Zeit in der digitalen Gesellschaft

Richard David Precht ist überzeugt: Zeit ist die wertvollste Ressource unserer Gesellschaft. Doch in einer zunehmend digitalisierten und technologisierten Welt verschwimmen die Grenzen zwischen Arbeit und Freizeit. Der Philosoph und Publizist über das heutige Empfinden von Zeit und eine neue Sinnsuche. 

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Der Philosoph über...

... den heutigen Umgang mit Zeit: Sie hat in der Gesellschaft eine neue Bedeutung.
Die Menschen werden wesentlich älter als in früheren Zeiten und können ihr Leben selbst gestalten. Doch je mehr wir unser Leben selbst steuern, desto mehr stellt sich die Frage: Wie verbringe ich meine Zeit sinnvoll? Dazu stellen wir verschiedene Ansprüche an uns selbst: Wir wollen Leistung im Job zeigen und gleichzeitig unseren Familien, Freundschaften und Interessen gerecht werden – die Summe dieser Erwartungen sorgt dafür, dass wir das Gefühl haben, keine Zeit mehr zu haben.

... die heutige Arbeitswelt: Auf der einen Seite wollen gerade viele jüngere Menschen weniger arbeiten, um mehr Zeit zu haben. Andererseits ist unsere Arbeitswelt durch einen mörderischen Takt gekennzeichnet, den es früher nicht gab. In der damaligen Zeit war man nach Dienstschluss für seinen Chef nicht weiter erreichbar. Wir beobachten, dass sich dieser Achtstundentag auflöst und durch digitale Technologien der Anspruch besteht, immer erreichbar zu sein.

... das Bedürfnis nach Entschleunigung: In der neuen Arbeitswelt wird es wichtig sein, persönliche Schutzzonen einzurichten. Die Frage ist, wer sich darum kümmern wird, der Gesetzgeber oder die Unternehmen selbst? Bei aller Veränderung merken wir, dass unsere Seele nur bis zu einem gewissen Grad mit der Beschleunigung Schritt halten kann. Da das Bedürfnis nach Gesundheit und Wohlbefinden heute viel wichtiger ist als früher, ist es auch Aufgabe der Arbeitgeber, diese in ihre Unternehmenskultur zu integrieren.

...eine veränderte Definition von Freizeit: Wir werden unser bisheriges Konzept von Freizeit überdenken müssen. Statt der Zeit zwischen 18 Uhr abends und acht Uhr am nächsten Morgen wird es eine neue Definition von Freizeit geben, in der das Recht auf Unerreichbarkeit breit akzeptiert wird. Gerade junge Menschen erkennen, dass ihre Arbeit ein wichtiges Stück Lebenszeit ist. Auch materielle Bedürfnisse verlieren an Bedeutung. Immer mehr Menschen sagen sich: Wir brauchen nicht mehr Zeug, sondern mehr Zeit. Dieses starke Bedürfnis wird zu einem Umdenken führen: Wir leben nicht mehr, um zu arbeiten, sondern arbeiten, um zu leben.