01. Juni 2015

G7 muss Zeichen für klimafreundliche Wirtschaft setzen. Ein Kommentar von Paul Polman und Caio Koch-Weser

Die Debatte um den globalen Klimaschutz ist im Wandel. Vor allem rücken die wirtschaftlichen Chancen des Klimaschutzes zunehmend in den Vordergrund. Dies sollte Anlass für die Staats- und Regierungschefs der G7 sein, klimafreundliches Wachstum bei ihrem Gipfel zu einem zentralen Thema zu machen.

Der „New Climate Economy“-Bericht, zu dem wir als Mitglieder der „Global Commission on the Economy and Climate“ beigetragen haben, zeigt, dass Klimaschutz und Wirtschaftswachstum einander positiv beeinflussen können.

Die USA, China und weitere Regierungen haben inzwischen weltweit verbindliche und glaubwürdige Klimaschutzpläne vorgelegt. Der Richtungswechsel wird durch derzeit 500 Klimagesetze weltweit manifestiert.

Zwar geht die globale Klimaschutzwende nicht schnell genug. Fest steht jedoch, dass wir uns mittendrin befinden. Die Frage ist also nicht, ob wir diese Transition wollen – sondern wie wir die Veränderungen am besten managen.

Die europäische Wirtschaft muss sich zunehmend in einem Umfeld wechselseitiger Abhängigkeiten behaupten. Globaler Handel, internationale Investitionen, komplexe Zulieferketten und Logistiksysteme, moderne Kommunikationstechnologie und Digitalisierung beeinflussen die Richtung der wirtschaftlichen Entwicklung entscheidend.

Gleichzeitig legen die Schwellenländer ein rasantes, wenngleich derzeit gebremstes, Wachstum vor. China etwa ist mittlerweile der weltweit größte Investor in saubere Technologien. Asien wird im Jahr 2030 voraussichtlich 60 Prozent Anteil an den Konsumausgaben der globalen Mittelschicht haben; im Jahr 2009 waren es noch 23 Prozent.

Diese Entwicklungen verlangen nach einer grundlegenden Neuausrichtung in Europa.

Erstens müssen wir angesichts der fortschreitenden Transition hin zu einer klimaverträglichen Wirtschaftsweise sicherstellen, dass Investitionen auf einer gründlichen Analyse von Klima- und regulatorischen Risiken getätigt werden. Die Warnungen vor einer CO2-Investitionsblase, die einen Wertverlust CO2-intensiver Vermögenswerte impliziert, sollten wir ernst nehmen. Investoren wie der 900-Milliarden-Dollar schwere norwegische Staatsfonds haben erkannt, dass der Klimawandel ihre Renditen schmälern wird, und dass Regierungen früher oder später ernst machen werden mit dem Klimaschutz.

Die umfassende Messung und Offenlegung von Risiken müssen zur Grundlage aller Investitionsentscheidungen werden. Klimaschutz und ein grundsätzlich besseres Risikoverständnis sollten zukünftig für die gesamte Finanzindustrie eine wichtigere Rolle spielen: in Entscheidungsprozessen, bei der Unternehmensbewertung, in den Mandaten von Vermögensverwaltern, bei Finanzanalyse und Bonitätsprüfungen. Dies könnte auch dazu beitragen, das Vertrauen in den Finanzsektor wiederherzustellen.

Zweitens sollte die Europäische Union Vorreiter bei der Entwicklung neuer Schlüsselmärkte werden, wo ehrgeizige Standards und Marktzugangsregelungen starke Anreize für Pioniere setzen. Innovationen werden entscheidend für die europäische Wettbewerbsfähigkeit sein.

Eine auf Innovation ausgerichtete europäische Industriepolitik muss im Einklang mit einem kreislaufwirtschaftlichen Ansatz stehen. Die Herausforderung, Einwegprodukte durch Mehrwegprodukte zu ersetzen und die dafür nötigen Logistik-Systeme zu entwickeln, schafft einen kraftvollen Impuls für neue Ideen – und für neue Jobs. Unternehmen wie Renault, Philips und Vodafone haben bereits kreislaufwirtschaftliche Prinzipien eingeführt. Unilever hat durch sein „Null-Abfall-Programm“ schon 200 Millionen Euro eingespart.

Der Aufbau von Clusterstrukturen kann zusätzliche Innovationsdynamik entfachen. Ein Beispiel dafür sind die „Knowledge and Innovation Communities“, in denen die EU Akteure aus Bildung, Forschung und der Wirtschaft zusammenbringt. Anreize zur Clusterbildung sollten zunehmend darauf abzielen, Klimaschutz und Wettbewerbsfähigkeit im Rahmen einer übergreifenden europäischen Industriepolitik zusammenzuführen.

Wandel passiert oft schneller, als man glaubt. Der Rest der Welt erwartet von der G7, dass sie zielstrebig mit gutem Beispiel vorangeht: Die Einigung auf ein weltweites Null-Emissionsziel bis 2050 wäre ein wichtiger Meilenstein auf dem Weg zu einer klimafreundlichen Wirtschaft.

Die Autoren gehören der Global Commission on the Economy and Climate an. Caio Koch-Weser ist Vice Chairman der Deutschen Bank und Aufsichtsratsvorsitzender der European Climate Foundation. Paul Polman ist CEO von Unilever und Chairman des World Business Council for Sustainable Development.

Der Artikel wurde im Handelsblatt und anderen internationalen Zeitungen, z.B. in The Guardian, veröffentlicht.

Caio Koch-Weser

Caio Koch-Weser
Vice Chairman der Deutschen Bank

Paul Polman

Paul Polman
CEO von Unilever

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