12. September 2016

Sylvie Matherat: Basel IV könnte uns deutlich zurückwerfen

Sylvie Matherat, Chief Regulatory Officer und Mitglied des Vorstands, in einem Gastbeitrag für die Börsen-Zeitung.

Sylvie Matherat Der Basler Ausschuss für Bankenaufsicht hat sich ein ehrgeiziges Ziel vorgenommen: Banken sollen die Risiken in ihren Bilanzen und das notwendige Eigenkapital künftig mit möglichst einheitlichen Modellen berechnen. Das soll es leichter machen, die Risiken und die Kapitalausstattung verschiedener Banken zu vergleichen – und frühzeitig Schieflagen zu erkennen. Das sind gute Ziele, die ich als Bankenaufseherin unterstützt habe und jetzt als Bankerin unterstütze. Sie zu erreichen ist aber eine Herausforderung: Die Gefahr ist groß, dass Anspruch und Wirklichkeit auseinanderfallen.

Seit der Finanzkrise 2008 haben eine ganze Reihe neuer, besserer Vorschriften dazu geführt, dass Banken heute mehr und hochwertigeres Eigenkapital vorhalten, ihre Liquiditätsreserven gesteigert und die Verschuldungsquote gesenkt haben. Mit einer weiteren neuen Initiative will der Basler Ausschuss nun das als „Basel III“ bekannte Regelwerk verbessern. Banken sollen für die Aufsichtsbehörden leichter vergleichbar werden.

Viele Banken und Aufseher sind sich aber einig, dass die neuesten Vorschläge des Ausschusses – auch bekannt als Basel IV – überarbeitet werden sollten. Auf den Punkt gebracht besteht die Gefahr, dass die Reformen das Gegenteil dessen bewirken, was sie eigentlich erreichen sollen. Die Vorschläge könnten nicht nur dazu führen, dass die Risiken in Bankbilanzen am Ende weniger klar erkennbar sind. Sie könnten kurioserweise sogar Banken dazu ermutigen, größere Risiken einzugehen – auf Kosten ihrer Stabilität. Außerdem drohen gerade dort Kredite zu fehlen, wo sie am dringendsten benötigt werden.

Wo liegt das Problem? Aktuell bewerten Banken ihre Risiken mit internen Modellen, aus denen sich ergibt, wie viel Eigenkapital sie halten müssen. Der Ausschuss hält diesen Ermessensspielraum für zu groß. Er befürchtet, Banken würden die Risiken unterbewerten, um weniger Eigenkapital vorhalten zu müssen und höhere Gewinne zu erzielen. Daher schlagen die Basler Aufseher vor, entweder standardisierte Modelle anzuwenden oder für interne Modelle zusätzliche Kapitaluntergrenzen einzuführen, die zu einem vergleichbaren Resultat führen. Einheitlichere Ansätze sollen dazu führen, dass Banken Risiken auf dieselbe Art berechnen, so dass die Eigenkapitalausstattung zuverlässiger ermittelt werden kann und besser vergleichbar ist. Das klingt in der Theorie gut, ist aber in Wirklichkeit sehr schwierig.

Nehmen wir ein einfaches Beispiel: Zwei Bilanzpositionen mit dem gleichen Namen – beispielsweise „Hypothek“ oder „Kreditlinie zur Handelsfinanzierung“ – stellen nicht unbedingt dasselbe Risiko dar. Es ist viel unwahrscheinlicher, dass eine private Hypothek in Deutschland ausfällt als eine vergleichbare Hypothek in den USA. Das hat verschiedene Gründe – der rechtliche Rahmen, die Sicherheiten, die lokalen Zinssätze oder auch kulturelle Unterschiede. Interne Risikomodelle der Banken können diese Aspekte anhand historischer Daten sowie lokaler Erfahrung berücksichtigen und bewerten. Standardisierte Ansätze können das nicht. Unterm Strich würde das bedeuten, dass die Kapitalanforderungen für die Vergabe einer Hypothek in den USA und Deutschland gleich wären – ungeachtet völlig unterschiedlicher Risiken und Renditen. Vermutlich würde sich der Basler Ausschuss bei den Kapitalanforderungen auf einen Durchschnittswert einigen, der gemessen an den Risiken für Deutschland zu hoch und für die USA zu niedrig wäre – beides ist nicht wünschenswert.

Die gleiche Logik gilt auch für viele andere Produkte und Leistungen, die von Banken angeboten werden – am stärksten betroffen wären unter anderem Kredite an Unternehmen sowie Darlehen für Gewerbeimmobilien und Infrastrukturprojekte. Das könnte dazu führen, dass risikoreichere Geschäfte für Banken sogar attraktiver werden. Denn anders als bisher müssten sie für Geschäfte mit höheren Risiken künftig nicht in jedem Fall mehr Eigenkapital vorhalten als für risikoärmere. Die sichersten Kunden, beispielsweise deutsche Unternehmen, könnten es künftig schwerer haben, an die nötigen Kredite oder Dienstleistungen zu kommen.

Standard-Modelle würden die Aufsichtsbehörden deswegen um den Nutzen ausgeklügelter Systeme bringen, welche die tatsächlichen, genauen Risiken einer Bank aufzeigen. In Summe bedeutet dies: Es würde nicht mehr, sondern weniger Transparenz geben. Neue Probleme wären also programmiert!

Es ist ja richtig, dass das bestehende System und die aktuellen Modelle nicht perfekt sind. Und ich sage auch nicht, dass der Basler Ausschuss die falschen Ziele verfolgt. Es gibt Beispiele für Modelle, die Risiken unterbewerten, zu exzessiven Risiken im System führen und die Banken weniger vergleichbar machen. Der Ausschuss tut deshalb gut daran, diese Probleme aufzugreifen, um die Vorschriften für Banken stimmig abzurunden. Die Aufsichtsbehörden sollten aber keine Modelle abschaffen, sondern Modelle verbessern, indem sie herausfinden, warum die Ergebnisse voneinander abweichen. Eine Untersuchung des Basler Ausschusses ergab, dass etwa 75 Prozent dieser Abweichungen tatsächlich unterschiedliche Risiken widerspiegeln – das heißt, die Modelle funktionieren. Die verbleibenden 25 Prozent sind größtenteils auf uneinheitliche Definitionen oder Interpretationen seitens der Aufsichtsbehörden zurückzuführen. Nicht die Risikomodelle, sondern diese Definitionen und Interpretationen müssten also vereinheitlicht werden.

Das lässt sich lösen – und es gibt bereits Fortschritte. Der Aufbau einer gemeinsamen europäischen Bankenaufsicht ist ein großer Erfolg. Die Europäische Zentralbank kommt gemeinsam mit der Europäischen Bankenaufsichtsbehörde EBA bei der Harmonisierung gut voran. Falls Modelle zweifelhafte Ergebnisse liefern, nehmen diese Institutionen die betreffenden Banken in die Verantwortung – und das müssen sie auch in Zukunft tun. Wir sollten aber nicht vergessen: Vor zwanzig Jahren wurde Basel I mit sehr pauschalen, risikounabhängigen Ansätzen eingeführt. Die Gesetzgeber haben dann bald erkannt, dass das zu falsch bewerteten Risiken und Fehlanreizen führte. Deswegen wenden wir heute ein erheblich ausgefeilteres System an. Basel IV könnte uns wieder bis fast an den Ausgangspunkt zurückwerfen.