24. September 2018

Wie Blockchain die Finanzindustrie verändert – 10 Thesen

Von Anja Bedford, Leiterin der Blockchain-Projekte der Transaktionsbank der Deutschen Bank.
Autorenbeitrag Börsen-Zeitung, Veröffentlicht am 22. September 2018

Anja Bedford, Leiterin der Blockchain-Projekte der Deutschen Bank Unzählige Artikel, Newsblogs und Internetforen haben sich in den vergangenen Jahren mit der Blockchain-Technologie befasst. Zeit für ein Zwischenfazit. Wieviel (R)evolution steckt in der Blockchain? Wo sind die Grenzen? Und vor allem: Was haben Kunden, Unternehmen und insbesondere die Finanzindustrie davon? Eine Bestandsaufnahme.

1. Die Blockchain-Technologie steht – immer noch – am Anfang.
Noch immer wird rund um Blockchain viel getestet und ausprobiert – bei Banken genauso wie in der IT-Branche, bei Logistikkonzernen oder in öffentlichen Institutionen. Der Hype des vergangenen Jahres mag gerade etwas abebben. Nun müssen die Blockchain-Macher liefern. Viele vergleichen das disruptive Potenzial der Technologie mit dem Internet zu Beginn der 90er Jahre. Die bisher gewonnenen Erkenntnisse sind vielversprechend, wenngleich, wie damals beim Internet, die konkreten alltäglichen Anwendungsfälle noch ausstehen. Aber letztlich gibt es wohl keine Dienstleistung, die nicht von der Blockchain-Revolution erfasst werden könnte. Dank der dezentralen und unveränderbaren Speicherung von Informationen entsteht die Vertrauensbasis, die bisher nur große Verwaltungen leisten konnten. Wann immer es in der Zukunft um einen Eigentumstransfer oder ganz allgemein die „Zementierung" von Wahrheit geht, kann die Blockchain-Technologie ihre Vorzüge ausspielen.

2. Für die Finanzindustrie ist Blockchain eine Chance.
Die Technologie hat das Potenzial, das Bankgeschäft auf den Kopf zu stellen. Die Transformation der Banken zu Infrastruktur- und Technologieanbietern könnte so massiv beschleunigt werden. Ein mögliches Spielfeld: die Handelsfinanzierung. Doch auch weitere Geschäftsbereiche wie die Abwicklung von Wertpapiertransaktionen, die Unternehmensfinanzierung, syndizierte Kredite und Anleiheemissionen könnten in den nächsten Jahren ins Blickfeld rücken. Blockchain-Anwendungen haben darüber hinaus das Potenzial, die Kernabläufe des Bankgeschäfts grundlegend zu verändern, wodurch die Gesamtbanksteuerung vereinfacht wird. Eine Folge dieser Entwicklung: Die Banken gewinnen damit mehr Zeit fürs Kerngeschäft, die Beratung ihrer Kunden.

3. Banken können Blockchain auf vielfältige Weise nutzen.
Wie genau würde die Blockchain im täglichen Geschäft funktionieren? Sie kann erstens den laufenden Betrieb vereinfachen, etwa indem sie den Abgleich von Positionen und Konten automatisiert. Sie beschleunigt zweitens das Clearing und die Abwicklung, also das sogenannte Settlement. Nachträgliche Korrekturen werden vermieden. Die hohe Transparenz hilft einer Bank auch dabei, regulatorische Anforderungen effizienter zu erfüllen. Drittens senkt die Technologie das Risiko, dass ein Geschäftspartner seine Verpflichtungen nicht oder unzureichend erfüllt; die Bedingungen eines Geschäfts sind transparent und unveränderlich festgeschrieben. Damit sinkt – viertens – auch das Betrugsrisiko, denn das dezentrale Register speichert die gesamte Historie eines Geschäfts und die Herkunft der gehandelten Vermögensgegenstände. Fünftens: Die Blockchain-Technologie spart Kosten, weil Zwischenschritte und Umwege entfallen, wenn alle Parteien mit einem gemeinsamen Register arbeiten.

4. Gemeinsam lässt sich mehr erreichen – gerade bei der Blockchain.
Das Zauberwort in der „Permissioned Ledger“-Welt lautet „Coopetition“. Kooperierende und gleichzeitig im Wettbewerb stehende Banken bauen gemeinsam ein Blockchain-Ökosystem, das die Effizienz der Abläufe in jeder Bank erhöht. Den hohen Investitionen zum Aufbau des Ökosystems stehen dann im Erfolgsfall nicht nur schlanke, kostengünstige IT-Abläufe innerhalb einer Bank, sondern auch in der Zusammenarbeit zwischen Banken gegenüber. Der Aufbau dieser Blockchain-Ökosysteme ist genau das Ziel bei den verschiedenen Konsortien, an denen die Deutsche Bank beteiligt ist:

  • Im Projekt „Utility Settlement Coin“ (USC) bringen wir, gemeinsam mit unseren Partnern, die Vorteile von digitaler und traditioneller Währung zusammen. Es geht darum, Transaktionen über Blockchain zunächst zwischen anderen Banken und später zwischen Unternehmen zu erleichtern.
  • Ein weiterer spannender, bereits produktiver Anwendungsfall der Blockchain ist die grenzüberschreitende Plattform „we.trade“, an der sich derzeit neun Banken beteiligen: Als eines der Gründungsmitglieder arbeiten wir eng mit anderen europäischen Banken zusammen, um den nationalen und internationalen Handel für kleine und mittlere Unternehmen zu vereinfachen. Das Ziel ist, inländische und grenzüberschreitende Handelsfinanzierungen für Unternehmen zu vereinfachen, sodass Handelstransaktionen effizienter und sicherer abgewickelt werden können.
  • Auch die Open-Source-Initiative „Hyperledger“, die aus mehr als 170 Mitgliedern besteht, will die Blockchain-Technologie gemeinsam vorantreiben. Mit der Mitgliedschaft erhalten wir Zugang zu einer florierenden und weltweiten Gemeinschaft von Entwicklern sowie zu Open-Source-Technologien für Unternehmen. Viele unserer Kunden sind auch bei Hyperledger aktiv.
  • Und im R3-Konsortium testen wir mit anderen Finanzunternehmen, wo und wie wir Blockchain gemeinsam nutzen können, zum Beispiel in Bereichen wie der digitalen Identifikation oder im Kapitalmarktgeschäft.

5. Die Blockchain wird zu einem wichtigen Baustein der elektronischen Identität.
Eine Identität zu haben, ist ein menschliches Grundrecht. Sie bestätigt gegenüber anderen, wo wir leben und arbeiten, sichert uns Zugriff auf medizinische Versorgung und Bildung, gibt uns das Recht zu wählen – und erlaubt es uns somit, sichtbares Mitglied in der Gesellschaft zu sein. Typischerweise existieren von ein und derselben Person ganz unterschiedliche Datensätze, etwa beim Einwohnermeldeamt, beim Mobilfunkanbieter oder beim Arzt. In Ländern wie Estland oder Indien gibt es aktuell Bestrebungen, diese Daten beziehungsweise den Zugang zu den Daten auf einer Blockchain zu speichern. Regierungen und die öffentliche Verwaltung können solche Lösungen bereitstellen, selbst aber nicht zwangsläufig alle Datensätze einsehen. Der Nutzer behält so einen hohen Grad an Kontrolle über seine Daten und kann entscheiden, wer darauf zugreifen darf. Jeder freigegebene Datensatz kann dank Blockchain eindeutig identifiziert werden, wodurch die unerlaubte Weitergabe der Daten jederzeit nachvollzogen werden kann.

6. Die Blockchain kann helfen, Kontrolle zurückzugewinnen.
Wenn der Nutzer die Datenhoheit behält, könnte er dank Blockchain zukünftig (wieder) selbst darüber entscheiden, wie seine Daten genutzt werden und ob er sie gegebenenfalls für Geld zur Verfügung stellen möchte. Dies steht im Kontrast zu den heutigen Verhältnissen, da große Technologieunternehmen Daten von Nutzern sammeln und diese teilweise an andere Unternehmen weiterverkaufen – als Teil des Vertrags, der zwischen Nutzern und Anbietern sozialer Netzwerke geschlossen wird.

7. Der Finanzmarkt könnte mit der Blockchain-Technologie demokratisiert werden.
Beispielsweise mit sogenannten ICOs (Initial Coin Offerings). Dahinter verbergen sich etwa Start-ups, die über Crowdfunding von privaten und institutionellen Anlegern Geld einsammeln und dafür im Gegenzug so genannte Token erhalten, welche anschließend gehandelt werden können. Das Konzept hat durchaus das Potential, auch für herkömmliche Unternehmen Kapital einzusammeln. Zwar wird noch darüber diskutiert, wie diese Token regulatorisch behandelt werden sollen; doch es ist gut möglich, dass sich das Modell in nächster Zeit etabliert, zumal seine Vorteile auf der Hand liegen. Zum einen für den Unternehmer, der einfacheren Zugang zu Wagniskapital erhält, weniger Zeit in Roadshows investieren sowie dank Handelbarkeit der Token eine geringere Risikoprämie für das Kapital zahlen muss. Zum anderen für den privaten Investor, der frühzeitig an einer erfolgreichen Idee partizipieren und von ihr profitieren kann. Im Moment ist dies noch Zukunftsmusik. Viele, womöglich sehr viele ICOs dürften maue Renditen ausweisen oder frühzeitig insolvent werden.

8. Digitale Fiat-Währungen können einen Handel komplett abbilden.
Die Gründer der Blockchain-Technologie hatten von Anfang an das Ziel, einen internetfähigen Zahlungsprozess ins Leben zu rufen. Wenn wir annehmen, dass zukünftig Zahlungen über das Internet mittels Krypto-Euros abgewickelt werden, dann kann gleichzeitig die Vertragsabwicklung (Smart Contracts) über die Blockchain abgebildet werden – beispielsweise die Eigentumsübertragung von Wertpapieren und Transaktionen. Erste Ansätze dafür gibt es schon, etwa beim USC. Die Tatsache, dass hier reale Währungen auf der Blockchain abgebildet werden, ermöglicht es, das Währungs- und Gegenparteirisiko zu minimieren und Kosten zu senken.

9. Ohne Regeln und Standards geht es auch künftig nicht.
Künstliche Intelligenz, zentrale Transaktionsregister und die Digitalisierung von Wertschöpfungsprozessen bieten eine Reihe von Vorteilen – sowohl für Unternehmen als auch für die Gesellschaft als Ganzes. Schon weil unsere technisierte Welt mehr denn je verflochten ist, sind Vorschriften, gesetzliche Rahmenbedingungen und produktionssichere Technik nicht optional, sondern zwingend einzuhalten. Auch das vom Weltwirtschaftsforum (WEF) gegründete Zentrum für die vierte industrielle Revolution, zu dessen Partnern wir gehören, hat das Ziel, eine stabile, berechenbare und transparente Regulierung zu erreichen. Gemeinsam mit Regierungen, Gesetzgebern, Aufsichtsbehörden, Branchenvertretern und Wissenschaftlern soll ein Rahmenwerk entstehen, das es erlaubt, die Technologien optimal zu nutzen.

10. Die Blockchain ist kein Allheilmittel im Bankgeschäft.
Für mich steht fest: Die Blockchain ist nicht die Antwort auf alle Fragen des Bankgeschäfts. Dass immer neue Anwendungen für die Blockchain ins Spiel gebracht werden, heißt nicht, dass alle angeführten Einsatzideen für uns auch alltagstauglich und seriös sind. Blockchain ist eine überaus spannende Entwicklung, aber eben auch „nur“ einer von vielen digitalen Trends – andere sind etwa künstliche Intelligenz, Cloud Computing oder offene Schnittstellen. Wir beobachten all diese Trends und gestalten sie mit. Zugleich sind wir davon überzeugt, dass zentrale, traditionelle Funktionen von Banken auch in Zukunft gebraucht werden – von der Kreditvergabe bis zum Managen von Risiken für unsere Kunden. Mit anderen Worten: Die Blockchain-Technologie kann den Geldhäusern helfen, sich auf Aspekte zu konzentrieren, die für die Kunden Nutzen und Wert stiften.