12. September 2018

10 Jahre nach Lehman: Es ist nahezu unmöglich zu prognostizieren, wann eine Krise eintritt oder wie dramatisch sie wird

Jim Reid von Deutsche Bank Research über das Besondere an der Krise, die Lernkurve von Ökonomen und das, was ihn persönlich 2008 schockiert hat

1. Sie kennen die Finanzbranche seit über 20 Jahren. Was war das Besondere an der Krise im Jahr 2008?

Eine globale Finanzkrise wie die von 2008 – die eigentlich schon 2007 begann – hatte die Welt so noch nicht erlebt. Mich haben vor allem die Menschenmengen in Großbritannien erschreckt, die vor den Bankfilialen von Northern Rock anstanden, um ihre gesamten Ersparnisse abzuheben. Meine Generation kennt ja einen „Bank Run“ nur aus alten Schwarz-Weiß-Filmen. Und selbst als die Filme gedreht wurden, war der Ansturm auf die Banken schon Geschichte. Die Krise 2008 bedrohte zudem die grundlegenden Strukturen der Weltwirtschaft, die in den Jahrzehnten zuvor entstanden waren. Nachdem die Kreditvergabe seit den 70er Jahren enorm ausgeweitet worden war, stellte alles ein Risiko dar, was das Kreditangebot längerfristig beschränkte. Zu den möglichen Folgen gehörten ein deutlicher konjunktureller Abschwung oder sogar eine ausgeprägte Wirtschaftskrise. Ohne die staatlichen Eingriffe, die es in dieser Form noch nicht gegeben hatte, hätte der Zusammenbruch von Lehman Brothers im September 2008 wahrscheinlich einen Ansturm auf die Banken weltweit ausgelöst.

2. Warum haben so wenige Ökonomen die Krise kommen sehen?

Einige Volkswirte hatten schon 2006 und 2007 erkannt, wie hoch die Verschuldung im Finanzsystem war. Und sie hatten vor Blasen an bestimmten Märkten gewarnt, zum Beispiel bei Immobilien. Man kann zwar vor solchen Entwicklungen warnen. Aber es ist nahezu unmöglich zu prognostizieren, wann eine Krise eintritt oder wie dramatisch sie wird. Meines Erachtens konnten Wirtschaftshistoriker diese Krise besser vorhersehen als Ökonomen, die mit Modellrechnungen arbeiten. Jemand, der die globalen Finanzmärkte langfristig beobachtet, hätte die Entwicklung in der zweiten Hälfte der 2000er Jahre kritisch gesehen, selbst wenn die Modelle noch lange keine Anzeichen für eine Krise zeigten. Die Probleme früh zu erkennen wurde auch dadurch erschwert, dass die Finanzprodukte, die letztlich die Krise auslösten, hoch komplexe und wenig bekannte Nischenprodukte waren. Ein Ökonom, der nur seine Standardmodelle im Auge hat, konnte also kaum erkennen, dass die Kreditströme zwischen den Banken und in der Wirtschaft insgesamt zum Erliegen kommen würden, womit letztlich das Vertrauen in das gesamte System schwand.

3. Was haben die Ökonomen mit Blick auf ihre Methoden aus der Krise gelernt?

Wir haben nach wie vor das Problem, dass viele Risiken für die Finanzbranche von den üblichen Parametern und ökonomischen Modellen nicht erfasst werden. Dazu gehören politische Risiken (zum Beispiel ein unberechenbarer Populismus) und die weltweit immer noch hohe Verschuldung. Außerdem wissen wir nicht, was passiert, wenn die Zentralbanken ihre extreme Geldpolitik der vergangenen Jahre wieder zurückfahren. Denn es gibt keine historischen Erfahrungswerte.

4. Sind wir alles in allem heute besser gerüstet, die nächste Finanzkrise vorherzusagen?

Das kommt auf das Ausmaß der Krise an. Im vergangenen September haben wir in einer unserer Publikationen erläutert, dass unser Finanzsystem krisenanfällig ist und es dafür seit den 1970er Jahren eine Reihe von Beispielen gab. Allerdings drohte nur die globale Finanzkrise von 2007/2008 so zu eskalieren, dass sie die Strukturen von Wirtschaft und Gesellschaft erschütterte.

Wir gehen nach wie vor davon aus, dass es immer wieder zu Finanzkrisen kommen wird, da unser Weltwirtschaftssystem auf Krediten basiert. Damit eine Krise jedoch auch nur annähernd so dramatisch wird wie 2008, müsste heute zum Beispiel ein wichtiges Land zahlungsunfähig werden. Das ist aber schwer vorherzusagen, weil die Zentralbanken eingreifen können. So kann selbst ein insolventer Staat längere Zeit mit Liquidität versorgt werden, sofern die Zentralbanken dazu bereit sind. In einem solchen Szenario wären die Herausforderungen in Europa am größten, da die Europäische Zentralbank nicht von einzelnen Regierungen kontrolliert wird. Hier könnte es also zu unerwarteten, nicht gewünschten Krisen kommen, insbesondere wenn es das auf Regeln basierende System mit Populisten zu tun bekommt.

Die Banken sind heute viel sicherer als noch im Jahr 2008. Das Risiko einer Bankenkrise ist deutlich gesunken. Allerdings haben die Aufsichtsbehörden die Banken auch dazu verpflichtet, mehr Staatsanleihen in ihre Bücher zu nehmen. Dies soll sie sicherer machen; allerdings stellt sich bei bestimmten Ländern die Frage nach der Kreditqualität.

Grundsätzlich halte ich Finanzkrisen für Teil unseres Systems. Eine Krise wie 2008 wird man aber wohl nur einmal im Leben erleben.

5. Lassen Sie uns dennoch eine Prognose wagen. Stehen wir heute schon vor der nächsten Krise?

Wie schon angedeutet, halte ich eine baldige Finanzkrise irgendwo auf der Welt für unvermeidbar. Das heißt aber nicht, dass es auch nur annähernd so schlimm wird wie 2008. Man könnte natürlich argumentieren, dass Länder wie die Türkei, Argentinien und Venezuela schon längst in Finanzkrisen stecken, nur in unterschiedlichen Phasen. Die großen Zentralbanken beenden allmählich die extrem lockere Geldpolitik, so dass wir mit wachsenden Risiken für die schwächsten Teile der Weltwirtschaft und die Finanzmärkte rechnen müssen. Es lässt sich nicht genau sagen, wo sich Krisen ereignen werden, aber fest steht, dass unser Finanzsystem dafür anfällig ist. Die Verschuldung ist im Verhältnis zur Wirtschaftsleistung heute weltweit höher als 2008. Wenn wir also glauben, dass wir 2008 eine Schuldenkrise erlebt haben, müssen wir weiter wachsam sein, insbesondere da die Notenbanken anfangen, ihre Geldpolitik zu straffen.