6. September 2019

Wie revolutionär ist Facebooks Digitalwährung Libra?

Wieviel disruptives Potenzial steckt in der geplanten Digitalwährung? Fragen an Heike Mai von Deutsche Bank Research.

Frau Mai, hat Libra das Zeug zur Weltwährung?
Heike Mai: Für eine fundierte Antwort darauf ist es noch zu früh, aber klar ist: Die Hürden für Libra sind zahlreich und hoch. Ob es ein Erfolg wird, ist noch längst nicht ausgemacht.

Dann machen wir es eine Nummer kleiner: Was kann eine Kryptowährung wie Libra leisten?
Es gibt zwei grundsätzliche Anwendungsmöglichkeiten – zum Bezahlen, also als Tauschmittel, oder für die Geldanlage, ähnlich dem Bargeld oder einer Einlage auf einem Bankkonto. Kryptowährungen können eine sinnvolle Ergänzung zu den vorhandenen Zahlungsmöglichkeiten wie Bargeld und Bankeinlagen darstellen. Die Frage ist, ob es eine staatliche oder private Kryptowährung sein sollte, oder sogar beides.

Was ist bei Libra anders als bei Ethereum, Ripple & Co?
Libra hat einige Vorteile gegenüber den bereits existierenden privaten Kryptowährungen. Sie kann auf einen potenziell riesigen Nutzerstamm zugreifen, was eine erfolgreiche Verbreitung dank des Netzwerkeffekts viel wahrscheinlicher macht. Es soll zudem Transaktionen in großer Zahl abwickeln können. Drittens will das Libra-System die eingenommenen Mittel in harte Währungen wie Euro und US-Dollar investieren, so dass der Wert der Libra, also quasi der Wechselkurs, deutlich weniger schwanken dürfte.

Bevor Sie mich nach Bitcoin und Libra fragen: Zwischen diesen Kryptowährungen gibt es neben der Deckung durch harte Währungen einen weiteren fundamentalen Unterschied. Im Gegensatz zum Bitcoin, der direkt ohne Finanzintermediäre übertragen werden kann, soll Libra auf einem System laufen, das in seinem organisatorischen Aufbau eher dem jetzigen Bankensystem ähnelt. Denn das Libra-System stützt sich auf Intermediäre, die zudem vorab eine Zulassung von der Libra Association benötigen.

Für wen könnte Libra vor allem interessant sein?
In Europa in erster Linie für Leute, die oft auch außerhalb ihres eigenen Landes unterwegs sind. Denn Libra wird eine Möglichkeit bieten, grenzüberschreitend – also europaweit – zu zahlen, sei es beim Einkauf im Internet oder auf der Auslandsreise an der Ladenkasse. Dies kann ein echter Wettbewerbsvorteil sein; denn auch wenn in vielen europäischen Ländern Karten-, Internet- oder mobile Zahlungen weit verbreitet sind, stößt das digitale Bezahlen in Europa oft an nationale Grenzen. In Schwellenländern kann Libra Menschen, die von Banken und Finanzdienstleistern nicht als Kunden akzeptiert werden, überhaupt erst das digitale Bezahlen und Sparen ermöglichen. Um es etwas formaler zu sagen: Libra kann die finanzielle Teilhabe erhöhen. Voraussetzung ist natürlich der Zugang zum Internet.

Wie ergibt sich denn überhaupt der Wert von Libra?
Aus der Zusammensetzung des Währungskorbs. Libra ist damit im Wesentlichen wie ein Anteilsschein an einem Geldmarktfonds, der in die angesehensten Währungen weltweit investiert. Es ist denkbar, dass diese Deckung irgendwann auch einmal aufgehoben wird, aber das ist auch abhängig von der Geldpolitik der Notenbanken. Schon jetzt hat die Libra Association erheblichen Einfluss, denn sie bestimmt die Regeln des Systems und legt die Gewichte im Währungskorb fest.

Was spricht für und was gegen einen Erfolg der Facebook-Währung?
Der große Vorteil von Libra ist natürlich der riesige Netzwerkeffekt von Facebook und die gewaltige Marktmacht. Die Libra-Wallet kann in bestehende Facebook-Konten einschließlich WhatsApp, Messenger und Instagram eingebunden und so Milliarden von Nutzern bequem zugänglich gemacht werden. Auf Libra-Guthaben soll kein Zins gezahlt werden. Aber gerade dies könnte in den Industrieländern Libra interessant machen, falls die Notenbanken die Zinsen immer weiter ins Negative drücken – und damit Sparer förmlich bestrafen würden. In Schwellenländern schließlich könnte Libra zum Ersatz für eine weiche, instabile einheimische Währung werden.

Gegen Libra spricht jedoch das Wechselkursrisiko, da der Kurs zwischen Libra und heimischer Währung flexibel sein wird. Auch die regulatorischen Hürden sind, wie bereits angedeutet, hoch.

Und worauf müssen sich die Finanzbranche und Regierungen gefasst machen?
Libra bedroht die etablierten Hüter des Geldes, also die Notenbanken, und jene Regierungen, die die Notenbanken durch ihre Verschuldungspolitik und fehlenden Strukturreformen der vergangenen Jahre praktisch in Geiselhaft genommen und die niedrigen Zinsen notwendig gemacht haben. Auch Banken sind potenziell gefährdet, denn Libra könnte ihnen einen Teil der Refinanzierung durch Kundeneinlagen entziehen. Daher werden gerade die Aufsichtsbehörden und die Regulierer sehr kritisch auf Libra schauen und es wird nicht einfach sein, sie zu überzeugen, dass Libra überhaupt an den Start gehen darf. Das sehen wir heute schon in der vielfältigen Kritik, die in der Öffentlichkeit geäußert wird.

Und wie stark sollte Libra Ihrer Meinung nach reguliert werden?
Wie immer sollte der Grundsatz „gleiches Geschäft, gleiche Regulierung“ gelten. Die Regulierer sollten Innovationen im Finanzsektor grundsätzlich eine Chance geben und sie nicht von vornherein verbieten. Natürlich braucht es klare Regeln. Libra muss alle relevanten Anforderungen erfüllen, zum Beispiel, was Gesetze zum Zahlungsverkehr oder Geldwäsche-Prävention betrifft, und nicht zuletzt, was die Verwendung von privaten Daten angeht. Schließlich ist Facebook keine gemeinnützige Organisation, sondern möchte Gewinn machen.

Auf einer Skala von eins bis zehn – wieviel Disruptionspotenzial birgt Libra?
Ich sehe viele Hürden, die Libra nehmen muss, um Erfolg zu haben. Wenn Libra jedoch erfolgreich wird, dann würde ich das Disruptionspotenzial auf sieben schätzen. Aber auch dann wird Libra die offiziellen Währungen wahrscheinlich nicht ersetzen, sondern ergänzen. Insofern muss jemand, der Libra nicht nutzen möchte, auch nicht fürchten, irgendwann doch darauf angewiesen zu sein.