Die Zukunft von Verkaufsräumen in einer digitalen Welt

Die Innenstädte mit ihren Einkaufsmeilen, aber auch Einzelhändler oder Bankfilialen waren im Zeitalter des Online-Shoppings und -bankings schon tot gesagt. Doch seit kurzer Zeit erleben wir einen neuen Trend: Pop-Up- und Flagship-Stores entstehen. Oliver Leisse ist Zukunftsforscher und erklärt diesen Trend. Nadin Chucher ist Leiterin des „Quartier Zukunft“, ein Ort der Begegnung, der mit einer klassischen Bankfiliale nur noch wenig zu tun hat. 

Opener Q110

Im Gespräch mit den Experten

Gibt es einen Trend vom Internethandel zurück zu lokalen Geschäften?

Nadin Chucher: Uns faszinieren Orte, an denen wir Menschen analog zusammen kommen, wo etwas passiert, wo man Teil von etwas werden kann. Das ist dieses Gefühl von Gemeinschaft, das wir im Internet nie so unmittelbar erfahren können wie es real möglich ist. Darum bleiben analoge Geschäfte wichtig.
Oliver Leisse: Ja das beobachten wir schon und alle kaufen online ein, um Zeit zu sparen. Aber gleichzeitig fehlt den Menschen dabei auch etwas, sie sehnen sich nach mehr, nach einem echten Einkaufserlebnis.

...Wie sollten Geschäfte zukünftig aussehen?
Nadin Chucher: Wir haben uns während unserer Planung weltweit Storekonzepte angeschaut und ich habe das Gefühl, dass viele Geschäfte modern mit stylisch gleichsetzen oder verwechseln. Da hängen dann überall nur Screens rum, alles wirkt kühl und es ist ganz einfach keine Atmosphäre, in der ich mich länger aufhalten oder mit jemandem in Kontakt kommen möchte. Wir glauben, dass wir Räume schaffen sollten, in denen sich die Menschen wohl und zuhause fühlen, in denen sie entspannen können.
Oliver Leisse: Das ist der sogenannte „Third Place“, nicht das eigene Zuhause, aber auch nicht der Arbeitsplatz, sondern etwas dazwischen, ein geschützter Raum, wo ich zur Ruhe kommen kann, wo ich dem Stress unserer Zeit entfliehe. Das Geschäft oder die Filiale der Zukunft sollte diesen Raum bieten, den Kunden nichts aufdrängen, sondern sie unterhalten und unterstützen.

...Was raten Sie Unternehmern für die Gestaltung ihrer Verkaufsräume?
Nadin Chucher: Der physische Umbau ist der dritte oder vierte Schritt. Erst mal geht es um das eigene Geschäftsmodell und darum, was für eine Rolle das Unternehmen im Leben der Kunden zukünftig spielen kann. Dafür muss man gut zuhören und dann erst die Erkenntnisse in den Raum übertragen. Wir haben uns zum Beispiel für unser Raumkonzept zuvor 6.000 Feedbacks und Meinungen von Kunden eingeholt.
Oliver Leisse: Die Unternehmer müssen auf die Veränderungen ihrer Umwelt reagieren. Wenn ich heute in Verkaufsräume komme, dann sagt mir dieser Raum meistens: „Geh weg! Du vergeudest Zeit hier“. Und das darf nicht sein. Wir müssen den Menschen Wertschätzung vermitteln für ihre kostbare Zeit, die sie bei uns verbringen. Als Unternehmer bewirbt man sich heute um die Aufmerksamkeit seiner Kunden und befindet sich damit in einem harten Wettkampf zur Konkurrenz.