14. Oktober 2015

Aktienmarkt: Herbst-Turbulenzen

Die Volkswagen-Krise und die Unsicherheit über den US-Leitzins sind zwei der Faktoren, die den Aktienmarkt zuletzt ins Minus gezogen haben. Dr. Ulrich Stephan, Chef-Anlagestratege für Privat- und Firmenkunden der Deutschen Bank, reduziert seine kurzfristigen Kursziele, sagt aber: Aktien bleiben unverzichtbar.

Herr Dr. Stephan, im Mai haben Sie vorhergesagt, das Klima an den Aktienmärkten könnte etwas rauer werden. Das war keine Übertreibung …

Stephan: Ja, die Märkte haben in der Zeit von Juli bis September ein echtes Katastrophenquartal erlebt. China hat Sorgen um die Weltwirtschaft ausgelöst und das Zögern der US-Notenbank beim Thema Zinsanhebung hat die Anleger weiter verunsichert. Um das Maß aus deutscher Sicht vollzumachen, hat die Manipulation von Abgaswerten durch Volkswagen den Dax zusätzlich nach unten gezogen.

Bleiben wir zunächst in Deutschland. Welche Folgen hat Volkswagen für den Dax?

Stephan: Die Volkswagen-Aktie hat in 14 Tagen rund 40 Prozent eingebüßt, das entspricht einem Wertverlust von über 30 Mrd. Euro. Auch Daimler und BMW haben gelitten, wenngleich weniger massiv. Da Automobilwerte einen starken Schwerpunkt im Dax bilden – sie sind für rund 35 Prozent der Dax-Gewinne verantwortlich, Volkswagen allein für rund 13 Prozent – schlägt dies auf die Entwicklung des gesamten Index durch: Im dritten Quartal hat der Dax über 11 Prozent verloren.

Und wie geht es weiter?

Stephan: Wir haben unsere Gewinnprognosen für Dax-Aktien aufgrund der Volkswagen-Krise um 4 Prozent zurückgenommen. Auch das Kurs-Gewinn-Verhältnis im Dax könnte niedriger ausfallen als bislang erwartet – die Verunsicherung der Anleger spricht für eine schwächere Bewertung von Aktien. Im Ergebnis habe ich meine Dax-Prognose zum Jahresende auf 10.300 Punkte reduziert.

International machen sich Anleger vor allem Sorgen um China und den Kurs der US-Notenbank. Warum?

Stephan: Die US-Notenbank hat ihre Zinswende verschoben und damit Diskussionen ausgelöst, wie fragil die Weltwirtschaft tatsächlich ist. Der Aufschwung in den USA erscheint zwar insgesamt stabil, doch die Fed sieht die Hauptrisiken offenbar außerhalb der Landesgrenzen: Wichtige Schwellenländer stehen vor einer Wachstumsschwäche, die durch höhere US-Zinsen verschärft werden könnte. Rohstoffländer wie Brasilien oder Russland stecken in der Rezession, China droht 2015 das geplante Plus von 7 Prozent zu verfehlen. Allerdings halte ich die aktuellen China-Sorgen für deutlich überzogen. Besonders der Aufschwung des privaten Dienstleistungssektors sollte dazu beitragen, eine „harte Landung“ der chinesischen Wirtschaft zu verhindern. Der Internationale Währungsfonds hat seine globale Wachstumsprognose für 2015 leicht gesenkt, der neue Wert von 3,1 Prozent bleibt aber weit von einer Rezession entfernt.

Kommt der US-Zinsschritt noch in diesem Jahr?

Stephan: Das ist weiterhin möglich, wahrscheinlicher erscheint jetzt aber das Frühjahr 2016. Die US-Notenbank könnte mit einer Zinsentscheidung viel Unsicherheit aus den Märkten nehmen und mit einem verlässlichen Ausblick auf ihre weitere Zinspolitik eine nachhaltige Kurserholung am Aktienmarkt einleiten.

Wachstumssorgen, verzögerte Zinswende, Abgas-Manipulation – wo bleiben die positiven Nachrichten?

Stephan: Die kommen zum Beispiel aus dem Euroraum. Bundesbank-Chef Jens Weidmann spricht von einem stabilen Aufschwung. Italiens Arbeitslosigkeit ist auf dem niedrigsten Stand seit 2013. Spaniens Wirtschaft könnte im dritten Quartal um 0,8 Prozent gewachsen sein, und nach den Wahlen in Griechenland und Portugal stehen die Zeichen dort auf Stabilisierung. In Deutschland hat der Einzelhandel im Sommer 4 Prozent mehr Umsatz erzielt als vor Jahresfrist und auch die Industrieproduktion hat zuletzt positiv überrascht. Ich erwarte, dass das BIP der Euroländer 2016 um solide 1,6 Prozent wachsen sollte. In Deutschland könnte das Wachstum – auch dank der starken Zuwanderung – dann sogar 2,0 Prozent betragen.

Setzen Sie trotz der Herbst-Turbulenzen weiter auf Aktien?

Stephan: Ja, Aktien bleiben aus meiner Sicht unverzichtbar, zumal ich derzeit in vielen Märkten eine günstigere Bewertung und damit Kaufkurse sehe. Das gilt trotz reduzierter kurzfristiger Kursziele. In einem ausgewogenen Musterportfolio könnten Aktien deshalb einen Anteil von etwa 45 Prozent ausmachen. Interessant könnten dabei vor allem Industrieländer-Aktien aus Japan, dem Euroraum und den USA sein. Aus den Schwellenländern bevorzuge ich langfristig in Hongkong gehandelte China-Werte und indische Aktien.