12. November 2015

Aktien bleiben 2016 attraktiv

Die Stimmung an den Aktienmärkten hat sich im Oktober deutlich aufgehellt. Dr. Ulrich Stephan, Chef-Anlagestratege für Privat- und Firmenkunden der Deutschen Bank, sieht Chancen auch zum Jahresende.

Herr Dr. Stephan, nach den Turbulenzen im Spätsommer haben Aktienanleger einen goldenen Oktober erlebt. Woher kommt der Stimmungsumschwung?

Stephan: Der Oktober war in der Tat ein toller Monat für Aktien, mit zweistelligen Kursgewinnen am deutschen und US-Aktienmarkt. In Hongkong haben die Aktien chinesischer Unternehmen sogar um rund 20 Prozent zugelegt. Anleger haben die moderaten Bewertungen genutzt, um ihr Aktienportfolio preiswert aufzustocken, gleichzeitig brachten eine ordentliche Berichtssaison der Unternehmen und die Geldpolitik der Notenbanken neue Zuversicht an den Börsen.

Welche Rolle spielen die Notenbanken?

Stephan: Sie sorgen mit niedrigen Zinsen dafür, dass sich die Ära des billigen Geldes fortsetzt. In Europa erwägt die EZB, ihr Ankaufprogramm für Anleihen zu verlängern. Sie könnte sogar die Einlagezinsen weiter senken. In China hat die Notenbank ihren Leitzins überraschend um 0,25 Prozentpunkte gesenkt, die Mindestreserve sogar um 0,5 Prozentpunkte. Und in den USA könnte die Fed ihre lange erwartete Zinsanhebung auf das nächste Frühjahr verschieben – auch wenn sie die Tür für eine Zinswende im Dezember noch offen hält.

Die lockere Geldpolitik wirkt stärker auf die Kapitalmärkte als die Realwirtschaft?

Stephan: So sieht es zurzeit aus. Dabei geht es den großen Wirtschaftsregionen ja gar nicht so schlecht. Zum Beispiel der Euroraum: Die Binnenkonjunktur läuft, die Einkaufsmanager in der verarbeitenden Industrie berichten von gefüllten Auftragsbüchern und die Arbeitslosenquote in den Euroländern fällt erstmals seit 2012 wieder unter 11 Prozent. Besonders in Deutschland glänzt der Arbeitsmarkt. Dank hoher Beschäftigung, niedriger Zinsen und billiger Energie können die Deutschen mehr Geld ausgeben – die Bundesbank sieht deshalb eine „kräftige konjunkturelle Grundtendenz“. Auch die Stimmungsindikatoren in den USA und Japan zeugen von einer soliden Binnennachfrage.

Das klingt alles sehr optimistisch. Gibt es keine Haken?

Stephan: Doch, vor allem das langsamere Wachstum und die schwache Exportentwicklung in den Schwellenländern machen Sorgen. Auch deshalb sollte der Welthandel nach Daten der Welthandelsorganisation und der Reederei Maersk im Jahr 2015 um weniger als 1 Prozent wachsen. Die größte Katerstimmung herrscht in Lateinamerika: Für diese Region erwarte ich dieses Jahr einen Rückgang des BIP um 0,6 Prozent. Besonders Brasilien leidet unter einer Kombination aus niedrigem Ölpreis, schwacher Währung und politischer Untätigkeit. Die exportorientierten Schwellenländer kommen nicht umhin, ihre Wirtschaft grundlegend umzubauen und Wachstum stärker im eigenen Binnenmarkt zu suchen.

Ein Prozess, der in China in vollem Gange ist …

Stephan: Ja, China ist auf einem guten Weg, wenn auch noch lange nicht am Ziel. Im dritten Quartal hat das Land ein Wachstum von annualisiert 6,9 Prozent erreicht, etwas höher als prognostiziert. Der Zinsschritt der chinesischen Notenbank zeigt, dass China bereit ist, die Konjunktur weiter anzukurbeln.

Das Jahr 2015 endet bald. Wie sollten Aktienanleger sich aufstellen?

Stephan: Ich bevorzuge Aktien aus den USA, Japan und Europa, dazu langfristig die asiatischen Schwellenländer mit Schwerpunkt China/Hongkong und Indien. In den USA halte ich Energieaktien für tendenziell überbewertet, interessant erscheinen dagegen Technologie und Healthcare. Bei Aktien aus dem Gesundheitswesen sollten Anleger aber die politischen Unwägbarkeiten beachten, die mit dem bevorstehenden Wechsel im Weißen Haus auf die Branche zukommen. Japan bleibt eine meiner bevorzugten Anlageregionen: Die Unternehmensgewinne steigen, höhere Aktienquoten durch Pensionsfonds und hohe Kapitaleffizienz sollten die japanischen Aktienmärkte weiterhin stützen.

Was spricht für Europa?

Stephan: Die vorsichtige Konjunkturerholung im Euroraum macht sich zunehmend in den Konzernbilanzen bemerkbar. Die lockere Geldpolitik der EZB hilft nicht nur der Exportwirtschaft, sie verbessert auch die Finanzierungsbedingungen für die Unternehmen. Bis zum Jahreswechsel und danach könnte die europäische Konjunktur für positive Überraschungen gut sein – zyklische Unternehmen sollten davon als Erste profitieren.