Deutsche Bank – Verantwortung
Frankfurter Allgemeine Zeitung ǀ 31.08.2012, Seite 12

"Die Moral der Agrar-Spekulation"

Mit Rohstoffindizes wird spekuliert. Die Spekulation hilft aber den Bauern, sich gegen Preisrisiken abzusichern. Das ist wirtschaftlich sinnvoll und moralisch erwünscht. Sie verbieten zu wollen, würde das moralische Anliegen torpedieren, den Hunger zu bekämpfen.

Von Ingo Pies

Nach einer längeren Phase eher moderater Preise für Agrarrohstoffe gab es im Jahr 2008 einen schnellen und überraschend dramatischen Anstieg. Die Verteuerung der Lebensmittel brachte vor allem von Armut betroffene Menschen in akute Schwierigkeiten. Rund um den Globus kam es zu Hungerrevolten. Noch während dieser Entwicklung gab es aus Kreisen der Finanzwirtschaft erste Selbstbezichtigungen. Hedgefonds-Manager machten eine exzessive Finanzspekulation für den plötzlichen Preisanstieg verantwortlich und forderten von der Politik eine rigide Regulierung und Einschränkung der Finanzmarktspekulation mit Agrarrohstoffen. Mittlerweile haben sich zahlreiche zivilgesellschaftliche Organisationen diese Diagnose und die zugehörige Therapieforderung zu eigen gemacht. Sie kritisieren im Namen der Moral Banken als "Hungermacher" und spielen auf die gute Kinderstube an, indem sie formulieren: "Mit Essen spielt man nicht!" In Deutschland haben in den vergangenen Wochen schon mehrere Finanzinstitute erklärt, sich aus dem kritisierten Geschäftszweig zurückzuziehen.

Was auf den ersten Blick so aussieht wie ein gelungener Lernprozess, in dessen Verlauf gesellschaftliche Missstände aufgedeckt und abgestellt werden, entpuppt sich bei näherem Hinsehen als ein moralisches Eigentor zivilgesellschaftlicher Organisationen. Hierzu will ich aus wirtschaftsethischer Sicht Stellung nehmen. Dabei soll deutlich werden: Gerade dann, wenn man das moralische Anliegen ernst nimmt, die globale Lebensmittelversorgung zu verbessern, gelangt man zu völlig anderen Schlussfolgerungen, sobald man zur Kenntnis nimmt, welchen Erkenntnisstand die jüngere Forschung zu diesem Thema hervorgebracht hat.

Wie funktioniert der Terminmarkt?

Ein Beispiel: Ein Weizenbauer hat die Möglichkeit, seine Erntemenge an einen Großhändler zu den aktuellen Tageskonditionen (dem Kassapreis) zu verkaufen. Wenn er nun einige Monate vor der Ernte befürchtet, dass der Weizenpreis fallen wird, kann er versuchen, auf dem Terminmarkt ein Geschäft abzuschließen, mit dem er sich gegen dieses Preisrisiko absichert. Hierzu benötigt er einen Vertragspartner, der auf steigende Preise spekuliert. Die beiden vereinbaren dann einen Festpreis zum Erntezeitpunkt. Wenige Tage vor der Ernte schließt der Weizenbauer auf dem Terminmarkt ein zweites Geschäft ab, welches das erste neutralisiert und gewissermaßen glattstellt. Er geht nun eine Kaufverpflichtung ein, die seine frühere Lieferverpflichtung exakt kompensiert.

In der Tat tauschen die Vertragspartner auf dem Terminmarkt typischerweise nur finanzielle Forderungen aus: Wurde im ersten Vertrag ein Preis von 100 vereinbart und sinkt der Preis wie vom Bauern erwartet auf 80, dann realisiert er durch die Saldierung der beiden Termingeschäfte einen Überschuss von 20 und verkauft seine physische Erntemenge an den Großhändler zum Kassapreis von 80. Steigt hingegen der Preis wider Erwarten auf 130, realisiert der Bauer durch die Saldierung der beiden Termingeschäfte einen Verlust von 30 und verkauft seine physische Erntemenge an den Großhändler zum Kassapreis von 130. In beiden Fällen erzielt er also, unabhängig vom jeweils aktuellen Kassapreis, einen im Vorhinein festgelegten Erlös von 100, der ihm eine sichere Kalkulationsgrundlage bietet.

Der erste Vertragspartner des Weizenbauern auf dem Terminmarkt wird üblicherweise als "Spekulant" bezeichnet. Er ist bereit, eine Wette auf steigende Preise einzugehen und das damit verbundene Risiko zu übernehmen. Aus Sicht des Bauern kommt dies einer produktiven Dienstleistung gleich, die ihn von einer wichtigen Last befreit und insofern einer Versicherung entspricht.

Vor diesem Hintergrund sind zwei Punkte von besonderem Interesse. Erstens kann es vorkommen, dass der Weizenbauer seine Preiserwartungen im Zeitablauf mehrfach ändert und dann jeweils zwei neue Termingeschäfte abschließt. Auf diese Weise wird verständlich, warum das Geschäftsvolumen auf dem Terminmarkt um ein Vielfaches größer sein kann als das auf dem Kassamarkt. Dies hat nichts damit zu tun, dass sich die Finanzwirtschaft von der Realwirtschaft abgekoppelt habe, wie oft gemutmaßt wird. Es ist eher Ausdruck davon, dass die gesellschaftliche Risikoverteilung besser geworden ist.

Zweitens sind Terminmärkte gerade aufgrund ihres Versicherungscharakters eine zivilisatorische Errungenschaft. Interessanterweise sehen das auch die zivilgesellschaftlichen Organisationen so. Sie kritisieren deshalb nicht die Spekulation als solche, sondern ausschließlich ganz bestimmte Formen der Spekulation, von der sie glauben, dass sie die Terminmärkte schlechter funktionieren lassen. Ihre Öffentlichkeitskampagnen und die mediale Berichterstattung hierzu verwischen hingegen oftmals diese Unterscheidung. So entsteht der Eindruck, der Spekulation solle generell Einhalt geboten werden. Dabei ist genau das Gegenteil der Fall: Ohne Spekulation gibt es keine Versicherungsleistung für Agrarproduzenten. Aber genau die wird benötigt, wenn man die Angebotsbedingungen verbessern will, um das Nahrungsmittelangebot in der Welt zu erhöhen.

Zur Kritik an der Finanzspekulation Terminmärkte für Agrarrohstoffe gibt es in Deutschland schon seit weit über hundert Jahren. Sie wurden 1897 zeitweise verboten. Die Erfahrungen, die man mit diesem Verbot gemacht hat, waren allerdings so desaströs, dass diese Termingeschäfte schon im Jahr 1900 wieder erlaubt wurden.

Nun richtet sich die Kritik der zivilgesellschaftlichen Organisationen gar nicht gegen Termingeschäfte an sich, sondern ausschließlich gegen solche Termingeschäfte, die im Zusammenhang mit strukturierten Finanzprodukten erfolgen. Diese "Indexspekulationen" haben in den vergangenen zehn Jahren besonders stark zugenommen. Und von ihnen wird behauptet, dass sie zu einer Blasenbildung auf dem Kassamarkt geführt haben, so dass sie für die sprunghaft steigenden Preise des Jahres 2008 und die damit einsetzenden Hungerrevolten verantwortlich seien. Was ist davon zu halten?

Im Prinzip ist es zwar denkbar, dass die enormen Preissteigerungen des Jahres 2008 nicht auf veränderte Fundamentaldaten, sondern auf eine Blasenbildung zurückzuführen ist. Jedoch sprechen im konkreten Fall theoretische Überlegungen und empirische Befunde dagegen.

Zur Bildung einer Blase kann es dann kommen, wenn schlecht informierte Marktteilnehmer Signale aussenden, die andere Marktteilnehmer in die Irre führen und dann ein Herdenverhalten auslösen, durch das sich die Preisbildung von den Fundamentaldaten weit entfernt. Aber erstens deutet nichts darauf hin, dass die mit großen Geldeinsätzen arbeitenden Indexspekulanten systematisch schlecht informiert sind. Zweitens arbeiten die Indexspekulanten mit einem nachvollziehbaren und leicht beobachtbaren Geschäftsmodell, das auf transparente Investitionsstrategien setzt und insofern die gut informierten Marktteilnehmer einlädt, unverzüglich gegenzusteuern (und mit diesem Gegensteuern Geld zu verdienen), sobald man sich von den Fundamentaldaten entfernt. Drittens ist ein solches Gegensteuern auf Märkten für homogene und leicht handelbare Güter vergleichsweise sehr viel schneller und leichter möglich. Deshalb ist zum Beispiel der Immobilienmarkt für Blasenbildungen weitaus anfälliger als der Markt für Agrarrohstoffe.

Von entscheidender Bedeutung aber sind die empirischen Befunde. Hier ist besonders hervorzuheben, dass ein Preisauftrieb auf dem Terminmarkt nur dann auf den Kassamarkt durchschlagen und dort die Preise anheben kann, wenn der physische Austausch von Angebot und Nachfrage auf dem Kassamarkt tatsächlich beeinflusst wird. Der einzige Transmissionsmechanismus hierfür ist die Lagerhaltung: Im Prinzip wäre es denkbar, dass steigende Terminpreise die Agrarproduzenten veranlassen, ihre Bestände nicht heute zu verkaufen, sondern sie stattdessen einzulagern, um sie später zu einem höheren Preis abzusetzen. Während der dramatischen Preissteigerungsphase in den vergangenen Jahren ist die Lagerhaltung allerdings nicht angestiegen, sondern konstant geblieben oder sogar abgebaut worden. Dies ist ein starkes Indiz dafür, dass die Diagnose nicht stimmt, derzufolge eine spekulative Blase die Preisexplosion 2008 ausgelöst hat.

Weitere empirische Befunde kommen hinzu. Sie beschäftigen sich mit dem Vorwurf, dass die Indexspekulation durch Blasenbildung die Volatilität, also das Auf und Ab der Preise, erhöht. Träfe dies zu, so würde sie das Preisrisiko nicht sinken, sondern steigen lassen und folglich nicht als Versicherung, sondern als Verunsicherung wirken.

Im Prinzip hat man es hier mit einem Henne-Ei-Problem zu tun: Wird die Preisbildung volatiler, weil die Indexspekulation zunimmt? Oder nimmt die Indexspekulation zu, weil die Preisbildung volatiler wird und folglich mehr Versicherungsleistungen benötigt werden? Diese Frage ist kompliziert. Sie lässt sich nicht durch bloßen Augenschein beantworten, sondern nur durch wissenschaftliche Studien, die mit großer methodischer Sorgfalt zwischen Korrelation und Kausalität zu unterscheiden vermögen.

Seit 2008 hat es einen ganzen Schwung solcher Studien gegeben, die mit immer besseren Daten und einer immer größeren Trennschärfe des analytischen Instrumentariums der Frage nachgehen, ob es gerechtfertigt ist, die Indexspekulation kausal und dann auch moralisch dafür verantwortlich zu machen, dass im Jahr 2008 von Armut betroffene Menschen in akute Not gerieten, weil sie sich die stark verteuerten Lebensmittel nicht mehr leisten konnten. Die weit überwiegende Mehrheit aller Studien und der stark dominierende Trend der neuen, immer leistungsfähiger werdenden Studien gelangt zu dem Ergebnis, dass die Indexspekulation hohen Preisen zeitlich folgt, anstatt ihnen vorauszugehen. Dies spricht klar für eine funktionale Versicherungsleistung, die sich auch empirisch in einer geringeren Volatilität der Preise niederschlägt.

Aus ökonomischer Sicht sprechen also durchschlagende Argumente gegen eine Blasenbildung und stattdessen für eine Erklärung der Preisexplosion durch Schocks bei den wirtschaftlichen Fundamentaldaten: Einerseits lässt der zunehmende Fleischkonsum in China und Indien die Nachfrage nach Agrarrohstoffen überproportional ansteigen. Hinzu kommt die in den vergangenen Jahren stark ausgedehnte Subventionierung von Biosprit, die der Nahrungsmittelproduktion beträchtliche Flächen entzieht. Andererseits geht dies einher mit lokalen Ernteausfällen in Folge von Dürren, die - ähnlich wie auch in diesem Jahr - schon 2008 ein beträchtliches Ausmaß annahmen. Das Niveau der Lagerhaltung war historisch niedrig. Hinzu kam, dass mehr als 20 Länder Exportverbote erließen, um die Nahrungsmittel im eigenen Land zu halten. Sie nahmen dabei freilich in Kauf, die andernorts ohnehin schon strapazierte Versorgungslage nochmals politisch zu verschärfen.

Was tun? Im konkreten Fall gilt: Der zivilgesellschaftliche Alarm ist ein Fehlalarm. Die Diagnose wurde falsch gestellt. Deshalb ist auch die daraus abgeleitete Therapie unzweckmäßig: Wollte man die Indexspekulationen stark einschränken oder gleich ganz verbieten, wie es derzeit gefordert wird, dann würde dies die Agrarmärkte nicht besser, sondern schlechter funktionieren lassen. Dem moralischen Anliegen, die Nahrungsmittelversorgung in der Welt zu verbessern, würde damit ein Bärendienst erwiesen.

Die richtige Diagnose lautet: Die Nachfrage nach Nahrungsmitteln wird auf absehbare Zeit steigen. Daraus folgt als Therapie, dass man gerade im Interesse der von Armut betroffenen Menschen konsequent auf die Ausdehnung des Angebots setzen muss. Hierfür sind hohe Preise durchaus zweckdienlich. Trotzdem muss man sich nicht allein darauf verlassen. Vielmehr kann die Politik zahlreiche Maßnahmen ergreifen, um Fehlanreize abzubauen, die einem größeren Angebot derzeit im Wege stehen: In vielen Entwicklungsländern mangelt es an Investitionen in die landwirtschaftliche Infrastruktur.

Viele Bauern leiden immer noch darunter, dass ihnen der Marktzugang erschwert ist.

Die Innenpolitik zahlreicher Länder fördert ineffiziente Produktionstechnologien und ineffizient kleine Produktionseinheiten in der Landwirtschaft.

Insgesamt gesehen besteht die vordringlichste Aufgabe darin, die traditionelle Außerkraftsetzung von Marktprinzipien im Agrarsektor zu beenden und stattdessen durch geeignete Rahmenbedingungen die Märkte politisch besser - und vor allem umfassender - in Kraft zu setzen. Hierzu kann die Europäische Union wichtige Beiträge leisten. Beispielsweise ist zu prüfen, ob die (mit guten Argumenten) ökologisch motivierte Flächenstilllegungspolitik kurzfristig und mindestens vorübergehend ausgesetzt werden sollte zugunsten einer humanistisch motivierten Ausdehnung des Angebots, die die globale Versorgungslage zu entspannen hilft.

Fünf Lektionen

(1) Als Wirtschaftsethiker habe ich großes Verständnis dafür, dass manchen Zeitgenossen der Hut hochgeht, wenn sie den Ausdruck "strukturierte Finanzprodukte" hören oder lesen. Schließlich war der missbräuchliche Umgang mit diesen neuen Produkten ein wichtiger Faktor für die Immobilienblase in den Vereinigten Staaten und für die internationale Bankenkrise. Verständlich ist auch, dass viele Bürger den Banken kritisch gegenüberstehen. Die haben sich in der Vergangenheit in der Tat manches zuschulden kommen lassen. Zu denken ist etwa an Preismanipulationen oder an irreführende Kundenberatungen, vom Eingehen exzessiver Risiken ganz zu schweigen. Aber man soll die Banken für das kritisieren, was sie falsch gemacht haben, und nicht für das, was sie richtig gemacht haben. Und man soll Regulierung dort fordern, wo sie wirkliche Probleme löst, und eben nicht dort, wo sie unnötig neue Probleme schafft. Im Klartext: Die Rohstoffindizes sind strukturierte Finanzprodukte. Mit denen wird spekuliert. Diese Spekulation aber hilft den Produzenten, sich gegen Preisrisiken abzusichern. Das ist weltwirtschaftlich sinnvoll und moralisch erwünscht. Sie verbieten zu wollen, würde das moralische Anliegen torpedieren, den weltweiten Hunger nachhaltig zu bekämpfen.

(2) Die Indexspekulationen werden von den zivilgesellschaftlichen Organisationen in ihrer Wirkung falsch eingeschätzt und falsch dargestellt. Ihre Öffentlichkeitsarbeit kolportiert zahlreiche Vorwürfe, die weder einer theoretischen noch einer empirischen Überprüfung standhalten. Aus wirtschaftsethischer Sicht ist dies besonders deshalb bedauerlich, weil hier moralisches Engagement fehlgeleitet wird: An sich ist es ja außerordentlich begrüßenswert, wenn zivilgesellschaftliche Organisationen die öffentliche Auseinandersetzung suchen, um für moralische Anliegen einzustehen. Aber sie sollten sich dann nicht darauf einlassen, gegen Windmühlen anzukämpfen. Um ihrer eigenen Integrität willen und um ihrer gesellschaftlichen Funktion willen sollten sie vielmehr sorgsam darauf achten, dass sie ihren guten Ruf nicht verspielen. Schließlich ist Glaubwürdigkeit ihr wichtigster Erfolgsfaktor.

(3) Die Demokratie ist für ihre Lernprozesse auf eine vitale Zivilgesellschaft angewiesen. Wir brauchen einen institutionalisierten Pluralismus kritischer Instanzen. Wir benötigen Vereine, Stiftungen und Think Tanks, die uns aus den verschiedensten Blickwinkeln heraus darauf aufmerksam machen, wo die gesellschaftliche Entwicklung Defizite aufweist, wo berechtigte Interessen verletzt werden oder unberücksichtigt bleiben. Wir benötigen kampagnenfähige Organisationen und Organisationsallianzen, die in der Lage sind, wichtige Themen auf die politische Agenda zu setzen, auch wenn das für andere unbequem sein mag. Insofern sehe ich die aktuelle Auseinandersetzung mit gemischten Gefühlen. Auf der einen Seite finde ich es großartig, dass sich gleich mehrere Organisationen zusammenfinden, um ein moralisches Anliegen anzusprechen, dass sie Gutachten in Auftrag geben, selbst Publikationen verfassen, die öffentliche Meinungsbildung anregen und politischen Druck ausüben. Auf der anderen Seite aber betrübt mich, dass man sich hier bei der konkreten Themenwahl so offenbar vergaloppiert hat. Man führt Scheingefechte auf Nebenkriegsschauplätzen, anstatt die zentral wichtigen Fragen der weltweiten Lebensmittelversorgung ins Blickfeld zu rücken. So wurde und wird eine große Chance vertan, das moralische Anliegen auch tatsächlich zu befördern.

(4) Natürlich kann man sich auf den Standpunkt stellen: Lieber ein falscher Alarm zu viel als ein berechtigter Alarm zu wenig. Aber gerade das Auseinanderklaffen zwischen dem wissenschaftlichen "state of the art", der Entwarnung signalisiert, und dem zivilgesellschaftlichen "mainstream", der unverändert auf Skandalisierung setzt, muss doch zu denken geben: Die zivilgesellschaftlichen Organisationen haben sich sehr früh - und mit kühner Einseitigkeit - auf eine Kritik der Indexspekulation festgelegt. Studiert man die von ihnen verfassten oder in Auftrag gegebenen Hintergrundpapiere, so vermisst man entweder eine gründliche Auseinandersetzung mit der wissenschaftlichen Literatur und dem dort verfügbaren Pro und Contra, oder man vermisst, dass entsprechende Hinweise auf wissenschaftliche Gegenargumente und Gegenbeweise von den Auftraggebern ernst genommen wurden. Insofern dokumentieren die Hintergrundpapiere sowie die Art ihrer Verwendung eine intellektuelle Vorfestlegung. Hier mangelte es offenbar an Professionalität - und an einem organisationsinternen Qualitätsmanagement.

(5) Nach vorn blickend, kommt jetzt viel darauf an, wie schnell die zivilgesellschaftlichen Organisationen ihren Fehler erkennen und ob sie bereit sind, ihn zu korrigieren. Die Versuchung ist groß, rechthaberisch auf einer Position zu bestehen, die so plausibel klingt und die schon so populär gemacht werden konnte, dass die ersten Banken ja schon ihre Kapitulation erklärt haben. Gleichwohl bleibt im Hinblick auf die zivilgesellschaftlichen Organisationen - aber auch auf die Akteure in den Unternehmen und Verbänden, in Politik und Verwaltung - zu hoffen, dass neben der Fähigkeit zur Kritik ihre Fähigkeit zur Selbstkritik (und zur Selbstkorrektur) nicht allzu sehr ins Hintertreffen gerät. Für die Zukunft unserer Gesellschaft - und insbesondere für die nachhaltige Ausrichtung ihrer Lernprozesse - hängt viel davon ab. Schließlich geht es bei diesem Thema um Leben und Tod.

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Prof. Ingo Pies

Prof. Dr. Ingo Pies, Lehrstuhl für Wirtschaftsethik, Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg