„Einfach mal machen“ meint RatePAY Gründerin Miriam Wohlfarth, eine Pionierin der deutschen Start-up-Szene. Inzwischen expandiert ihr erfolgreiches Fintech nach Europa und beschäftigt über 200 Mitarbeiter. Wir sprachen mit ihr in den Büroräumen des Zahlungsdienstleisters in Berlin Charlottenburg über Mut und deutsche „Motzkultur“.

2018 gilt als Rekordjahr für die europäische Startup-Szene. Es wurden 23 Milliarden Euro Risikokapital investiert. Außer mehr Geld zu investieren, was muss noch besser werden?

Ja, es wurden hohe Summen in europäische Tech-Unternehmen investiert, aber das muss man differenziert sehen. Das meiste Geld kommt aus den USA und aus asiatischen Ländern. Und leider muss man sagen: Da passiert noch gar nicht so viel mit großem Geld aus Europa. Immer noch ist die Risikobereitschaft deutscher und europäischer Unternehmen viel zu klein. Meiner Meinung nach brauchen wir hier einen grundlegenden Haltungswandel im ganzen Zusammenspiel zwischen Politik, Wissenschaft und Wirtschaft.
db-europa-wohlfahrth-MMT_v1_782x558.jpg
db-europa-wohlfahrth-MMT_v4_782x558.jpg

RatePAY ist von Deutschland aus nach Europa expandiert. Wie einfach bzw. wie schwierig war das?

Fintech ist ja sehr starken Regularien unterworfen, und die sind in jedem Land anders. Das Ganze dann gleich europäisch zu denken, ist nicht so einfach. Doch nicht für jedes Start-up-Unternehmen ist das gleich. Baut man zum Beispiel ein Informationsportal oder einen Online-Shop auf, ist es sehr viel einfacher in europäische Nachbarstaaten zu expandieren. Letztlich muss ich mir aber immer erst die Frage beantworten: Ist dieses Land, ist dieser Markt überhaupt relevant für mein Produkt. Und gerade für RatePAY hatten wir anfangs mit dem Rechnungskauf ein sehr deutsches Produkt gebaut und sind dann erst durch Kundenwünsche nach Österreich, die Schweiz und jetzt auch in die Niederlande gegangen. Trotzdem gibt es insgesamt in Europa gesehen immer noch viele Hürden. Europäische Initiativen, die Start-ups fördern, gibt es im Grunde zu wenige.
db-europa-wohlfahrth-video-teaser_v2_800x400.jpg

London gilt als Zentrale für europäische Fintechs. Was bedeutet der Brexit für die Szene?

Man sieht jetzt schon eine Verlagerung: mehr und mehr weg von London, hin zum Kontinent. Ich glaube, dass der europäische Markt davon sogar profitieren wird und es für Start-ups in England schwieriger wird. Denn Wagniskapital wird eher in Richtung Paris, Berlin oder nach Irland fließen, nicht in Richtung England. Trotzdem finde ich das persönlich super schade.

Nehmen wir Vorteile, die uns die Europäische Union bietet, eigentlich viel zu selbstverständlich?

Ja, das glaube ich schon. Man liest ja immer wieder, dass knapp zwei Drittel der Leute eigentlich pro Europa sind. Trotzdem leben wir in einer Kultur in der sehr viel gemeckert, aber sehr wenig gemacht wird. Für Viele scheint der alltägliche, direkte Bezug zur EU weit weg und man meckert gern darüber, was in Brüssel gemacht wird. Das ärgert mich schon sehr. Eigentlich sollte man viel mehr in den Vordergrund stellen, wie gut das für uns ist: dieses Europa.
db-europa-wohlfahrth-full-width-teaser_v1_1920x500.jpg

Weitere Features aus der Reihe #ThoughtsonEurope

In der Serie #ThoughtsonEurope geben Menschen aus Wirtschaft und Gesellschaft Impulse für Europa.