10. September 2018

10 Jahre nach Lehman: Die Banken haben viele Hausaufgaben gemacht

Jan Schildbach von Deutsche Bank Research über die unterschiedliche Entwicklung der Banken in Europa und den USA seit 2008.

Als am 15. September 2008 die US-Investmentbank Lehman Brothers Insolvenz anmeldete, führte das nicht nur zu einer dramatischen Verschärfung der damals bereits seit über einem Jahr andauernden weltweiten Finanzkrise, sondern war auch der Auslöser für eine umfassende Re-Regulierung des Finanzsektors. 10 Jahre später hat sich die Branche grundlegend gewandelt, aber in regional unterschiedlichem Ausmaß.

In den USA stehen die Banken heute zumindest optisch besser da als jemals zuvor. Die Gewinne sind rund ein Viertel höher als vor der Finanzkrise, die Erträge etwa ein Drittel. Die Zinsmarge und der Zinsüberschuss steigen, seitdem die Fed die Zinswende eingeleitet hat, was sie schon 2015 tat. Trotzdem ist das Kreditvolumen mit dem Privatsektor seit 2011 um 28 Prozent gestiegen. Die Börse handelt Bankaktien im Durchschnitt über ihrem Buchwert.

In Europa ist die Lage weit weniger rosig, auch wegen des zusätzlichen Rückschlags durch die Euro-Schuldenkrise. Diese löste eine zweite Rezession aus, die erst 2013 endete, wohingegen die US-Wirtschaft schon 2010 auf den Wachstumspfad zurückkehrte. Obwohl 2017 das zweitbeste Jahr des vergangenen Jahrzehnts war, lagen die Gewinne der europäischen Banken ungefähr um die Hälfte unter dem Vorkrisen-Höchststand. Die Erträge verharren selbst in nominalen Größen immer noch unter dem Niveau von 2006, trotz Wirtschaftswachstums und Inflation. Die Null- beziehungsweise Negativzinsen der EZB stellen eine zunehmende Belastung für die Banken dar. Auch hier ist der zeitliche Rückstand gegenüber den USA bemerkenswert: Während die Wertpapierkäufe im Euroraum immer noch andauern und die Zinsen wohl nicht vor Ende nächsten Jahres steigen dürften, hob die Fed den Leitzins schon Ende 2015 das erste Mal an – sprich ganze vier Jahre früher. Dennoch ist das Kreditvolumen mit Haushalten und Unternehmen im Euroraum seit 2011 praktisch nicht gestiegen. Auch deswegen ist die Bilanzsumme der Banken von 344 Prozent des Bruttoinlandsprodukts 2011 auf nur noch 272 Prozent gesunken. Die Börse bewertet die meisten Bankaktien mit einem deutlichen Abschlag vom Buchwert.

Die Banken haben jedoch viele Hausaufgaben gemacht. Die Kernkapitalquoten in Europa haben sich seit 2008 auf 14 Prozent mehr als verdoppelt, und das bei verschärften Definitionen, was als hartes Eigenkapital gilt, und bei erhöhten Risikogewichten für verschiedene Anlagekategorien. Die überwiegende Zahl der Banken erfüllt heute problemlos Liquiditätsstandards wie die Liquidity Coverage Ratio (LCR) und hat ihren Ertragsmix auf eine solidere Grundlage gestellt – der Anteil des Handelsergebnisses ist stark gesunken, der des Zinsüberschusses auf über die Hälfte gestiegen. Im Risikomanagement führen die Banken in allen großen Regionen regelmäßig Stresstests durch, um makroökonomische und Finanzmarkt-Schocks zu simulieren. Insgesamt ist der Bankensektor in Europa in den vergangenen Jahren nicht mehr gewachsen, und er ist weniger profitabel, aber dafür wesentlich stabiler aufgestellt als vor der Finanzkrise.

 

10 Jahre nach Lehman: Wie sich die Deutsche Bank und die Finanzindustrie verändert haben

 

 

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