2. Oktober 2018

10 Jahre nach Lehman: Wie sich die Bankenwelt seit 2008 durch neue Technologien verändert hat

10 Jahre nach Lehman

Nur einige Monate vor dem Zusammenbruch von Lehman Brothers kam mit dem App Store von Apple ein neues technologisches Konzept auf den Markt: eine Vertriebsplattform für Anwendungssoftware. Neu war, dass die Anwendungen dabei zum großen Teil nicht von Apple selbst sondern von Drittanbietern und freien Entwicklern stammen. Zehn Jahre später ist diese Idee eines digitalen Marktplatzes auch in der Diskussion um die Zukunft des Bankgeschäfts angekommen.

Der Zusammenbruch von Lehman und seine Folgen sowie die rasante technologische Entwicklung zwangen die Banken, ihr Geschäftsmodell zu überdenken und entsprechend anzupassen. Das Kundenverhalten veränderte sich, sie erwarten heute mehr von ihrer Bank. Zudem drängten neue Wettbewerber an den Markt. Gleichzeitig stieg angesichts schrumpfender Margen und höherer Kapitalkosten der Druck auf die Banken, effizienter und kostengünstiger zu arbeiten. Dazu kam die zunehmende Regulierung, und um die immer raffiniertere Cyber-Kriminalität zu bekämpfen, mussten die Banken in die IT und in Mitarbeiterschulungen investieren.

Die folgenden vier Beiträge zeigen, wie die Entwicklung der IT die Bankenwelt seit 2008 verändert hat.

Technologie-Plattformen: „Heute nehmen wir neue Anwendungen nach Minuten statt nach Monaten in Betrieb“ – Al Tarasiuk, IT-Chef des Deutsche-Bank-Konzerns

Vor der Finanzkrise legten die Banken wenig bis keinen Wert auf effizientere oder standardisierte IT-Lösungen. Anstatt sich Gedanken über eine effiziente IT-Architektur zu machen, war es ihnen wichtiger, neue Produkte schnell an den Markt zu bringen und Neugeschäft über die eigenen Systeme abzuwickeln.

Developer Als die Banken im Nachgang der Krise versuchten, effizienter zu werden, konnten sie nicht schnell auf die neuen Cloud-Dienstleistungen umstellen. In der Cloud wird die zugrunde liegende Infrastruktur von verschiedenen Anwendungen genutzt, so dass neue Produkte schneller eingeführt und bei besserer Verfügbarkeit zugleich die Kosten gesenkt werden können. Um die Cloud nutzen zu können, müssen die Banken in ihrem IT-Umfeld einheitliche Standards einführen und Anwendungen modernisieren.

Heute sind Cloud-basierte Lösungen in der Finanzbranche die erste Wahl. Deren Anbieter verfügen über Strukturen, die die Unternehmen mit ihren eigenen Systemen nur schwer replizieren können. Wir haben die Anwendungsplattform „Fabric“ an den Start gebracht, mit der Entwickler nach Bedarf Rechenkapazitäten aus der Cloud-Infrastruktur beziehen können. So kann man heute in wenigen Minuten neue Anwendungen einführen, statt wie früher in Monaten.

Informationssicherheit: „Jeder muss heute Verantwortung dafür tragen“ – Clark Smith, verantwortet die IT-Sicherheit im Konzern

Im Jahr 2008 hatte der Finanzsektor hauptsächlich mit Kredit-, Liquiditäts- und Marktrisiken zu kämpfen. Die Risiken der Cyber-Kriminalität nahmen zu, im Privatkundengeschäft insbesondere die Betrugsdelikte an Kassenterminals. Allerdings stellte die Cyber-Kriminalität noch keine existenzielle Bedrohung für die Banken dar. Je stärker die Finanzindustrie im Zeitverlauf auf digitale Technologien setzte, umso häufiger und raffinierter wurden die Cyber-Angriffe. Heute ist die Cyber-Kriminalität ein großes Geschäft, und sie greift zunehmend mit anderen kriminellen Tatbeständen wie Geldwäsche und Betrug ineinander.

IT Security Früher hatten wir in der Bank kleine Teams von Spezialisten, die im Hintergrund agierten. Inzwischen muss sich jeder Mitarbeiter gegen Cyber-Kriminelle wappnen. Egal, ob es darum geht, starke Passwörter zu nutzen oder das Bewusstsein für Phishing-Versuche per E-Mail zu schärfen – unsere erste Verteidigungslinie, das heißt jeder einzelne Mitarbeiter, ist hier entscheidend. Auch die Kunden sind heute stärker dafür sensibilisiert, und wir räumen dem Thema inzwischen höchste Priorität ein. Wir müssen bei der Cyber-Kriminalität immer auf dem aktuellen Stand sein und auch das Bewusstsein bei allen unserer Interessengruppen schärfen. Im Jahr 2008 wurde das Thema Cyber-Sicherheit im Geschäftsbericht der Deutschen Bank noch nicht erwähnt. Heute widmen wir dem Thema in unserem Nichtfinanziellen Bericht einen eigenen Abschnitt („Sicherheit von Informationen“).

IT im Bereich Regulierung: „Big Data und neue Technologien helfen im Kampf gegen die Finanzkriminalität“ – Martin Perkins, der die IT im Bereich Regulierung, Compliance und Finanzkriminalität verantwortet

In den vergangenen zehn Jahren hat die Finanzkriminalität hohe finanzielle Verluste und einen großen Reputationsschaden verursacht. Noch nie war das öffentliche Interesse an dem Thema größer. Die kriminellen Machenschaften werden immer komplexer und technisch ausgereifter. Es gibt immer neue Akteure, Kanäle und Intermediäre. Die Folge sind strengere regulatorische Anforderungen. Mögliche Regelverstöße müssen frühzeitig erkannt werden. Die Aufgabe ist umfangreich und hat viele Facetten. Unter anderem müssen wir sicherzustellen, dass wir keine Geschäfte mit zweifelhaften Kunden machen, und gleichzeitig in der Lage sein, frühzeitig ein Fehlverhalten von Mitarbeitern zu erkennen.

Daher wird heute erheblich mehr in den Kampf gegen die Finanzkriminalität investiert. Kontrollsysteme müssen in großen aktuellen und historischen Datenreihen schnell Muster erkennen können. Positiv ist allerdings, dass die Banken dank technologischer Innovationen und Big-Data-Lösungen künftig große Datenvolumen verarbeiten und dabei komplexe Modelle einsetzen können, die verbotene Handlungen anhand von wiederkehrenden Mustern erkennen. Der Schwerpunkt liegt dabei auf einem effizienten und effektiven Vorgehen.

Es kann daher kaum überraschen, dass Fortschritte in diesem Bereich davon abhängen, dass viele Bereiche Hand in Hand arbeiten. Für die Deutsche Bank bedeutet dies, die partnerschaftliche Zusammenarbeit zwischen den Bereichen zu stärken, die sich mit den Themen Sicherheit, Regulierung, Compliance und Finanzkriminalität befassen.

Innovation: „Die traditionell eher geschlossene Finanzdienstleistungsbranche wird offener“ – René W. Keller, der im Konzern das Datenmanagement und den Bereich Innovation verantwortet

Im Jahr 2008 wurden die Produkte und Dienstleistungen der Banken noch weitgehend hinter verschlossenen Türen entwickelt. So wollten die Banken dem Wettbewerb einen Schritt voraus sein und ihr geistiges Eigentum schützen. „Open Banking“ war kein Begriff, den man intuitiv benutzt hätte. Als die ersten agilen Fintech-Unternehmen aufkamen, hatte diese Mentalität jedoch ein Ende.

Die Banken haben den Zugang zu den Kunden, Branchenwissen und eine funktionierende Infrastruktur. Die Fintechs haben innovative Lösungen, neue technische Möglichkeiten und sie können neue Produkte schnell an den Markt bringen. Beides zusammen ist für Kunden ein überzeugendes Angebot. Wir haben ein Netzwerk aus Innovationslaboren in London, New York, Berlin, Palo Alto und bald auch in Singapur, was die Zusammenarbeit mit Fintechs erleichtert. Die Experten in den Laboren identifizieren und bewerten neu aufkommende Technologien und machen sie für die Bank einsetzbar. So können wir unseren Kunden einen besseren Service bieten.

Innovation lab

In der digitalen Welt erfolgreich zu sein bedeutet einen Kulturwandel. Die Banken müssen sich an die neue Arbeitsweise gewöhnen. Sie unterscheidet sich ganz grundsätzlich von dem, was 2008 vorbildliche Praxis war. Heute nutzen wir zur Produktentwicklung agile Technologien. Das heißt, Programme werden schnell entwickelt, schnell an den Markt gebracht und dann kontinuierlich weiterentwickelt. Von der Idee bis zum fertigen Produkt vergehen inzwischen nur noch wenige Wochen.