30. August 2016

Stuart Lewis in Handelsblatt: „Jeder trägt Verantwortung“

Stuart Lewis, Risikovorstand der Deutschen Bank in einem Gastkommentar im Handelsblatt vom 30.08.

Die Ergebnisse des europäischen Banken-Stresstests waren insgesamt ziemlich ermutigend. Die meisten europäischen Banken sind stabiler geworden. Dennoch bestehen weiterhin Risiken, vor allem aber vertrauen leider viele Menschen den Banken nach wie vor nicht. Der Stresstest erfasste erstmals auch die Risiken, die vom Fehlverhalten von Mitarbeitern ausgehen - im Fachjargon auch operationelles Risiko genannt. Das ist ein weiterer Schritt, um Risiken in der Bankenbranche umfassender zu verstehen als bisher. In einem Stress-Szenario beziffert die Eba die möglichen Kosten für operationeile Risiken bei allen getesteten Banken auf 71 Milliarden Euro.

Rechtsfälle, Strafen und Vergleiche haben die internationalen Großbanken seit der Finanzkrise Hunderte Milliarden Euro gekostet. Dabei sind Rechtsrisiken nur ein Symptom. Entscheidend sind deren Ursachen: schwache Systeme, unzureichende Kontrollverfahren und das Fehlverhalten von Mitarbeitern. Ein zeitgemäßes Risikomanagement muss bei allen drei Ursachen ansetzen. Bei der Deutschen Bank haben wir hier schon bedeutende Fortschritte gemacht, müssen diesen Weg aber noch weiter gehen.

Erstens: Wir müssen uns bewusst machen, dass operationeile Risiken viele Gesichter haben und bei vielen verschiedenen Geschäften auftreten. Deshalb sind sie schwieriger zu entdecken, zu überwachen und zu minimieren als klassische Finanzrisiken wie etwa Kredit-, Markt- und Liquiditätsrisiken.

Zweitens: Wir müssen unsere Prozesse überarbeiten. Das heißt: Wir müssen bessere Systeme und zusätzliche Kontrollen einführen. Jeder Mitarbeiter muss seinen Teil dazu beitragen. Das Konzept der „drei Verteidigungslinien" bei der Deutschen Bank grenzt beispielsweise genau ab, welche Aufgaben die Geschäftseinheiten, die unabhängigen Kontrollfunktionen und die Konzernrevision übernehmen. Das geht nicht ohne Investitionen, um das Risikomanagement enger mit dem Kundengeschäft zu vernetzen.

Drittens: Kulturwandel darf nicht länger nur ein Ziel sein - er muss tagtäglich (vor-)gelebt werden. Wir brauchen Standards und müssen festlegen, wie viel Risiko wir in Kauf nehmen wollen. Und wenn wir Erfolg messen, müssen wir alle Risiken einbeziehen - seien es traditionelle Finanzrisiken oder andere Formen wie etwa das Risiko von Fehlverhalten.

Das neue Leitbild lässt sich ganz einfach zusammenfassen: Jeder Mitarbeiter muss ein Risikomanager sein. Wenn uns dieser Wandel gelingt, machen wir die Banken nicht nur stabiler. Wir werden auch Glaubwürdigkeit zurückgewinnen, so dass die Menschen wieder mehr Vertrauen in die Banken fassen.

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