Interviews

01. Februar 2014

Jürgen Fitschen und Anshu Jain im Interview mit der FAZ "Die Zinsen in Amerika werden wieder deutlich anziehen"


Die Chefs der Deutschen Bank sehen weiterhin Chancen in Schwellenländern, halten die Politik der Fed für ein gutes Zeichen und sind Freunde harter Prüfungen - in jeder Hinsicht.

FAZ: Herr Fitschen, Herr Jain, vorweg eine Frage zur aktuellen Marktlage: Es gibt an den Finanzmärkten Turbulenzen in den Schwellenländern. Sind Sie beunruhigt?

Jain: Auch in der Vergangenheit ist es regelmäßig zu Reaktionen an den dortigen Finanzmärkten gekommen, wenn die amerikanische Geldpolitik gestrafft wurde. Das passiert nun wieder. Zuerst fließt Kapital aus den Industrieländern in die Schwellenländer, weil dort die Renditen höher sind. Wenn dann der Preis des Geldes, also der Zins, in den Industrieländern steigt, kommt es zu einer Korrektur. Doch der Unterschied zu früheren Schwellenländerkrisen wie zum Beispiel in Asien besteht darin, dass diese Länder mittlerweile deutlich höhere Devisenreserven haben und ihre Verschuldung beherrschbar ist.

Fitschen: Die Turbulenzen sollten jedoch in der deutschen Wirtschaft nicht dazu führen, dass sich Unternehmen und Investoren aus den Schwellenländern zurückziehen. Es ergeben sich doch auch Chancen, weil Investitionen nun günstiger sind. Wir dürfen auch nicht alle Schwellenländer in einen Topf werfen, da führen Abkürzungen wie "BRIC" in die Irre. So gibt es auch Länder, die von den Turbulenzen nicht betroffen sind, wo also Wechselkurse und Zinsen stabil sind.

FAZ: Ist die Drosselung der Anleihenkäufe durch die amerikanische Notenbank ein gutes oder ein schlechtes Zeichen?

Jain: Es ist ein Zeichen für das Vertrauen in die amerikanische Konjunktur. Die Notenbank wertet die jüngsten Daten zum Markt als so robust, dass sie die nach der Finanzkrise nötige Unterstützung etwas weiter zurücknehmen kann. Wir erwarten im ersten Quartal 2015 ein Ende der sehr lockeren Geldpolitik. Dann dürften die Zinsen wieder deutlich anziehen, vor allem im fünf- und zehnjährigen Bereich.

FAZ: Wie bewerten Sie Europa?

Jain: Es ist eine großartige Leistung, dass die größten Risiken der Staatsschuldenkrise beseitigt wurden. Vergessen Sie nicht, vor eineinhalb Jahren hatte der Rest der Welt kaum noch Europa vertraut. An den Kapitalmärkten wurde zeitweise angenommen, dass der italienische Staat mit einer Wahrscheinlichkeit von 40 Prozent zahlungsunfähig werden könnte. Das ist heute kein Thema mehr, genauso wenig wie ein Zusammenbruch der Währungsunion. Trotzdem hinkt Europa im Wachstum hinterher. Die Arbeitslosigkeit, vor allem die hohe Jugendarbeitslosigkeit, muss uns alle sorgen.

Fitschen: Wir müssen uns in Europa aber auch mit der Situation der Banken beschäftigen. Die Bilanzprüfung und der Stresstest der Europäischen Zentralbank müssen neues Vertrauen schaffen, ansonsten wird Europa Probleme bekommen.

FAZ: Ist es deshalb notwendig, dass einige Banken nicht bestehen?

Fitschen: Die Prüfungen müssen glaubwürdig sein.

Jain: Wir brauchen einen harten Test, der Vertrauen schafft.

FAZ: Blicken wir einmal etwas länger in die Zukunft: Wie wird die Bankenlandschaft im Allgemeinen und die Deutsche Bank im Besonderen in zehn Jahren aussehen?

Jain: In einer so dynamischen Branche sind langfristige Prognosen naturgemäß schwierig. In anderen Industrien ist es leichter, da hier die Technologie und die Angebot-Nachfrage-Strukturen die Entwicklung bestimmen. Zwar hat die Digitalisierung die Banken in den vergangenen Jahren verändert, aber nicht so stark wie andere Branchen. Hier ist die Regulierung unser Freund, denn Kundeneinlagen oder Wertpapiertransaktionen werden streng beaufsichtigt. Die Regulierung verhindert, dass marktfremde Anbieter im Bankgeschäft schnell Fuß fassen können. Im Zahlungsverkehr jedoch wird es aufgrund der Digitalisierung neue Wettbewerber geben.

Fitschen: In den Bereichen ohne Kundenkontakt wird es grundlegende Veränderungen geben. Ich denke hier vor allem an standardisierte Abwicklungstätigkeiten. Hier können wir von anderen Industrien lernen. Das zeigt unsere neue IT-Plattform "Magellan" im Privatkundengeschäft. Big Data oder Cloud Computing werden dramatischen Einfluss haben.

Jain: Digitalisierung ist für uns eine große Chance - keine Bedrohung.

FAZ: Welche Faktoren außer der Digitalisierung werden die Banken beeinflussen?

Jain: Das Investmentbanking wird sich stark verändern, wenn die neuen Aufsichtsregeln vollständig in Kraft getreten sind. Kundennähe, gute Beratung und Innovationsfähigkeit bleiben wichtig. Das Handelsgeschäft hingegen wird stärker standardisiert. Die höheren Kapital- und Liquiditätsvorgaben der Aufseher werden die Profitabilität dieses Bereichs verringern. Diese Entwicklung zeichnet sich jetzt schon ab.

FAZ: Die größere Standardisierung im Handelsgeschäft spricht für stärkere Konzentration. Zwingen die Größenvorteile zu einer Konsolidierung?

Jain: Ja, das ist schon jetzt im Gang und wird sich fortsetzen. Die Vorteile einer größeren Plattform werden immer wichtiger. Dafür investieren wir hier viel Geld.

Fitschen: Investmentboutiquen dürfte es jedoch weiterhin geben, wenn sie bestimmte Nischen erfolgreich besetzen können.

FAZ: Kann der von Ihnen vorangetriebene Kulturwandel noch zu einem Hindernis werden, wenn die Deutsche Bank eine aktive Rolle in einer Konsolidierung spielen will? Denn nicht alle Banken wollen sich so konsequent ändern - und dann gäbe es kulturelle Probleme …

Jain: Wachstum und Konsolidierung setzen nicht unbedingt die Übernahme anderer Institute voraus. Wir haben in der Vergangenheit auch davon profitiert, wenn sich zwei Konkurrenten zusammengeschlossen haben und Kunden sich neu orientierten. Keine Frage, wenn zwei Banken fusionieren, muss sich eine Bank an die Kultur und die Standards der anderen Bank anpassen.

Fitschen: Die Antwort auf diese Frage hängt auch davon ab, welche Bank man sein möchte. Wenn wir eine global führende Bank für Unternehmenskunden sein wollen, müssen wir keine Akquisitionen vornehmen. Denn die Zahl dieser Kunden ist begrenzt. Versteht man sich aber als Privatkundenbank, dann ist es unmöglich, in Wachstumsmärkten nur organisch zu wachsen. Um aber auf Ihre Frage zurückzukommen: Ja, Fusionen können an unterschiedlichen Unternehmenskulturen scheitern.

FAZ: Welche Bedeutung haben die Schwellenländer für das Bankgeschäft der Zukunft?

Jain: Sie werden eine entscheidende Rolle spielen. Allein in China und in Indien werden in den nächsten Jahrzehnten mehr als 600 Millionen Menschen vom Land in die Städte ziehen, die heute noch keine Bankkunden sind. Das entspricht dem Doppelten der gesamten amerikanischen Bevölkerung.

FAZ: Wie will die Deutsche Bank davon profitieren?

Jain: Die Deutsche Bank hat in den Regionen der Welt, in denen sich die größten demographischen Änderungen vollziehen, eine sehr lange Tradition. Das ist ein großer Vorteil.

FAZ: Wollen Sie in China oder in Indien ein Filialnetz aufbauen?

Jain: Gegenwärtig noch nicht. Möglicherweise in zehn Jahren, aber derzeit haben wir andere Prioritäten. Wir sind in beiden Ländern schon gut vertreten.

Fitschen: Wir unterhalten zum Beispiel auch in Japan kein Filialgeschäft. Wir sind aber als Partner von Nomura ein wichtiger Anbieter von Anlageprodukten für japanische Privatkunden.

Jain: Wenn immer mehr Teile der Weltbevölkerung Zugang zu Finanzdienstleistungen suchen, werden alle Banken davon profitieren. Die Kapitalmärkte werden dann stark wachsen. Es ist nicht notwendig, in den jeweiligen Ländern mit Kundenfilialen vertreten zu sein, um vom Wachstum zu profitieren.

FAZ: Sie wollen eine der fünf führenden Universalbanken in der Welt sein. Aber ist die Deutsche Bank mit einem Börsenwert von 37 Milliarden Euro nicht zu klein im Vergleich zu Wettbewerbern, die wie JP Morgan eine Marktkapitalisierung von 160 Milliarden Euro haben?

Jain: Die Marktkapitalisierung ist wichtig, aber keine zwingende Voraussetzung, um sich mit globalen Zielen zu befassen. Zwar ist unser Börsenwert in den letzten 18 Monaten um mehr als ein Drittel gestiegen, aber damit sind wir natürlich noch nicht zufrieden. Ich bin zuversichtlich, dass wir eine höhere Bewertung erreichen werden, wenn wir im kommenden Jahr unsere strategischen Ziele umgesetzt haben. Das bedeutet, wir müssen mehr verdienen. Denn der Börsenwert wird nun mal stark von der Ertragskraft beeinflusst.

FAZ: Was belastet Ihren Aktienkurs konkret?

Jain: Investoren nennen vor allem aufsichtsrechtliche Aspekte, die zu einer Kapitalerhöhung führen können. An zweiter Stelle kommen die Rechtsrisiken. Investoren sind inzwischen immer mehr davon überzeugt, dass sich die Bank auf dem richtigen Weg befindet. Bereinigt um Sondereffekte, weist unsere Kernbank eine hohe Ertragskraft auf.

FAZ: Wie wahrscheinlich ist denn eine Kapitalerhöhung, die die Anleger so fürchten?

Jain: Wir sind zuversichtlich, die Vorgaben aus eigener Kraft erfüllen zu können.

FAZ: Aber der Abstand zu den amerikanischen Wettbewerbern vergrößert sich. Warum verdienen diese Banken schon wieder so gut? Sind sie besser geführt?

Fitschen: Die amerikanischen Banken waren durch die staatlichen Kapitalhilfen sehr früh gezwungen, sich neu aufzustellen. Viele europäische Banken haben dies hinausgezögert. Vor allem aber erholt sich die amerikanische Wirtschaft wieder sehr stark. Das Wachstum ist deutlich höher als im Euroraum. Und nicht zuletzt stellt die Bedeutung des Dollar als Reservewährung einen Faktor dar, wenn die internationalen Kapitalströme wieder wachsen.

Jain: Ein weiterer Grund ist die strengere Regulierung in Europa. In den Vereinigten Staaten werden die heimischen Banken auch aus Wettbewerbsgründen geschont. Nichtsdestotrotz wird die Deutsche Bank in den Vereinigten Staaten am Kapitalmarkt und in der Unternehmensfinanzierung als etablierter Wettbewerber wahrgenommen. Wären wir dort nicht so gut vertreten, läge die Bank im internationalen Wettbewerb deutlich zurück. Unsere starke Position lässt sich an unseren Mandaten bei großen Kapitalmarkttransaktionen erkennen. Wir haben zum Beispiel bei der Privatisierung des Versicherers AIG eine zentrale Rolle gespielt.

FAZ: Aber dafür erhält die Deutsche Bank derzeit wenig Anerkennung. Was tun Sie dagegen?

Jain: Um eine höhere Anerkennung zu bekommen, müssen wir unsere Altlasten abarbeiten. Erst wenn unser Konzernergebnis die gute operative Entwicklung unseres Kerngeschäfts abbildet, wird das der Fall sein. Es gibt erste Anzeichen, dass die Investoren unsere Fortschritte erkennen.

Fitschen: Sicher gibt es noch Skepsis, aber die Investoren nehmen uns den in Gang gesetzten Prozess ab.

FAZ: Und werden Sie nach dem Jahr 2015 nicht mehr mit Rechtskosten konfrontiert sein?

Fitschen: Ein großes global tätiges Unternehmen wie das unsere wird immer in einem gewissen Umfang Rechtskosten haben. Aber das Missverhältnis zu unserem Gewinn müssen wir natürlich beseitigen. Das wird aber noch nicht in diesem Jahr der Fall sein.

FAZ: Wie würden Sie Ihr Verhältnis zur deutschen Finanzaufsicht Bafin beschreiben, die die Aufarbeitung der Skandale in der Deutschen Bank in Schreiben an Vorstand und Aufsichtsrat offenbar deutlich kritisiert hat?

Fitschen: Es entsteht ein verzerrter Eindruck, wenn selektiv Briefe an die Presse lanciert werden. Wir sind kontinuierlich in einem sehr offenen und konstruktiven Dialog mit der Bafin. Dieser Austausch ist sehr intensiv, und selbstverständlich sind wir offen für Kritik. Ein guter Regulator ist der beste Freund der Bank.

FAZ: Aber wie stellen Sie in diesem Dialog sicher, dass nicht abermals vertrauliche Schreiben an die Öffentlichkeit gelangen?

Fitschen: Die Aufsicht und wir haben ein gemeinsames Interesse daran, dass unsere Kommunikation vertraulich bleibt. Dies ist eine wichtige Voraussetzung für einen offenen Dialog.

FAZ: Herr Jain, wie verstehen Sie die "volle Verantwortung", die Sie für die Fehler im Investmentbanking übernehmen wollen, konkret im Alltag?

Jain: Ich habe von Anfang an am Aufbau des Investmentbanking der Deutschen Bank vor fast 20 Jahren mitgewirkt. Heute haben wir eine weltweit führende Marktposition. Ohne diesen Bereich könnten wir unseren Kunden nicht den umfassenden Zugang zu den Märkten bieten. Wir hätten nicht das globale Netzwerk, nicht das breite Produktportfolio und nicht die Ertragskraft. Wir wären eine ganz andere Bank. Nun sind wir, wie die gesamte Finanzbranche, mit verschiedenen Problemen konfrontiert. Seit 18 Monaten habe ich eine andere Aufgabe. Ich bin Ko-Vorstandsvorsitzender der gesamten Bank. Und ich übernehme die Verantwortung, indem ich daran mitwirke, unser Geschäftsmodell neu auszurichten und unsere Mitarbeiter von der Richtigkeit dieses Weges zu überzeugen.

FAZ: Ist der Kulturwandel ein Teil dieser Verantwortung?

Jain: Ja, natürlich, es geht aber um mehr. Es geht um die Veränderung des gesamten Geschäftsmodells. Es geht um ein neues Selbstverständnis. Das ist ein grundlegender, zum Teil schmerzhafter Prozess. Diesem Reformprozess fühlen Jürgen Fitschen und ich uns gemeinsam verpflichtet.

Das Interview führten Gerald Braunberger, Markus Frühauf und Carsten Knop.


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Letzte Änderung: 12.2.2014
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