Deutsche Bank – Verantwortung
19. Januar 2013

Fragen und Antworten zum Thema Investieren in Agrarrohstoffe

Der Umgang mit Agrarrohstoffen wird seit einiger Zeit kontrovers diskutiert. Die Deutsche Bank hatte bereits 2011 eine Arbeitsgruppe zur Rolle von Finanzinvestoren bei Warenterminmärkten eingesetzt und im März 2012 entschieden, zunächst keine neuen börsengehandelten Anlageprodukte auf der Basis von Grundnahrungsmitteln mehr aufzulegen.

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Die eingesetzte Arbeitsgruppe ist nach umfangreicher Prüfung und der Auswertung zahlreicher Untersuchungen zu dem Ergebnis gekommen, dass es kaum stichhaltige empirische Belege für die Behauptung gibt, die zunehmende Bedeutung von Agrarfinanzprodukten sei für Preissteigerungen oder erhöhte Preisschwankungen verantwortlich. Gleichzeitig werden aber zahlreiche Vorteile von Agrar-Terminmärkten für Landwirte und Nahrungsmittelverarbeitung gesehen.

Deshalb hat die Deutsche Bank entschieden, dass sie im Interesse ihrer Kunden weiterhin Finanzinstrumente auf Agrarprodukte anbieten wird. Weitere Informationen zu dieser Entscheidung sowie eine Zusammenfassung der Ergebnisse der Arbeitsgruppe finden Sie in den nachfolgenden Fragen und Antworten.

1. Wie ist das Geschäft der Deutschen Bank im Agrarsektor aufgestellt?

  • Der Agrarsektor ist ein elementarer Bestandteil der Weltwirtschaft. Allein in den Entwicklungsländern müssen jährlich über 80 Milliarden US-Dollar investiert werden, um die Produktivität und Produktion so anzukurbeln, dass die steigende Nachfrage nach Agrargütern in den kommenden Jahrzehnten gedeckt werden kann.
  • Wir unterstützen diesen Investitionsbedarf. Über die Fonds der Deutschen Bank können unsere Kunden in die gesamte Wertschöpfungskette im Agrarbereich investieren, einschließlich Innovation und Technologie. Dies kann in Form von Aktien oder Direktinvestitionen erfolgen oder – wie im Fall des Africa Agriculture Trade and Investment Fund – auch in Form von zusätzlichem Fremdkapital. Der Fonds stellt dieses Kapital Landwirten und privatwirtschaftlichen Unternehmen  direkt oder indirekt über das entsprechende lokale Bankensystem zur Verfügung.
  • Die Kreditfinanzierung von landwirtschaftlichen Betrieben, Handelsunternehmen und Nahrungsmittelproduzenten gehört natürlich auch zu unserer Geschäftstätigkeit. Unsere Kunden sind auf der ganzen Welt zuhause.
  • Und nicht zuletzt bieten wir unseren Kunden sowohl Absicherungsgeschäfte für Agrarrohstoffe als auch börsengehandelte Indexprodukte (ETFs) an.

2. Warum bietet die Deutsche Bank ihren Kunden weiterhin Agrarfinanzprodukte an?

  • Wir haben uns gründlich mit den Ursachen von steigenden und schwankenden Nahrungsmittelpreisen auseinandergesetzt. Eine Vielzahl von Studien belegt, dass die wesentlichen Ursachen für das Steigen der Nahrungsmittelpreise in der kontinuierlich steigenden Nachfrage nach Grundnahrungsmitteln liegen, der kein ausreichender Anstieg des Angebots gegenübersteht. Die Nachfrage steigt an, weil die Weltbevölkerung sowie die Einkommen in den Entwicklungsländern stark zunehmen, während die Produktion durch Wasserknappheit, Klimawandel, mangelnde Infrastruktur und der Verrottung von Ernteerträgen begrenzt ist.
  • Die Auswertung zahlreicher Untersuchungen ergab, dass es kaum stichhaltige empirische Belege für die Behauptung gibt, die zunehmende Bedeutung von Agrarfinanzprodukten sei für Preissteigerungen oder erhöhte Preisschwankungen verantwortlich.
  • Gleichzeitig sehen wir zahlreiche Vorteile von Agrar-Terminmärkten für landwirtschaftliche Betriebe und Verarbeiter von Nahrungsmitteln. Erstens ermöglichen sie es Produzenten und Verarbeitern, sich gegen zukünftige Preisänderungen abzusichern.
  • Zweitens liefern sie robuste Preissignale, die es Landwirten ermöglichen, unter Berücksichtigung von Produktionszeiten das Angebot genauer einzuschätzen und dadurch besser zu planen. Und drittens geben sie Landwirten die gewünschte Planungssicherheit für Investitionen in Infrastruktur und Landwirtschaftstechnologien. Finanzinvestoren erhöhen die Liquidität auf den Märkten.
  • Nach intensiver Prüfung und Beratung haben wir deshalb einen vorübergehenden Stopp für die Auflage neuer börsengehandelter Produkte auf Agrarrohstoffe aufgehoben. Auch künftig werden wir bei neuen Produkten prüfen, dass die zugrunde liegenden Investitionsstrategien nicht das Entstehen von Preisspitzen begünstigen.

3. Sind Finanzinvestoren verantwortlich für hohe Lebensmittelpreise, die eine Ursache für den Hunger vieler Menschen sind?

  • Die Nahrungsmittelnachfrage übersteigt das Angebot erheblich; dadurch steigen die Rohstoffpreise. Ohne wesentliche Investitionen in die Landwirtschaft werden steigende Preise zu einem festen Bestandteil des Agrarsektors werden.
  • Es wird prognostiziert, dass die Welt bis 2050 neun Milliarden Menschen ernähren muss. Darüber hinaus wird erwartet, dass der größte Anteil des Bevölkerungswachstums in Entwicklungsländern stattfinden wird, wo die Mittelschicht rapide wächst.
  • Aufgrund des sich ändernden Konsumverhaltens wirkt sich das Bevölkerungswachstum insbesondere auch auf die Nachfrage von Fleisch in Entwicklungsländern aus. In der Fleischproduktion wird in der Regel zwei- bis fünfmal mehr Getreide verbraucht, um denselben Kalorienwert zu erreichen, den das zur Fütterung verwendete Getreide selbst aufweist.
  • Gleichzeitig ist das Nahrungsmittelangebot in vielen Entwicklungsländern gefährdet, weil Produktion und Verteilung reglementiert sind. Weitere Gründe sind unter anderem veraltete Anbautechniken, zunehmende Extremwetterlagen, Auswirkungen des Klimawandels sowie hochgradig ineffiziente Lagerung und Verteilungsinfrastrukturen für Nahrungsmittel.
  • Durch den Einsatz verbesserter Techniken könnte die landwirtschaftliche Produktion erheblich gesteigert werden. Wenn Landwirte mehr Umsätze mit ihrer Ernte erwirtschaften, könnten sie Geräte kaufen, die wiederum die Produktionsmenge erhöhen und zur Bedarfsdeckung beitragen.
  • Rohstoffpreise sind isoliert betrachtet bedeutungslos; wichtig ist die Erschwinglichkeit. Armut macht Nahrungsmittel weniger bezahlbar und führt zu Hunger. Das Nahrungsmittelangebot zu erhöhen, sollte dazu beitragen, die Preise zu senken und Armut zu mindern.

4. Welche Rolle spielen Spekulanten? Gibt es ein Risiko exzessiver Spekulation?

  • Spekulativ ausgerichtete Anleger sind unverzichtbar für das Funktionieren von Rohstoffmärkten. Es sind die Investoren, Kursmakler und Händler, die dazu beitragen, dass Produzenten und die verarbeitende Industrie, die sich absichern wollen, dafür einen liquiden Markt finden.
  • Die Rolle von Spekulation auf den Rohstoffmärkten wurde intensiv untersucht und es gibt bisher keine schlüssigen Beweise und daher auch keinen Konsens darüber, dass sie exzessiv ist oder die Preise einseitig nach oben beeinflusst.
  • Je mehr Marktteilnehmer und je breiter das Spektrum, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass der Markt die beste Liquidität, Effizienz und Transparenz bereitstellen kann. Daraus leiten sich dann Preise ab, die die zugrunde liegenden Wirtschaftsparameter abbilden.
  • Die Produzenten von Nahrungsmitteln brauchen ein vernünftiges und robustes Preissignal, um Investitionsentscheidungen zu treffen, wie zum Beispiel in Bezug auf die Einführung von fortschrittlicheren, landwirtschaftlichen Verfahren zur Produktionsförderung. Sie brauchen zudem Terminmärkte, um sich in der Anbausaison gegen das Risiko sich verändernder Preise abzusichern.

5. Haben sich die Rohstoffpreise von Angebot und Nachfrage losgelöst?

  • Die Preisbildung auf Märkten, auch auf Agrarmärkten, ist ein Suchprozess, bei dem es auch zu einem vorübergehenden Überreagieren der Preise kommen kann.
  • Es ist außerdem klar, dass zunehmende, finanzielle Investitionen in derivativen Agrarmärkten nur dann zu Preissteigerungen auf den Kassamärkten führen können, wenn es eine gestiegene Nachfrage nach physischen Rohstoffen gibt.
  • Alle Indizien sprechen dafür, dass Finanzinvestoren keine zusätzliche Nachfrage kreieren. Dies spiegelt im Groben die Tatsache wider, dass keiner der auf Agrarrohstoff-basierten Indexfonds oder börsennotierten Fonds (ETF) von physischen Rohstoffen gedeckt wird.

6. Aber ist es nicht wahr, dass Spekulationen mit Rohstoffen den Preis auf lokalen Märkten in die Höhe treiben?

  • Zunächst werden die Preise von fundamentalen Faktoren wie der Nachfrage von Verbrauchern und der verarbeitenden Industrie einerseits, Ernteergebnissen und -aussichten sowie vorhandenen Lagerbeständen andererseits bestimmt. Zu deutlichen lokalen Preisabweichungen kommt es überall dort, wo Handel beschränkt ist.
  • Für Reis gibt es, anders als für Mais oder Weizen, keine etablierten liquiden Terminmärkte. Dennoch sind beim Reis ähnliche Preisschwankungen zu beobachten wie bei Mais und Weizen, nur dass die Produzenten und Verarbeiter sich gegen schwankende Reispreise nicht absichern können.

7. Brauchen wir mehr Vorschriften in Derivate-Märkten? Sollten Finanzinvestitionen in Rohstoffmärkten untersagt werden?

  • Die G20 haben einen Fünf-Punkte-Plan zur Volatilität von Lebensmittelpreisen und Landwirtschaft aufgesetzt, der viele der strukturellen Mängel des Sektors aufgreift. Er fördert zudem eine angemessene Reform der Regelungen, die den Marktmissbrauch einschränken und die Transparenz steigern sollen. Die Deutsche Bank unterstützt diese Vorschläge mit Nachdruck.
  • Funktionierende Märkte benötigen einen soliden regulatorischen Rahmen. Dies gilt für Derivate-Märkte wie auch für jeden anderen Markt. Verbesserte Transparenz hilft zudem, die Integrität des Marktes zu gewährleisten.
  • Positionsgrenzen, wie sie in der Europäischen Union als Teil der „Markets in Financial Instruments Directive“ (MiFID) eingeführt werden sollen, sind allerdings kritisch zu sehen. Solche Maßnahmen würden die Fähigkeit der Banken einschränken, auf die Bedürfnisse ihrer Kunden zugeschnittene Geschäfte anzubieten.
  • In den USA sind von der Commodity Futures Trading Commission (CFTC) eingeführte Regeln für Positionsgrenzen von den Gerichten bereits wieder ausgesetzt worden, da die CFTC nicht belegt hat, dass solche Regeln für die Begrenzung von „exzessiver Spekulation“ notwendig ist. Die CFTC hat Berufung eingelegt.