10. November 2017

Brüssel auf der Kö

Der Gewinner des Deutschen Buchpreises Robert Menasse begeisterte in Düsseldorf mit seinem Roman „Die Hauptstadt“

Robert Menasse fotografiert das Publikum, Foto © Melanie Zanin Als Robert Menasse im dunklen Poloshirt und blauen Leinenjackett auf die Bühne tritt, zücken die ersten Besucher ihre Handykameras. „Darf ich auch ein Foto von Ihnen machen, verehrtes Publikum?“, fragt Menasse. „Ich habe eine Facebook-Seite und weiß nie, was ich draufstellen soll.“ Plötzlich fotografiert das Publikum Menasse, Menasse das Publikum – und die Moderatorin des Abends, WDR-5-Journalistin Stefanie Junker, alle zusammen.

Im hellerleuchteten Kuppelsaal der Deutschen Bank in Düsseldorf herrscht eine erwartungsvolle Stimmung wie Heiligabend kurz vor der Bescherung. Robert Menasse, Wiener Autor und frisch gekürter Träger des Deutschen Buchpreises 2017, stellt sein prämiertes Werk „Die Hauptstadt“ vor. Kunden, Mitarbeiter und Journalisten recken in den vollbesetzten Reihen die Hälse, um einen Blick auf den Autor zu werfen. Die Handlung des Romans spinnt sich um eine Feier zum 50. Jubiläum der Europäischen Kommission. Als deren Organisator vorschlägt, Auschwitz zum Mittelpunkt dieser Feier zu machen, weil nur aus dem Grauen des NS-Regimes die EU überhaupt entstehen konnte, nimmt die wendungsreiche Geschichte ihren Lauf. Hinzu kommt ein freilaufendes Schwein, das die Straßen Brüssels unsicher macht und die Protagonisten auf ihren Wegen begleitet.

Robert Menasse antwortet dem Publikum, Foto © Melanie Zanin „Die Hauptstadt“ ist der erste deutschsprachige Roman, der im Innern der EU-Institutionen spielt. „Als zeitgenössischer Schriftsteller versuche ich, das Relevante der Gegenwart zu erzählen“, erklärt Menasse. „Und da die Europäische Union die Rahmenbedingungen für einen ganzen Kontinent vorgibt, aber keiner eigentlich weiß, wie sie wirklich funktioniert, bin ich irgendwann abends am Kamin darauf gekommen, einen EU-Roman zu schreiben.“ Für seine Recherchen bezog der Österreicher eine Wohnung in Brüssel und sprach mit mehreren hundert Mitarbeitern der Europäischen Kommission.

Das Ergebnis lässt sich gut lesen beziehungsweise hören: „Dass die EU auch so kurzweilig und lustig sein kann, hätte ich nicht gedacht“, meint einer der Gäste bei der anschließenden Signierstunde im Foyer.