Hintergrund: „Lebensmittelspekulation“ – die Fakten

Den Dingen auf den Grund gehen und überlegt Handeln: Dieser Leitgedanke gilt für uns auch beim intensiv diskutierten Thema „Lebensmittelspekulation“. Denn: Ein plakativer Stempel ist dem Thema schnell aufgedrückt. Bei näherem Hinsehen ist die Sachlage komplex, pauschal gefällte Urteile wie ja oder nein, Fluch oder Segen, schwarz oder weiß werden der Frage nicht gerecht.

Die Deutsche Bank hatte deshalb bereits 2011 eine Arbeitsgruppe ins Leben gerufen. Fachleute aus Finanzbereich und Landwirtschaft waren mit der Lösung nur einer Frage betraut: Gibt es einen belegbaren, direkten Zusammenhang zwischen Agrar-Finanzprodukten und schwankenden oder gar steigenden Rohstoffpreisen?

Bis zur Klärung dieser Frage hatten wir im März 2012 zunächst vorsorglich entschieden, keine neuen an Börsen gehandelten Produkte mehr einzuführen, die auf dem Handel mit Grundnahrungsmitteln aufbauen, und die Ergebnisse der Arbeitsgruppe abzuwarten.

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Die Ergebnisse der Arbeitsgruppe

Die Forschungsarbeit der Gruppe brachte hochinteressante Ergebnisse zutage: „Lebensmittelspekulationen“ haben keineswegs nur negative Folgen. „Es gibt keine eindeutige Evidenz, dass Investitionen in Warenterminmärkte die Preise langfristig nach oben treiben. Für Landwirte und die Lebensmittelverarbeitung bieten sie sogar zahlreiche Vorteile“, fasst Dr. Claire Schaffnit-Chatterjee, Mitglied der Expertengruppe, zusammen. Grund genug für die Deutsche Bank, ihren Kunden heute und in Zukunft wieder neue Investitionen in den Agrarmarkt zu ermöglichen.

1. Die Deutsche Bank ist im und rund um den Agrarbereich aktiv. Warum und wie genau?

Landwirtschaft und alles was dazugehört, sind grundlegende Bereiche in der Wirtschaft – weltweit. Aber nicht überall funktioniert der Bereich gleich gut. Allein in den Entwicklungsländern sind jährlich Investitionen von über 80 Milliarden Dollar notwendig: Dadurch Betriebe und Erträge zu fördern, ist ein wichtiger Schritt, um die steigende Nachfrage abzudecken.

Diese Nachfrage wird in den nächsten Jahrzehnten noch weiter stark steigen. Ein finanzielles Engagement hat zunächst nichts mit dem mit dem Schlagwort „Lebensmittelspekulation“ zu tun: Denn die Finanzmittel werden dringend benötigt, auch für Investition in die Infrastruktur.
Deswegen ist die Deutsche Bank in diesen Bereichen aktiv:

  • Über börsengehandelte Fonds auf landwirtschaftliche Indizes investieren unsere Kunden in die gesamte Kette der Produktion: von der Aussaat über die Verarbeitung bis zum Vertrieb. Das ist Investition in die Zukunft, die Innovationen und neue Technologien fördert – und die natürlich die Chance auf interessante Erträge bietet.
  • Zugleich erhalten landwirtschaftliche Betriebe, Nahrungsmittelproduzenten und Handelsunternehmen das Kapital, um zu wachsen und sich weiterzuentwickeln. Die Deutsche Bank gewährt außerdem Kredite und finanziert dieses Wachstum – für Kunden auf der ganzen Welt.
  • Geschäfte zum Absichern von Preisen verringern die Risiken sich verändernder Preise. Erzeuger und Verarbeiter nutzen solche Geschäfte für mehr Planungssicherheit: Der Terminmarkt gibt ihnen die Sicherheit, dass sie ihre Produkte zu vorab bekannten Preisen verkaufen können.

Welche Rolle die Marktteilnehmer – darunter auch die Deutsche Bank – einnehmen, erfahren Sie weiter unten unter 5. Wer bewegt sich auf den Märkten für Lebensmittel?

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2. Warum bietet die Deutsche Bank weiterhin solche Finanzprodukte an? Verstärkt das die schwankenden Preise für Grundnahrungsmittel nicht zusätzlich?

Die bündige Antwort: Nein, das ist nicht so. „In unserer Arbeitsgruppe zu dieser Thematik haben wir uns intensiv mit diesen Fragestellungen auseinandergesetzt“, sagt Claire Schaffnit-Chatterjee. Sie ist Senior Analyst für makroökonomische Entwicklungen bei Deutsche Bank Research. „Unsere Analysen sowie die Mehrzahl der an Markt verfügbaren zeigen: Die Gründe für steigende Preise und erhöhte Schwankungen lasen sich nicht eindeutig auf Investitionen in Warenterminmärkte zurückführen“, so Schaffnit-Chatterjee weiter.

Tatsächlich schwanken die Preise aufgrund ganz anderer Einflüsse. „Sind Spekulanten Schuld am Hunger?“ fragt in diesem Zusammenhang auch provokativ die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung. Die Antwort dazu fällt klar aus, denn Fachleute sind sich einig: Die Zunahme der Weltbevölkerung ist ein Hauptfaktor der steigenden Nachfrage nach Grundnahrungsmitteln. „Allerdings führt der erfreuliche Anstieg der Einkommen in vielen Ländern auch zu einer wesentlich höheren Nachfrage, vor allem bei Getreide und Fleisch“, gibt Schaffnit-Chatterjee zu bedenken.

Doch das Angebot kann mit dieser Entwicklung nicht mithalten. Beispielhaft nennen wir Ihnen einige Gründe dafür:

  • Der Klimawandel ist deutlich spürbar, das führt langfristig zu Problemen für die Landwirtschaft. Denn Missernten durch Dürren oder starke Regenfälle nehmen damit zu. Davon sind nicht nur Entwicklungsländer betroffen. Denn auch vor kurzfristigen Wetterphänomenen ist selbst der weltweit größte Maisexporteur, die USA, nicht sicher. Nach einem nassen Frühjahr müssen die Erzeuger später aussäen und damit Einbußen beim Ertrag hinnehmen.
  • Vielerorts ist Wasser so knapp, dass es für die nötige Bewässerung nicht ausreicht. Gleichzeitig ist dies eine Herausforderung für neue Technologien, die durch Investitionen vorangebracht werden. Gerade in Entwicklungsländern ist die Infrastruktur nicht leistungsfähig genug. Dadurch ernten Landwirte weniger, als auf den Böden eigentlich möglich wäre. Investitionen helfen auch hier, die Landwirtschaft ertragreicher zu machen.
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3. Was sind die Vorteile, wenn sich Banken und Investoren im Agrarbereich bewegen?

Davon profitieren vor allem landwirtschaftliche Betriebe und die Lebensmittelverarbeitung. Die drei wichtigsten Chancen:

  1. Terminmärkte für Nahrungsmittel sind ein wirksames Mittel, um sich gegen schwankende Preise abzusichern. Das macht für Landwirte künftige Preise und Erlöse im Wortsinn „berechenbarer“. 
  2. Dadurch können landwirtschaftliche Betriebe bereits im Vorfeld abschätzen, wie sich die Situation nach der Ernte darstellen wird: Somit erhöht sich langfristig die Planungssicherheit. 
  3. Diese Planungssicherheit hilft den Anbietern, notwendige Investitionen noch genauer zu planen – oder gegebenenfalls zurückzustellen. Denn Sie können anhand der Preise am Terminmarkt abschätzen, ob Sie mit den Erlösen neben dem Saatgut für die nächste Ernte noch in Gebäude oder Technik investieren können. Diese Sicherheit ist in vielen Fällen die Voraussetzung dafür, dass überhaupt investiert wird.

Diese Gründe gaben den Ausschlag, unseren vorübergehenden Stopp von neuen börsengehandelten Produkten auf Agrarrohstoffe wieder aufzuheben. Unsere Arbeitsgruppe sieht also keine nachvollziehbare Begründung, auf Anlageprodukte im Agrarbereich zu verzichten. Legen wir allerdings ein Produkt neu auf, so prüfen wir vorher genau: Die Strategie für die Investitionen darf künftige Preisspitzen nicht begünstigen.

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4. Hohe Preise für Lebensmittel sind der Grund für den Hunger vieler Menschen. Ist der eigentliche Auslöser „Lebensmittelspekulation“?

„Lebensmittelspekulation“ gibt in dieser Frage nicht den Ausschlag. Vielmehr greifen zwei Tatsachen ineinander und verstärken sich gegenseitig – damit verschiebt sich das Verhältnis von Angebot und Nachfrage noch ungünstiger.

Die erste Tatsache:
Besonders in den Schwellenländern wächst die Mittelschicht in der Bevölkerung schon heute sehr schnell. Das ist einerseits erfreulich, andererseits erhöht sich damit auch die Nachfrage nach bestimmten Lebensmitteln wie Fleisch. Hier ist zu bedenken: In der Fleischproduktion wird in der Regel zwei- bis fünfmal mehr Getreide verbraucht, um denselben Kalorienwert wie beim Getreide selbst zu erreichen. Das stellt hohe Anforderungen an eine leistungsfähige Landwirtschaft.

Die zweite Tatsache:
Genau diese Leistungsfähigkeit der Landwirtschaft fehlt in vielen Entwicklungsländern. Nicht Lebensmittelspekulation gefährdet das Angebot – stattdessen sind in vielen Entwicklungsländern der Anbau und die Verteilung staatlich reglementiert. Veraltete Techniken des Anbaus verhindern mehr Erträge. Auch auf Auswirkungen des Klimawandels mit extremem Wetter kann die Landwirtschaft nicht reagieren. Dazu fehlen zeitgemäße Möglichkeiten, die Nahrungsmittel zu lagern und auf die Märkte zu bringen.

Zahlreiche Experten, darunter etwa die Unternehmensberatung McKinsey, gehen davon aus, dass die Welt bis 2050 neun Milliarden Menschen ernähren muss. Deswegen sind die Herausforderungen an die Landwirtschaft klar: Verbesserte Techniken könnten die landwirtschaftliche Produktion erheblich steigern. Wenn Landwirte mehr Umsätze mit ihrer Ernte erwirtschaften, könnten sie bessere Geräte kaufen. Diese wiederum erhöhen die produzierte Menge und helfen, den weiter gestiegenen Bedarf zu decken. Ohne wesentliche Investition in die Landwirtschaft passt sich das Angebot nicht an die Nachfrage an: Genau das führt wiederum zu weiter steigenden Preisen. Claire Schaffnit-Chatterjee von Deutsche Bank Research fasst zusammen: „Die langfristige Erhöhung des Angebots an Nahrungsmitteln sollte daher zu sinkenden Preisen und auch weniger Armut führen." So können auf Dauer mehr Menschen die Nahrungsmittel auch bezahlen – und brauchen nicht mehr zu hungern.

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5. Wer bewegt sich auf den Märkten für Lebensmittel? Spekulation und Investition – welche Rolle nehmen die Teilnehmer ein? Gibt es ein Risiko exzessiver Spekulation?

Spekulative Anleger sorgen mit dafür, dass Rohstoffmärkte funktionieren: Das gilt für Edelmetalle genauso wie für Mais, Weizen oder Soja. Für Produzenten und die verarbeitende Industrie ist nämlich besonders wichtig, sich mit Termingeschäften abzusichern. Das geht nur, wenn sich Investoren, Kursmakler und Händler ebenfalls im Markt bewegen: Damit gibt es zu jeder Zeit Käufer und Verkäufer – man spricht von einem liquiden Markt.

Je mehr Marktteilnehmer vorhanden sind und je verschiedener deren Strategien sowie Anlagen sind, desto liquider ist der Markt. Gleichzeitig steigt die Wahrscheinlichkeit für ein leistungsfähiges und transparentes Marktgeschehen.

Der Vorteil für die Landwirtschaft: Aus der Preisentwicklung können Produzenten ableiten, wie knapp oder wie verfügbar die Lebensmittel sind. Dadurch treffen sie Entscheidungen auf sicherer Grundlage – etwa für eine Investition in fortschrittliche Technik, mit der die Erträge steigen könnten. Zudem schützen sich Produzenten auf den Märkten gegen schwankende Preise.

Wissenschaftlich wurde die Rolle des Finanzbereichs auf den Terminmärkten gründlich untersucht. Dabei fand man keine schlüssigen und belastbaren Beweise dafür, dass Investitionen übersteigert oder zügellos wären. Zudem haben Volkswirte keine belastbaren Anzeichen dafür gefunden, dass die einfache Rechnung „Lebensmittelspekulation gleich steigende Preise“ stichhaltig wäre.

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6. Haben sich die Rohstoffpreise von Angebot und Nachfrage losgelöst?

Nein – denn was typisch für einen Markt ist, gilt auch für Agrarmärkte. Preise bilden sich, wenn Angebot und Nachfrage sich eingependelt haben. Bis zu diesem Zeitpunkt ist es üblich, dass Preise nach unten und oben ausschlagen.

Das heißt auch: Kaufen und Verkaufen an den Rohstoffbörsen würde nur dann zu steigenden Preisen führen, wenn jemand auch die Rohstoffe tatsächlich nachfragen würde – also einen Kauf tätigt. Im Finanzbereich geht es aber um Termingeschäfte, also um Optionen in der Zukunft. Näheres hierzu finden Sie auch unter Frage 4. Nach heutigem Wissensstand deutet nichts darauf hin, dass Investoren eine zusätzliche Nachfrage schaffen. Ein wichtiger Grund dafür: Indexfonds für Agrarrohstoffe handeln genauso wenig etwa mit Weizenkörnern wie viele börsennotierte Fonds.

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7. Stimmt es nicht, dass Spekulationen mit Agrarrohstoffen den Preis auf lokalen Märkten in die Höhe treiben?

Wie fast überall ergeben sich die Preise aus dem Verhältnis von Angebot und Nachfrage (bitte vergleichen Sie dazu auch Frage 6). Dies wird von vielen Faktoren beeinflusst – vor allem von dem erwarteten oder tatsächlichen Ergebnis der Ernte. Dazu gehören auch die Nachfrage und die Menge an gelagerten Lebensmitteln und Rohstoffen. Deutliche Veränderungen im Preis ergeben sich oft dann, wenn der Handel eingeschränkt ist. Dafür kann die Infrastruktur ausschlaggebend sein, also der Weg zum Markt.

Auch künstlich geschaffene Hemmnisse wie Handelsbeschränkungen und Zölle tragen dazu bei. Einseitige politische Beschränkung des Exports führt oft zu deutlicher erhöhten Schwankungen der Preise.

Beispiel Reis: Anders als für Mais oder Weizen gibt es für diesen keine Terminmärkte – folglich auch keine Investoren oder „Lebensmittelspekulation“. Dennoch schwankt der Preis für Reis ähnlich wie bei Mais oder Weizen.

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8. Brauchen wir mehr Vorschriften in Derivate-Märkten? Sollten Finanzinvestitionen in Rohstoffmärkten untersagt werden?

Die 20 stärksten Industrie- und Schwellenländer (G20) haben auf Ihrem Gipfel in Cannes 2011 einen Aktionsplan der Agrarminister gegen schwankende Rohstoffpreise verabschiedet (Zum ganzen Text beim Bundesministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz). Dieser geht grundlegende Mängel in der Erzeugung von Lebensmitteln an.

Beim Gipfel 2012 im mexikanischen Los Cabos wurde dieser Plan bestätigt. Zugleich wurde er um die Themen Nahrungsmittelsicherheit, Infrastruktur und Produktivität ergänzt. Zudem fördern die G20 angepasste und aktuelle Maßnahmen für mehr Transparenz und weniger Missbrauch.

Die Deutsche Bank begrüßt diese Vorschläge sehr und schließt sich den Auffassungen der G20 an: Nur mit soliden Rahmenbedingungen für den Handel werden Märkte für alle Teilnehmer durchsichtig und vertrauenswürdig. Das gilt für Derivate- oder Terminmärkte genau wie für jeden anderen Markt.

Kritisch sieht die Deutsche Bank jedoch Bestrebungen, die Anzahl der Terminverträge zu begrenzen, die ein einzelner Marktteilnehmer eingehen darf (Positionsgrenzen). Solche Grenzen sieht etwa die Europäische Union vor: als Teil der „Richtlinie über Märkte für Finanzinstrumente“ (Markets in Financial Instruments Directive, MiFID). Solche Maßnahmen schränken Banken dabei ein, auf die Bedürfnisse ihrer Kunden zugeschnittene Geschäfte anzubieten.

Positionsgrenzen sind kein wirksamer Weg, um „exzessive Spekulation“ zu verhindern. Das Beispiel der amerikanischen Aufsichtsbehörde CFTC (Commodity Futures Trading Commission) zeigt es: Diese registriert die Termingeschäfte in den USA und wollte ebenfalls die zulässige Anzahl gehaltener Optionen und Terminkontrakte begrenzen. So wollte die Behörde unkontrollierte Spekulation verhindern. Die Behörde konnte jedoch nicht nachweisen, dass plötzliche Preisschwankungen auf Investitionen zurückzuführen sind. Ebenso gelang es ihr nicht zu beweisen, dass solche Schwankungen mit einer Regelung zu verringern oder zu verhindern sind. Ein Washingtoner Gericht stoppte daher im September 2012 die Einführung bereits im Vorfeld.

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Letzte Aktualisierung: Oktober 2013

Claire Schaffnit-Chatterjee

„Es gibt keine eindeutige Evidenz, dass Inves­titionen in Waren­termin­märkte die Preise lang­fristig nach oben treiben. Für Land­wirte und die Lebens­mittel­ver­arbei­tung bieten sie sogar zahl­reiche Vor­teile.”

Dr. Claire Schaffnit-Chatterjee Senior Analyst für makroökonomische Entwicklungen bei Deutsche Bank Research
Terminmarkt

Wie der Agrar-Terminmarkt funktioniert

Lesen Sie hier, wie der Terminmarkt funktioniert und wie er zur Absicherung von Risiken beitragen kann. mehr

Wie funktionieren Terminmärkte? Wie helfen sie Landwirten, Lebensmittelherstellern und Händlern, Preisrisiken zu umgehen und verlässlich zu planen? Auf welche Weise tragen sie zu mehr Liquidität auf dem Markt bei, und welche Rolle übernehmen dabei Spekulanten wie die Indexfonds? Wir beleuchten diese Fragen im Artikel Agrarspekulation hilft Risiken begrenzen.

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