25. April 2018

Big Data für Portfoliomanagement

Deutsche Bank Research stellt seine neue Anwendung α-DIG vor

Wie wirkt sich ein Sturm in den sozialen Medien auf den Aktienkurs eines Unternehmens aus? Sind schlechte Nachrichten schon eingepreist? Kann man berechnen, wie stark sich beispielsweise eine Datenschutz-Panne auf den Preis eines Wertpapiers auswirkt?

Eine neue Anwendung von Deutsche Bank Research verspricht genau das: α-DIG (sprich: alpha-DIG) quantifiziert die vermeintlich weichen oder schwer messbaren Faktoren wie ESG (Umwelt, Soziales, gute Unternehmensführung), das „Humankapital“, also die Fähigkeiten der Belegschaft und die Qualität des Managements, sowie den Markenwert und Innovation. Dazu verarbeitet die Maschine Sprache, beispielsweise aktuelle und historische Nachrichten. Die angewandte Methode heißt „Natural Language Processing“ und die dafür nötigen sprachlichen Daten kommen vom Verlagshaus Dow Jones, mit dem die Bank die Anwendung entwickelt hat.

α-DIG ist eine Antwort der Bank auf die wachsende Bedeutung von Daten. Das Team dahinter vereint Finanzkompetenz, beispielsweise das Investieren auf Basis von quantitativen und Fundamentalanalysen, mit Datenwissenschaft. Es wurde jüngst vom „Risk Magazine“ als „Quant Research House of the Year“ ausgezeichnet.

„Datenwissenschaftler können Muster erkennen, doch erst indem ein Anlageexperte diese analysiert, bekommen sie für uns eine Bedeutung“, sagt Spyros Mesomeris, der das quantitative Research der Bank verantwortet und Ko-Leiter von dbDIG ist. Das ist die Data Innovation Group, eine Plattform, auf der α-DIG gehostet wird. Mit ihr will die Deutsche Bank die Möglichkeiten künstlicher Intelligenz (AI) und alternativer Daten für datenbasierte Investmentlösungen nutzen.

Neben den Dow-Jones-Nachrichten verarbeitet α-DIG auch Quartals- und Geschäftsberichte von zunächst rund 5000 Unternehmen, genauer: die Informationen in den Fußnoten. Außerdem durchforstet es das Internet mit datenwissenschaftlichen Methoden und analysiert, wie die Mitarbeiter, Kunden und Lieferanten ein bestimmtes Unternehmen beurteilen. Mit den qualitativen Daten bewertet α-DIG die quantitativ schwer zu erfassenden Faktoren wie Unternehmenskultur, Reputation und Innovationskraft. Kunden der Deutschen Bank können diese Informationen dann bei der Geldanlage berücksichtigen.

Andy Moniz und die Leidenschaft für ESG

„Was mich wirklich umtreibt ist die Frage: Wie kann man ESG-Informationen quantifizieren?“, sagt Andy Moniz, der datenwissenschaftliche Leiter von dbDIG. „Investoren unterschätzen Nachhaltigkeitsthemen genau so lange, bis sie sich überraschend auf Erträge auswirken, egal ob positiv oder negativ“, erläutert er den Stand der wissenschaftlichen Forschung.

Moniz' Interesse stammt aus seiner Zeit bei einer niederländischen Pensionskasse. Dort versuchte er, Nachhaltigkeit bei Aktienstrategien zu berücksichtigen. Dabei frustrierte es ihn, dass es an relevanten ESG-Daten mangelte. Er hielt einen neuen Ansatz für notwendig und verfasste eine Doktorarbeit zu dem Thema. Es war seine Idee, alles durchzusieben – von Tweets über Patentlisten und Abschriften von Telefonkonferenzen bis hin zu Finanzmediennachrichten – und diese Idee liegt nun α-DIG zugrunde.

„Die Wirtschaft ist heute sehr dienstleistungsorientiert, deshalb besteht der Wert eines Unternehmens zum großen Teil aus seinen immateriellen Vermögenswerten. Leider können Unternehmen mit den derzeitigen konservativen Bilanzierungsmethoden die meisten dieser Vermögenswerte nicht in ihren Abschlüssen erfassen, da sie schwer zu bewerten sind. Investoren wissen, dass solche nicht-finanziellen Informationen wertvoll sind, aber sie müssen über die Bilanz eines Unternehmens hinausschauen, wenn sie diese Informationen in ihre Investitionsentscheidungen einbeziehen wollen“, erklärt Moniz.

Er stellt fest, dass Unternehmen oft qualitative Einschätzungen über ihre zukünftigen Geschäftsrisiken tief in aufsichtsrechtlich erforderlichen Dokumenten vergraben. Ein prominentes Beispiel dafür ist Facebook: α-DIG hatte in dessen sogenannten „regulatory Filings“ neu hinzugefügte Sätze gefunden, die besagten, dass Datenverstöße, die allgemeine Datenschutzverordnung (GDPR) und behördliche Untersuchungen zukünftige Verkäufe beeinflussen könnten. Und das war noch bevor die Datenschutzverletzungen rund um Facebook und Cambridge Analytica bekannt wurden.

Deutsche Bank Research stellte die neue Anwendung am Montag in London vor Kunden vor. „Wir wollen Ihnen differenzierte Einblicke geben und α-DIG ist nur der Anfang – weitere Tools werden folgen. Die Deutsche Bank ist in diesem Bereich ein Innovationsführer“, sagte Pam Finelli, Global Head of Equity Derivatives Research und Ko-Leiterin von dbDIG.