Agrarspekulation hilft Risiken begrenzen

Termingeschäfte mit Agrarrohstoffen sind für den Agrarmarkt von großer Bedeutung. Sie helfen Landwirten, Lebensmittelherstellern und Händlern, Preisrisiken zu umgehen und verlässlich zu planen. Und sie tragen zu mehr Liquidität auf dem Markt bei. Spekulanten wie die Indexfonds übernehmen dabei eine wichtige Rolle.

Seit Jahrzehnten sichern sich Landwirte und Lebensmittelhersteller mit Terminverträgen gegen Preisrisiken ab. Ursprünglich bestimmten diesen Markt vor allem Teilnehmer, die tatsächlich Agrarprodukte an- und verkauften. Über Finanzprodukte wie die Agrar-Indexfonds kann inzwischen praktisch jeder Anleger am Agrar-Terminmarkt teilnehmen.

Wie der Agrar-Terminmarkt funktioniert

Landwirte und Lebensmittelhersteller sind darauf angewiesen, mit möglichst sicheren Preisen zu kalkulieren. Dazu schließen sie am Terminmarkt Kontrakte ab. Ein solcher Terminkontrakt garantiert die Lieferung oder Abnahme einer bestimmten Menge eines Agrarprodukts, etwa Weizen, zu einem festen Preis. Entscheidend ist, dass der Kontrakt erst zu einem späteren Termin wirksam wird. Damit muss beim Vertragsabschluss weder der Landwirt bereits über den verkauften Weizen, noch der Käufer bereits über die Liquidität für den Kauf verfügen.

Nun haben Verkäufer und Käufer unterschiedliche Ziele. Der Landwirt möchte einen möglichst hohen Festpreis für seine nächste Ernte erreichen. Er braucht also einen Vertragspartner, der auf steigende Preise setzt. Der Lebensmittelhersteller hingegen will sich einen möglichst niedrigen Preis sichern. Er sucht deshalb einen Gegenpart, der mit fallenden Preisen rechnet.

An dieser Stelle kommt der Spekulant ins Spiel. Spekulanten setzen, je nach Einschätzung, auf steigende oder sinkende Preise. Damit sind sie genau die Partner, die der Landwirt und der Lebensmittelkonzern brauchen, um ihre Risiken am Terminmarkt abzusichern.

Agrar-Terminmarkt

Terminmärkte helfen Risiken zu begrenzen

Terminkontrakte garantieren die Lieferung oder Abnahme einer bestimmten Menge eines Agrarprodukts zu einem festen Preis.

Wie ein Getreidebauer am Terminmarkt den Preis für seine Ernte sichert

  • Im April plant Maisbauer A, seine Ernte im folgenden November zu den dann geltenden Kassapreisen an Großhändler B zu verkaufen. Er möchte dabei einen Preis von 100 erzielen. Ende Juni zeichnet sich in Deutschland und Europa eine sehr gute Maisernte ab. A fürchtet daher, die Preise könnten zurückgehen.
  • Auf dem Terminmarkt schließt A ein Geschäft ab, um sich abzusichern. Mit Spekulant C, einem Indexfonds, vereinbart A einen Festpreis für den Verkauf seiner Ernte im November (Kontrakt 1). C fungiert gewissermaßen als Mittler. Er ist nicht daran interessiert, den Mais tatsächlich abzunehmen. Vielmehr wettet er auf höhere Preise und ist bereit, das damit verbundene Risiko zu tragen.
  • Im November verkauft Maisbauer A seine Ernte wie geplant an Großhändler B. Kurz zuvor schließt er jedoch ein zweites Termingeschäft ab (Kontrakt 2). Darin verpflichtet er sich, dieselbe Menge Mais zum selben Zeitpunkt anzukaufen, wie er sie in Kontrakt 1 verkaufte, nun jedoch zum aktuellen Preis. Inhaltlich neutralisiert Kontrakt 2 somit Kontrakt 1. 
  • Nehmen wir an, A hatte mit C in Kontrakt 1 einen Preis von 100 vereinbart. Fällt nun der Preis am Gütermarkt auf 70, erzielt A aus beiden Termingeschäften unterm Strich einen Überschuss von 30. Seine reale Ernte verkauft er an B zum Preis von 70.
  • Erhöht sich jedoch der Preis anders als erwartet auf 120, macht A mit seinen beiden Termingeschäften im Saldo einen Verlust von 20, während B ihm die reale Maisernte zum Preis von 120 abnimmt. 
  • Der Effekt: In beiden Fällen erzielt A für seine Ernte den gewünschten Preis von 100.

Genau genommen werden am Terminmarkt damit lediglich finanzielle Forderungen ausgetauscht. Der Zweck: Ein gewünschter Preis wird abgesichert, indem das Preisrisiko über Terminverträge auf mehrere Akteure verteilt wird. Die Verpflichtungen zum Verkauf und zum Kauf heben sich damit also gegenseitig auf. Prof. Ingo Pies, Wirtschaftsethiker an der Universität Halle-Wittenberg bestätigt: „In der Tat tauschen die Vertragspartner auf dem Terminmarkt in der Regel nur finanzielle Forderungen aus“ – also keinen tatsächlichen Weizen.

Übrigens: Mehr von Prof. Pies lesen Sie in „Die Moral der Agrarspekulation“. Den ganzen Artikel finden Sie im Bereich Stimmen aus der Öffentlichkeit.

Welche Rolle Indexfonds spielen

Indexfonds werden von Banken und Versicherungen aufgelegt und verwaltet. Ein Agrar-Indexfonds investiert in Termingeschäfte mit mehreren Agrarrohstoffen, die in einem Index gelistet sind, zum Beispiel Mais, Weizen oder Sojabohnen. Anders als häufig angenommen, erwirbt der Fonds aber nicht die wirklichen Feldfrüchte, sondern lediglich Terminkontrakte.

Dabei investiert der Fonds – um beim Beispiel zu bleiben – im selben Verhältnis in Mais, Weizen oder Sojabohnen, wie diese auch in dem Index enthalten sind. Berücksichtigt der Index zum Beispiel Mais mit einem Anteil von 20 Prozent, entfallen auch 20 Prozent des Anlagewerts des Indexfonds auf Terminkontrakte für Mais.

Steigen die Preise für Mais, muss der Fonds folglich Maiskontrakte veräußern, um die festgelegte Gewichtung aufrechtzuerhalten. Fällt der Preis, kauft er Maiskontrakte hinzu. Auf diese Weise federn Indexfonds starke Preisausschläge ab und stabilisieren den Markt.

 

 

Wie haben sich Preise in den letzten Jahren verhalten und was ist die Position der 20 wichtigsten Industrie- und Schwellenländer? Mehr erfahren Sie im Artikel „Agrarspekulation und Rohstoffpreise – gibt es einen Zusammenhang?“

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