17. Juni 2015

Aussichten am Aktienmarkt: Berichtssaison mit Licht und Schatten

Höhenflüge am Aktienmarkt sind eher nicht in Sicht. Doch auch jetzt können Anleger Chancen wahrnehmen – möglicherweise lohnt ein Blick nach Fernost.

Herr Dr. Stephan, die Berichtssaison der Unternehmen für das erste Quartal 2015 ist vorbei. Gibt es positive Nachrichten aus Übersee?

Stephan: Ja, immerhin haben 71 Prozent der US-Unternehmen die Gewinnerwartungen in den ersten drei Monaten übertroffen. Allerdings ist die Freude nicht ungetrübt. In absoluten Zahlen stagnieren die Gewinne und die Umsätze gingen im Schnitt um 4 Prozent zurück. Dies legt nahe, dass die Erfolge der Unternehmen derzeit vor allem auf ihre verbesserte Effizienz zurückgehen und nicht auf steigende Investitionen.

Kann sich das in naher Zukunft ändern?

Stephan: Da bin ich eher skeptisch. Die Gewinnprognosen der Analysten für US-Aktien sind in den vergangenen Monaten zurückgegangen, unterm Strich könnte 2015 für den Index S&P 500 ein Null-Gewinnwachstum stehen. Ich erwarte daher bis zum Jahresende keine Höhenflüge am US-Aktienmarkt.

Welche Rolle spielt dabei der US-Dollar?

Stephan: Der US-Dollar hat seinen Aufschwung gegenüber dem Euro zuletzt unterbrochen und etwas an Wert verloren. Verantwortlich dafür sind vor allem schwächere US-Konjunkturdaten und die Unsicherheit, wann die Notenbank Fed ihre Zinsen erstmals anheben wird. Ich halte mit Blick auf die gute Entwicklung am US-Arbeitsmarkt nach wie vor einen Zinsschritt im September für möglich. Der US-Dollar sollte sich damit wieder erholen und bis zum Jahresende in Richtung Parität zum Euro entwickeln.

… was US-Waren im Ausland weiter verteuern würde.

Stephan: Richtig, allerdings spielt das für die Unternehmen im S&P 500 keine entscheidende Rolle – etwa zwei Drittel ihrer Gewinne erwirtschaften sie im Inland. Wichtiger sind die vergleichsweise niedrigen Preise für Energie. Derzeit werden jeden Tag 1,5 bis 2 Mio. Barrel Öl mehr produziert als nachgefragt. Ich erwarte deshalb bis zum Jahresende stagnierende bis leicht fallende Ölpreise.

Wirkt sich billiges Öl nicht positiv auf den Konsum aus?

Stephan: Die US-Verbraucher profitieren in der Tat von den gesunkenen Energiekosten, geben das gesparte Geld aber noch sehr zögerlich aus. Im Moment wirkt das niedrige Preisniveau deshalb eher negativ. Besonders die bedeutende US-Energiebranche und ihre Zulieferer leiden darunter.

Das heißt, US-Aktien sollte man aktuell meiden?

Stephan: Eine zwischenzeitliche Konsolidierung am US-Aktienmarkt ist nicht ganz auszuschließen, besonders nach einer möglichen Zinsanhebung durch die Fed. Trotzdem bleiben US-Aktien ein Basisinvestment für entsprechend risikobereite Anleger. Aktuell bevorzuge ich Unternehmen, die ihr Geld vor allem am Heimatmarkt verdienen, außerdem Werte aus der IT- und Gesundheitsbranche. Steigt der US-Dollar wieder, winken für Euro-Anleger außerdem Währungsgewinne.

Ein Blick nach Europa – wie verlässlich ist die Erholung?

Stephan: Im ersten Quartal ist die Wirtschaft im Euroraum um immerhin 0,4 Prozent gewachsen, auch die Sorgenkinder Frankreich und Italien waren wieder im Plus. Insgesamt könnte der Euroraum 2015 ein Wachstum von 1,4 Prozent erreichen, vorneweg Deutschland mit erwarteten 1,6 Prozent. Europäische Unternehmen konnten im ersten Quartal ihre Gewinne und Umsätze steigern, die Gewinnerwartungen für 2015 sind aber niedriger als noch zu Jahresbeginn – insofern bietet sich auch hier ein gemischtes Bild.

Welche Aktienanlagen könnten außerhalb der USA und Europas interessant sein?

Stephan: Aktuell könnte sich aus meiner Sicht ein Blick nach Japan lohnen. Die japanischen Unternehmen haben prall gefüllte Kassen und sie geben das Geld jetzt tatsächlich für mehr Wachstum aus: Im ersten Quartal 2015 sind die Investitionen deutlich angestiegen und haben das japanische BIP-Wachstum von 2,4 auf 3,9 Prozent nach oben gezogen. Dieser Mut zu neuen Investitionen und die Entflechtung der „Japan AG“ könnten auch den Aktienkursen neue Impulse geben.