22. September 2016

Joseph LaVorgna: „Der Optimist in mir glaubt, Churchill hatte womöglich recht.“

US-Chefvolkswirt Joseph LaVorgna über die wirtschaftlichen Auswirkungen der US-Präsidentschaftswahl.

Joseph LaVorgna Frage: Welche Rolle spielt die Konjunktur traditionell im Vorfeld einer Präsidentschaftswahl?

Antwort: Sie war entscheidend, wenn während einer Rezession oder einer Inflation gewählt wurde, so wie in den Jahren 1980, 1992, 2000 und 2008. Im Jahr 1980 herrschte Inflation, 1992 erlebten wir einen Aufschwung ohne Beschäftigungszuwachs, 2000 platzte die Aktienmarktblase und 2008 waren wir mitten in einer Finanzkrise. Das hat damals die Präsidentschaftswahlen in der ein oder anderen Form beeinflusst.
In diesem Jahr wächst die Wirtschaft – zwar nicht besonders stark, aber sie wächst. In gewisser Hinsicht erinnert das an 2012: Damals wuchs die Wirtschaft ebenfalls, doch es ging darum, wie man das Wachstum beschleunigen könnte.

Frage: Und wie wirkt sich die Wahl in diesem Jahr auf die Wirtschaft aus?

Antwort: Viele Unternehmen halten sich mit neuen Investitionen zurück. Sie scheinen unsicher zu sein, wer die Wahl gewinnt. Zwar möchten beide Parteien die Unternehmenssteuern neu gestalten, die Vorschläge unterscheiden sich aber. Die Unternehmen werden daher erst einmal abwarten, wer Präsident wird - und dann entsprechend reagieren.

Frage: Welche Wahlthemen der Kandidaten beschäftigen die Wirtschaft am meisten?

Antwort: Die Unternehmen beschäftigt eine mögliche Unternehmenssteuerreform. Hierbei stellt sich die Frage: Gibt es fiskalische Anreize, die die Konjunktur ankurbeln könnten? Sollte die US-Regierung ein solches Anreizprogramm vorstellen, würden die Unternehmen mehr investieren als bisher, und das könnte die Konjunktur spürbar in Schwung bringen.

Frage: Wie schnell werden die Märkte auf das Wahlergebnis reagieren?

Antwort: Die Märkte greifen Entwicklungen vor. Wenn sich abzeichnet, wer am 8. November die Wahl gewinnt und wie der Kongress dann aussehen wird, könnten sie sich rasch bewegen. Je näher der 8. November kommt, desto klarer wird das.
Die Sitzverteilung im Kongress ist vermutlich sogar am wichtigsten. Der schlimmste Fall wären eine gespaltene Regierung und der Eindruck, dass die Lage noch weitere vier Jahre verfahren bleibt. Jeder Hinweis darauf, dass die Minderheitspartei in Blockadehaltung geht, wäre schlecht für die Konjunkturprognosen, weil das bestehende Trends zementieren würde.

Frage: Was wünschen Sie sich für die Zeit nach der Wahl?

Antwort: Die Geldpolitik hat in den USA und anderen Ländern unverhältnismäßig hohe Bedeutung erlangt. Wir haben die Grenzen der Geldpolitik erreicht. Anders ausgedrückt: Würde die Geldpolitik in den USA weiter gelockert, wäre das im Grunde schädlich für die Wachstumsaussichten.

Wir sind eindeutig an dem Punkt angelangt, an dem wir fiskalische Anreize brauchen. Andernfalls wird die Wirtschaft auch weiterhin im Schneckentempo wachsen. In einem solchen Umfeld könnte ein negativer Schock alles aus dem Lot geraten lassen.

Der Optimist in mir glaubt, Churchill hatte womöglich Recht, als er sagte, man könne sich immer darauf verlassen, dass die Amerikaner das Richtige tun – nachdem sie alles andere ausprobiert haben. Am Ende schlagen wir vielleicht den richtigen politischen Kurs ein. Ich befürchte aber, dass die Konjunktur erst einen Dämpfer bekommen oder zumindest diesen Anschein erwecken muss, damit Politiker und Entscheidungsträger zusammenfinden.