27. Juli 2016

Quartalsergebnisse: Eine Nachricht von John Cryan

John Cryan, Vorstandsvorsitzender der Deutschen Bank, hat sich am 27. Juli 2016 mit folgender Nachricht an alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter gewandt

Liebe Kolleginnen und Kollegen,

hinter uns liegt ein Quartal, wie es intensiver kaum hätte sein können. Es gab viele Momente, die uns außerordentlich gefordert haben. Nach dem Brexit-Referendum steht Europa am Scheideweg. Die erste Unruhe an den Finanzmärkten hat sich zwar wieder gelegt, doch die Herausforderungen bleiben.

Wir müssen uns also in einem sehr schwierigen Umfeld beweisen, unser Aktienkurs hat ebenso wie der vieler anderer Banken gelitten. Zweifel an unserer Finanzkraft – obwohl unberechtigt – haben so manchen Kunden verunsichert und Ihnen die tägliche Arbeit erschwert.

Deshalb möchte ich zuallererst Ihnen für Ihren großen Einsatz und Ihre Moral danken. Wir alle haben in den vergangenen drei Monaten einmal mehr bewiesen, wie viel innere Kraft in unserer Bank steckt.

Es ist mir wichtig, Ihnen nun direkt einen Überblick über die Ergebnisse des zweiten Quartals zu geben und Sie darüber zu informieren, wo wir beim tiefgreifenden Umbau unserer Bank stehen. Bei allen Schwierigkeiten sollten wir nicht übersehen, dass wir inzwischen ein gutes Stück vorangekommen sind.

Das spiegelt sich im Ergebnis des zweiten Quartals leider größtenteils noch nicht wider: Wir haben 7,4 Milliarden Euro an Erträgen erwirtschaftet, das waren 20 Prozent weniger als im Vorjahr. Rechnet man die Abwicklungseinheit NCOU und die Hua Xia Bank heraus, gingen die Erträge der Deutschen Bank um zwölf Prozent zurück. Zum einen liegt das im schwierigen Marktumfeld mit historisch niedrigen Zinsen und großer Unsicherheit begründet. Zum anderen aber haben wir uns ganz oder teilweise aus einzelnen Regionen und aus Geschäftsfeldern wie etwa dem Handel mit bestimmten Verbriefungen zurückgezogen.

Wir verzeichneten Kosten von 6,7 Milliarden Euro und 259 Millionen Euro an Risikovorsorge im Kreditgeschäft. Unser Aufwand ging einerseits durch geringere Vergütungen zurück, andererseits hatten wir niedrigere Rechtskosten. Weil sich Abschreibungen, Abfindungen sowie Kosten für Restrukturierung und Rechtsstreitigkeiten auf etwa 600 Millionen Euro summierten, haben wir vor Steuern nur 408 Millionen Euro verdient. Davon blieben unterm Strich lediglich 20 Millionen Euro, weil bestimmte Abschreibungen nicht von der Steuer absetzbar waren.

Der anhaltende Umbau der Bank schlägt sich in unseren Ergebnissen nieder. Wir sind jedoch zufrieden mit unseren Fortschritten. Alle unsere operativen Geschäftsfelder zeigen trotz des schwierigen Umfelds Erfolge. Lassen Sie mich einige Beispiele nennen:

  • Im Geschäft mit Privat-, Vermögens- und Firmenkunden (PW&CC) haben wir innerhalb von zwölf Monaten in Deutschland ungefähr 2.000 neue Firmenkunden hinzugewonnen. Das Kreditvolumen in diesem Geschäft konnten wir um 1,7 Milliarden Euro steigern. Im Geschäft mit Konsumentenkrediten sind wir im Jahresvergleich um fünf Prozent gewachsen. International freuen wir uns allein im zweiten Quartal 2016 über mehr als 10.000 neue Privat- und Firmenkunden.
  • Unser Kapitalmarktgeschäft (Global Markets) bleibt trotz des Umsatzrückgangs, den wir zum Teil bewusst in Kauf genommen haben, aller Voraussicht nach die Nummer vier weltweit im Anleihehandel. Ja, wir haben schlechter abgeschnitten als unsere US-Wettbewerber. Doch das liegt vor allem an den unterschiedlichen regionalen Schwerpunkten, denn die US-Märkte haben sich besser entwickelt. Dennoch blieben die Erträge in unseren wichtigsten Disziplinen wie dem Währungshandel oder dem Zinsgeschäft wie auch in vielen anderen Bereichen im Jahresvergleich stabil.
  • Unsere globale Transaktionsbank ist trotz eines schwierigen Marktumfelds äußerst robust und soll weiter wachsen. Wir wickeln mehr Euro-Zahlungen ab als jeder Wettbewerber.
  • Auch in der Unternehmensfinanzierung (Corporate Finance) waren wir in vielen Bereichen erfolgreich – bei der Emission von Fremdkapitalprodukten sind wir die Nummer zwei in Europa.
  • In der Vermögensverwaltung (Asset Management) erzielen wir solide Gewinne und gute Renditen.
  • Und nicht zuletzt: Die Deutsche Bank zieht immer noch Top-Banker an. Im zweiten Quartal konnten wir uns mit Thomas Piquemal von der EDF Group und John Gibbons von JP Morgan verstärken. Gleichzeitig besetzen wir viele Top-Positionen intern.

Zudem sollten wir nicht außer Acht lassen, dass das Risikoprofil der Deutschen Bank selten so gut war wie heute – allen gegenteiligen Spekulationen an den Finanzmärkten zum Trotz. Auch hier die wichtigsten Punkte im Überblick:

  • Die Kredite in unseren Büchern sind von guter Qualität und die Ausfallquoten bleiben gering, sowohl absolut als auch im Vergleich zu Wettbewerbern.
  • Im Handelsgeschäft liegt unsere Maßzahl für das Risiko (Value at Risk) auf einem historisch niedrigem Niveau.
  • Unsere Liquiditätsposition hat sich gegenüber dem ersten Quartal noch verbessert: Wir halten rund 220 Milliarden Euro an Mitteln vor, die wir umgehend abrufen können.
  • Unsere Kernkapitalquote ist leicht angestiegen, auf 10,8 Prozent. Wir rechnen damit, dass sich diese Quote durch den Abschluss des Verkaufs unserer Beteiligung an der Hua Xia Bank im zweiten Halbjahr um etwa 0,4 Prozentpunkte verbessern wird. Zum Jahresende erwarten wir eine Kernkapitalquote von ungefähr 11 Prozent.
  • Wir sind zuversichtlich, dass wir die Risikoaktiva unserer Abwicklungseinheit NCOU bis Jahresende auf weniger als zehn Milliarden Euro abbauen können, womit eine große Belastung für unser Ergebnis entfallen wird.

Widerstandskraft und ein größeres Eigenkapitalpolster sind jedoch nicht genug. Wir müssen beim Umbau vorankommen, und das tun wir:

  • Wir haben die erste Runde der Verhandlungen mit dem Betriebsrat in Deutschland abgeschlossen. Infolge dessen werden rund 3.000 Arbeitsplätze wegfallen, was wir sehr bedauern. Entscheidungen wie diese fallen uns nicht leicht, sind aber nach sorgfältiger Abwägung leider unumgänglich. Wir können nun auf unserem Heimatmarkt Filialen schließen und werden unser Privatkundengeschäft modernisieren. Außerhalb Deutschlands haben wir bereits 50 Filialen geschlossen, mehr als 30 weitere werden in diesem und im kommenden Jahr folgen.
  • Wir haben die Postbank technisch von der Deutschen Bank getrennt, so dass ein Verkauf nun möglich ist.
  • In Global Markets haben wir beim geplanten Rückzug aus bestimmten Ländern die Hälfte des Weges hinter uns und haben die Investitionen nahezu abgeschlossen, mit denen wir unser Aktiengeschäft stärken wollen. Das Handelsgeschäft in Russland haben wir vollständig eingestellt.
  • Im Geschäft mit vermögenden Kunden (Wealth Management) investieren wir stärker als bisher in schnell wachsende Märkte wie Asien.
  • Am 1. Juli haben wir unsere neue Dachgesellschaft für das US-Geschäft gegründet, die DB USA Corporation. Diese umfasst den wesentlichen Teil unseres US-Geschäfts und unserer dortigen Infrastruktur. Wir haben nun eine eigenständige Bank in den USA. Und wir arbeiten zielstrebig daran, auch alle anderen Anforderungen der amerikanischen Aufsichtsbehörden zu erfüllen.
  • Wir haben einen Wendepunkt bei der Zahl der Mitarbeiter erreicht. Obwohl wir mehr als 900 Kolleginnen und Kollegen in die Bank integriert haben, die zuvor für externe Dienstleister arbeiteten, ging die Gesamtzahl der Stellen um 138 zurück. Auch hier gilt: Es fällt immer schwer, Arbeitsplätze abzubauen, aber es führt kein Weg daran vorbei, unsere Kosten zu verringern.
  • Wir haben uns im ersten Halbjahr von 850 externen Dienstleistern getrennt und damit unsere Komplexität weiter reduziert.
  • Große Fortschritte erzielen wir beim Umbau unserer IT: Wir konnten 1.400 Server abschalten. Und, im Verlauf des zweiten Quartals haben wir unseren globalen IT-Standard zur einheitlichen Prüfung unserer Kunden (Know your client) in sechs weiteren Ländern eingeführt. Damit verringern wir die Gefahr neuer Rechtsverstöße substanziell.

All das haben wir in einem Umfeld getan, das herausfordernd war und unsicher bleibt. Ich möchte hier nichts beschönigen: Sollte es bei diesem schwachen wirtschaftlichen Umfeld bleiben, müssen wir bei unserem Umbau noch ehrgeiziger werden, als wir es ohnehin schon sind. Und wir werden schon jetzt alles daran setzen, die geplanten Schritte zu beschleunigen.

Liebe Kolleginnen und Kollegen, wir wissen, dass wir Ihnen viel abverlangen und sich daran auf absehbare Zeit nichts ändern wird. Aber wir haben auch Erfolgserlebnisse, was vor allem auf Ihren Einsatz zurückzuführen ist. Umso mehr möchten meine Vorstandskollegen und ich Ihnen noch einmal ganz herzlich danken. Wir sind eine starke Bank, wir werden aus dieser Phase gestärkt hervorgehen und eine noch bessere Bank sein.

Herzliche Grüße

Ihr

John Cryan