“Ein Mosaik des Grauens“ nennt der österreichische Chefredakteur der Wiener Wochenzeitung „Falter“, Florian Klenk, die Reden europäischer Rechtspopulisten, die er in seinem Buch „Alles kann passieren. Ein Polittheater“ gesammelt hat. Als Theaterstück wurden sie jüngst am Wiener Burgtheater aufgeführt. Wir sprachen mit Florian Klenk in den Redaktionsräumen des Falter über die Kraft des Theaters und die Rhetorik der „neuen starken Männer“.

Was hat Sie motiviert, gemeinsam mit dem Schriftsteller Doron Rabinovici für das Buch „Alles kann passieren“ Reden europäischer Rechtspopulisten zu sammeln und diese im Burgtheater Wien aufzuführen?

Momentan vernimmt man in Europa ein Stimmengewitter, versteht es aber nicht. Orbán spricht auf ungarisch, Kaczynski polnisch, Strache deutsch und Salvini italienisch. Daher kam die Idee, diese Reden nicht nur zu sammeln und zu dokumentieren, sondern auch in eine Sprache zu übersetzen. Das Spannende ist, dass man in diesem Mosaik sehen kann, was diese Reden gemeinsam haben. Einerseits kommen sie mit einem gewissen Witz daher. Und das ist besonders gefährlich, denn mit Humor kann man die Leute fangen. Andererseits verbreiten sie eine Verschwörungstheorie: die eines großen Austauschs der Bevölkerung durch muslimische Horden. Da steigen in den Texten dann sehr nationalistische und Gewalt beschwörende Bilder auf. Bilder, von denen sich Europa eigentlich in den letzten 70 Jahren sehr erfolgreich emanzipiert hat.
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Welche Reaktionen haben Sie auf die Arbeit bekommen?

Es gibt ein wahnsinniges Interesse daran, das zu hören. Interessanterweise waren die Reaktionen in Deutschland viel stärker als in Österreich. Gerade in Wien hab ich das Gefühl, man nimmt das alles schon so hin. Während man in Deutschland Angst davor hat, die Rechtspopulisten könnten eines Tages den Innenminister oder den Verteidigungsminister stellen. So wie es hier in Österreich schon möglich ist.
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Warum wollten Sie, dass diese Stimmen im Wiener Burgtheater aufgeführt und laut vorgelesen warden?

Doron Rabinovici und ich wollten diese Reden nicht nur in eine Sprache übersetzen, sondern sie auf der Bühne dem Publikum zurückgeben. Verfremdet dadurch, dass Frauen laut vortragen, nicht Männer. Dadurch entsteht eine Abstraktionsebene und man konzentriert sich ganz, ganz stark auf das gesprochene Wort. Hier befruchten sich Aufdeckungsjournalismus, Literatur und Theater gegenseitig und es entsteht etwas Neues, eine Art dokumentarische Anklage. Vorgetragen von denen, die wir anklagen wollen.
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Foto: Georg Soulek/Burgtheater

Was hinterlässt den stärkeren Eindruck. Ist es das Buch oder das Theater?

Das Theater ist immer stärker als das reine geschriebene Wort. Und gerade das Burgtheater ist wie das Kolosseum, eine riesige Arena. Hier wird das Theater als politischer Ort auf einmal wieder wirkmächtig. Leute kommen eine Stunde und hören sich Politikerreden an, die sie sich sonst nie anhören würden. Anfangs denkt man noch: das ist ja gar nicht so schlimm, was da gesagt wird. Aber es steigert sich wie in einen Orkan und am Schluss gibt es sogar Gewaltaufrufe bspw. gegen Roma seitens des italienischen Innenministers. Und dann merkt man, wie die Leute in ihren Sesseln ungemütlich die Köpfe einziehen.

Welche überzeugenden Argumente sehen Sie denn in der EU, um diesen antieuropäischen Stimmungen entgegenzutreten?

Ich bin in den 90er Jahren aufgewachsen, in der Generation Erasmus. Ich habe den Eisernen Vorhang, den Fall der Mauer und den österreichischen EU-Beitritt bewusst erlebt. Für mich war Europa, so kitschig das klingen mag, tatsächlich der Höhepunkt eines Friedensprojektes, einer europäischen Idee, in der sich in Europa Nationen nicht mehr gegeneinander stellen. Und diese europäische Idee sehe ich total in Gefahr. Europa wird als Brüsseler Moloch diskreditiert, obwohl die Brüsseler Bürokratie wesentlich schlanker ist als die vieler europäischer Nationalstaaten. Der Grund ist, dass sich nationale Politiker entmachtet fühlen und dem Volk einreden, das käme von Brüssel. Dabei ist eine europäische Gemeinschaft der einzige Garant, um in einer globalisierten Welt Gegendruck zu machen.

Weitere Features aus der Reihe #ThoughtsonEurope

In der Serie #ThoughtsonEurope geben Menschen aus Wirtschaft und Gesellschaft Impulse für Europa.