Larissa Fassler setzt sich künstlerisch mit europäischen Städten auseinander und macht sich dabei auch ein Bild von der Gesellschaft. Sie ist in Kanada geboren, hat einen französischen Pass und lebt in Berlin. Sie ist eine der Etagenkünstlerinnen aus der Sammlung Deutsche Bank, die der Bereich Kunst, Kultur und Sport in den Doppeltürmen der Deutschen Bank in Frankfurt präsentiert. In ihrem Schöneberger Atelier erklärt die international renommierte Künstlerin, warum öffentliche Orte sie faszinieren.

Sie machen sich ein Bild von der Gesellschaft, indem Sie seit einigen Jahren öffentliche Orte in Europa besuchen und die Menschen dort beobachten. Was hat sich an diesen Orten in den vergangenen Jahren verändert?

Ich habe vor allem festgestellt, dass die Sicherheitsmaßnahmen in den vergangenen 20 Jahren erheblich verstärkt wurden. So war ich zum Beispiel in einem besonders kritischen Moment auf dem Taksim-Platz in Istanbul. Es war der zweite Jahrestag der Proteste gegen ein Bauprojekt im Gezi-Park, der unmittelbar an den Taksim-Platz angrenzt, und auf dem Platz waren Hundertschaften der Polizei. Ähnliches habe ich auch in anderen Städten erlebt, als ich unterwegs war und Skizzen machte: die vielen verschiedenen Sicherheitsmaßnahmen. Wachleute, Polizisten und Militär – so etwas hatte ich vor 20 Jahren an keinem dieser Orte erlebt.

B65A2399_782x558.jpg
B65A2457_782x558.jpg

Sie leben als Kanadierin seit 1999 in Berlin. Glauben Sie, dass die Europäer enger zusammengerückt sind?

Ich denke, dass die Leute mehr als früher innerhalb Europas unterwegs sind. In Berlin gibt es inzwischen mehr Schweden, Italiener und Franzosen. Also so gesehen sind die Europäer in den großen Metropolen und Großstädten zusammengerückt. Politisch allerdings glaube ich, dass sich die Länder Europas weiter voneinander entfernen. Bei der Berufung von Richtern, der freien Meinungsäußerung oder dem Journalismus in Ländern wie Ungarn, Polen oder Italien ist mein Eindruck, dass die Europäer auseinanderdriften in ihrer Auffassung über die Zukunft Europas, wie sie mit der Einwanderung umgehen und was sie als ihre wichtigsten Werte ansehen.

video-fassler-ohne.jpg

Was fasziniert Sie an den öffentlichen Orten in Europa, die Sie aufsuchen, und worin unterscheiden sie sich im Vergleich zu Ihrem Heimatland?

Wenn Sie die Sprache eines Landes nicht sprechen, lernen Sie etwas über das Land, indem Sie die Menschen beobachten. So sind mir zwei Dinge aufgefallen, in denen sich Europa deutlich von Nordamerika unterscheidet. Eines ist die architektonische Struktur der Städte. In Nordamerika haben die meisten Städte einen klassischen Schachbrettgrundriss und die Stadtplanung ist primär auf Autofahrer ausgelegt. In Europa dagegen habe ich viele Orte mit einem Altstadtkern gesehen. Diese Städte sind organisch gewachsen, haben Fußgängerzonen und geben Radfahrern den Vorrang vor Autos. Diese öffentlichen Räume laden zum Verweilen ein, finde ich. Das macht sie menschlicher. Ein völlig anderes Thema dagegen ist das Multikulturelle. Als sehr junges Land ist es in Kanada ganz normal, dass die meisten Bürger von irgendwo anders kommen. Daher ist das Konzept, Kanadier zu sein, und wie man als Kanadier aussieht, sehr viel offener.

fassler_fullwidth-image_1920x500.jpg

Haben Sie etwas typisch Europäisches entdeckt an den Orten, die Sie bereisen?

Meines Erachtens funktionieren öffentliche Plätze in Europa anders, mehr als eine Art Versammlungsraum. In Nordamerika gibt es wenig öffentlichen Raum, und viel weniger städtischen Raum für die Bürger. So eignen sich die Städte Europas besser dazu, dass sich die Bürger in die Gesellschaft einbringen können.

Halten die Europäer den Status quo der EU zu sehr für selbstverständlich?

Absolut. Den Menschen ist nicht bewusst, was für Privileg es ist, dass sie sich einfach von einem Land zum anderen bewegen können. Und dabei die Länder nicht nur als Besucher kennenlernen, sondern auch dort arbeiten und sich ein Leben aufbauen dürfen. Und sie vergessen dabei sehr schnell, wie schwierig es für andere Staatsbürger ist, nach Europa zu kommen. Und ich rede nicht nur von Touristen in Flugzeugen. Die Möglichkeit, auch anderswo leben und arbeiten zu können, halten die Menschen für selbstverständlich. Erst wenn das einmal nicht mehr möglich ist, werden die Leute merken, was für ein fantastisches Angebot, was für eine große Chance das ist - insbesondere für junge Menschen.

Weitere Features aus der Reihe #ThoughtsonEurope

In der Serie #ThoughtsonEurope geben Menschen aus Wirtschaft und Gesellschaft Impulse für Europa.