom unnötig verteuert und falsche Anreize setzt? Auch hier lassen sich für beide Seiten Argumente finden. Das werden wir in Zukunft sehr viel stärker mit unseren Anlegern diskutieren.

DIE WELT: Und wer bestimmt am Ende, was gut oder schlecht ist?

Schneider: Kunden, Investoren und die Öffentlichkeit müssen sehr viel stärker als in der Vergangenheit über solche Zusammenhänge sprechen. Dazu laden wir ein, dabei wollen wir als Deutsche Bank künftig eine führende Rolle spielen.

DIE WELT: Und dafür verzichtet die Deutsche Bank auf Rendite?

Schneider: Um das klar zu sagen: Die ökonomischen Interessen unserer Kunden stehen auch künftig über allem. Anders geht es nicht. In der Vermögensverwaltung, über die wir hier ausschließlich reden, ist die Deutsche Bank lediglich Treuhänder des anvertrauten Geldes. Wir dürften gar nicht sagen, mit der Aktie verdient der Anleger zwar nichts, aber wir fühlen uns besser, wenn sie in unseren Fonds liegt.

DIE WELT: Also gilt doch das Sprichwort: „Erst kommt das Fressen, dann die Moral".

Schneider: Das ist wieder schwarz-weiß gedacht. Unsere Überzeugung ist, dass Unternehmen dann an der Börse erfolgreicher sind, wenn sie einen verantwortlichen Ansatz verfolgen. Verantwortliches ökologisches und soziales Handeln ist gleichzusetzen mit ökonomischen Interessen und daher per Definition im Sinne unserer Kunden.

DIE WELT: Sie meinen mit „verantwortlich" einen nachhaltigen Ansatz?

Schneider: Das Wort „nachhaltig" mag ich nicht, es wurde in der Vergangenheit überstrapaziert – auch in der Investmentbranche. Dort wurden mit dem Label „Nachhaltigkeit" Fonds verkauft, in denen sich Aktien eines Ölkonzerns fanden, dessen Bohrinsel in Flammen aufging, oder die eines Kraftwerksbetreibers, dessen Anlage in Japan für eine Katastrophe sorgte. Wir fordern von Unternehmen ein verantwortliches Handeln – auch und vor allem im Sinne der Risikovermeidung. Dazu gehören Umweltthemen genauso wie faire Arbeitsbedingungen. Wir sehen doch immer wieder, wie Großkonzerne in Erklärungsnot geraten, weil sie unter menschenunwürdigen Bedingungen in Asien produzieren lassen. Das wirkt sich auch auf den Aktienkurs aus.

DIE WELT: Aber haben die Fondsmanager der Deutschen Bank solche Risikopunkte nicht heute schon im Blick, wenn sie Aktien auswählen?

Schneider: Natürlich haben sie das auch heute schon im Blick – aber vielleicht nicht in dem Maße, wie es sein könnte. Bislang fehlt häufig schlicht das Wissen über bestimmte Zusammenhänge. Großprojekte in Lateinamerika oder Afrika scheitern oft an vermeintlichen Kleinigkeiten, etwa weil der Landerwerb vor Ort ohne Einbeziehung und Zustimmung der indigenen Völker und des Stammesältesten auf keinen Fall erfolgen sollte, oder weil die Abwässer von Minenprojekten wenige Kilometer weiter das Trinkwasser ganzer Dörfer verseuchen. Das Verständnis für solche Punkte wollen wir durch Schulungen verbessern. Wie werden unsere Datenbanken, die von den Fondsmanagern und Vermögensverwaltern bei der Wertpapierauswahl genutzt werden, entsprechend erweitern.

DIE WELT: Welche Rolle spielen alternative Ratingagenturen wie Oekom bislang bei der Deutschen Bank?

Schneider: Wir beziehen die Berichte solcher Agenturen bereits. Welchen Einfluss sie auf Anlageentscheidungen tatsächlich haben, werde ich in den nächsten Monaten schauen. Ziel ist es, dass über kurz oder lang alle Portfolios auf Nachhaltigkeitskriterien überprüft und gegebenenfalls einzelne Positionen noch einmal mit dem Fondsmanager diskutiert werden.

DIE WELT: Oekom hatte früh vor griechischen Staatsanleihen gewarnt und auf den riesigen Verteidigungshaushalt verwiesen. Mit einem rechtzeitigen Verkauf hätten auch die Deutsche Bank und ihre Kunden Verluste vermieden.

Schneider: Ob der Verteidigungshaushalt eines EU-Staates ein gutes Kriterium war, möchte ich dahingestellt lassen. Aber klar ist, auch solche Punkte werden wir in Zukunft stärker bei unseren Anlageentscheidungen beachten. Verantwortlicher Handeln müssen nicht nur Unternehmen, sondern auch Länder, wenn sie von unseren Kunden weiterhin Geld haben wollen. Wir wollen als Treuhänder in einem ständigen Dialog sein. Das wird sich beispielsweise auch auf unsere Auftritte auf Hauptversammlung auswirken.

DIE WELT: Die Fondsmanager werden sich häufiger zu Wort melden?

Schneider: Wir werden bei den Aktionärstreffen im kommenden Jahr Umwelt- und Sozialthemen noch klarer adressieren.

DIE WELT: Wann wird die im Asset & Wealth Management verwaltete Billion Euro nach Ihren Vorgaben gemanagt?

Schneider: Schon heute bewerten wir für unsere Fondsmanager Unternehmen nach etwa 150 Umwelt- und Sozialkriterien. Wir wissen, wie verantwortliche Unternehmen wirtschaften. Das wollen wir ausbauen und kommunizieren. Wie schon gesagt, wir sollten nicht so tun, als ginge das von heute auf morgen. Wir müssen dies letztlich in alle Wertpapierprospekte hineinschreiben, damit der Kunde schon vor dem Kauf klar weiß, nach welchen Kriterien wir anlegen. Das ist im Sinne von Produktklarheit und Produktwahrheit unumgänglich.

DIE WELT: Für wie viel Prozent des verwalteten Vermögens gilt das bislang schon?

Schneider: Rund dreieinhalb Milliarden Euro liegen bislang in ausgewiesenen Nachhaltigkeitsfonds der Deutschen Bank. Aber alle Fonds haben Zugang zu unseren Nachhaltigkeits-Rankings und berücksichtigen diese in ihren Entscheidungen. Ich möchte in wenigen Jahren sagen können, dass alle unsere Fonds auch nach diesen Kriterien gemanagt werden.

michael-schneider.jpg

Michael Schneider, verantwortlich für verantwortungsvolles Investieren im Anlagemanagement der Deutschen Bank.

„Wir for­dern von Unter­neh­men ein ver­ant­wort­liches Han­deln – auch und vor allem im Sinne der Risiko­ver­mei­dung. Dazu gehö­ren Um­welt­the­men genauso wie faire Arbeits­be­dingun­gen.”

Michael Schneider

Das könnte Sie auch interessieren