Handelsblatt Nr. 006 vom 09.01.2014, Seite 012

Stimmt es, dass Lebensmittelspekulation Hunger verursacht?

Die Organisation Foodwatch prügelt mit einer wissenschaftlichen Studie erneut auf ein populäres Scheinproblem ein, anstatt sich auf den Kern des Hunger-Problems zu konzentrieren: Biokraftstoffe.

Von Norbert Häring

Über einen Fonds, der in Aktien, Anleihen und Rohstoffe investiert, bin ich an Nahrungsmittelspekulation beteiligt. Wenn ich damit die Nahrungsmittelpreise nach oben treibe und Hunger verursache, habe ich ein schlechtes Gewissen.

Ein Überblick über die wissenschaftliche Literatur zu dem Thema von einer Gruppe um den Wirtschaftsethiker Ingo Pies beruhigte mich nicht, weil die Auswahl und Darstellung der präsentierten Studienergebnisse allzu erkennbar auf Entwarnung ausgerichtet waren. Kürzlich hat nun der Bremer Wirtschaftswissenschaftler Hans Heinrich Bass im Auftrag der Organisation Foodwatch eine konkurrierende Literaturübersicht vorgelegt.

Sie ist nicht minder einseitig, wie man schon dem Vorwort entnehmen kann. "Sollte nicht längst auch bei den in diesem Geschäftsfeld noch tätigen Finanzinstitutionen die Einsicht in die schädlichen Folgen ihres Handelns gereift sein?", fragt er dort.

Das Hauptargument für die Unschädlichkeit von Investments in Agrarrohstoffe, das bisher mein Gewissen beruhigt, lautet: Finanzinvestoren kaufen nicht den physischen Weizen, sie investieren an den Terminmärkten für Weizen. Echter Weizen wechselt dabei nicht den Besitzer. Er wird den Armen auch nicht von den Spekulanten weggegessen.

Der positive Effekt: Die Anleger treiben die Nachfrage am Terminmarkt hoch. Das bewirkt, dass Produzenten, die sich gegen fallende Preise absichern wollen, für diese Absicherung oft sogar vergütet werden. Das macht die Produktion attraktiver und senkt tendenziell die Preise.

Auf dieses Argument geht Bass nicht ernsthaft ein. Er behauptet vielmehr lapidar, wenn den Indexfonds die Investition in Rohstoffe verboten würde, würde das die Versicherungsfunktion der Terminmärkte nicht beeinträchtigen. Stattdessen stellt er unter Verweis auf eine Studie fest, dass die Spekulation die Preisschwankungen erhöht - die täglichen wohlgemerkt, als ob Preisschwankungen von Tag zu Tag für Hungerprobleme verantwortlich wären.

Foodwatch und Bass sollten sich lieber auf den wahren Skandal konzentrieren: die Umwidmung riesiger Flächen von Nahrungsmittelproduktion auf Energieproduktion. Dass diese die Nahrungsmittelpreise nach oben treibt, ist kaum zu leugnen.

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