Deutsche Bank – Verantwortung
Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung | 02.06.2013, Nr. 22, S. 33

Sind Spekulanten schuld am Hunger?

Die Preise für Weizen, Mais und Soja steigen seit Jahren drastisch an. Mit Agrarspekulation hat das am wenigsten zu tun.

Von Dennis Kremer

Gut möglich, dass sie bei der DZ Bank am vergangenen Montagabend ein paar Sektflaschen geköpft haben. Schließlich erlebte der Vorstand des Frankfurter Geldinstituts da etwas, was Bankern in diesen Tagen nur selten zuteil wird: Es gab Lob von allen Seiten.

Hilfsorganisationen gratulierten, selbst Verbraucherschutzministerin Ilse Aigner sprach ihre Anerkennung aus - und das alles wegen eines Beschlusses: Sie werde in Zukunft keine Wertpapiere mehr anbieten, mit denen Anleger auf steigende Nahrungsmittelpreise setzen können, teilte die Bank mit. Wetten auf Weizen, Reis, Zucker und Sojabohnen ab sofort ohne uns, lautete die markige Botschaft.

Dass die Entscheidung Beifall einbringen würde, war gewiss: Schließlich gibt es für eine Bank kaum etwas Schlimmeres als den Verdacht, sie profitiere bei ihren Geschäften vom Hunger in der Welt. Kein Thema vermag die Deutschen mehr zu erregen, kein Vorwurf wiegt schwerer: Leiden weltweit fast 900 Millionen Menschen auch deswegen an Hunger, weil Spekulanten auf den Märkten für Agrarrohstoffe ihr unheilvolles Spiel treiben?

Auf den ersten Blick scheint der Ausstieg der DZ Bank, immerhin das viertgrößte deutsche Geldhaus, allen Gegnern der Spekulation recht zu geben. Doch bei genauerem Hinsehen zeigt sich: Der Bank ging es in erster Linie ums Geschäft. Seit Jahren schon erzielt sie mit ihren Agrarfonds kaum Gewinne - ein Ausstieg lag darum nahe. Und den damit verbundenen Imagegewinn dürften die Vorstände sogar einkalkuliert haben.

Eines ist die Entscheidung darum gerade nicht - die Antwort auf die große Frage, die Wirtschaftswissenschaftler und Caritasverbände, Kapitalismuskritiker und Börsianer gleichermaßen umtreibt. Sind Spekulanten und ihr Tun tatsächlich mitverantwortlich für den Hunger in der Welt? Lassen sie durch ihr Handeln die Preise für Grundnahrungsmittel wie Weizen und Reis nach oben schießen? Seit Jahren wird hierum erbittert gestritten. In Deutschland haben zuletzt vor allem zwei Kontrahenten die Debatte geprägt, oft lautstark und mit einem Schuss Aggressivität. Auf der einen Seite die Hilfsorganisation Oxfam mit ihrem Referenten David Hachfeld an der Spitze, Autor einer 60-seitigen Untersuchung mit dem provokanten Titel "Mit Essen spielt man nicht!".

Auf der anderen Seite eine Gruppe von Ökonomen um den Wirtschaftsethiker Ingo Pies von der Universität Halle-Wittenberg, der zahlreiche Studien zur Agrarspekulation ausgewertet hat. Hachfeld sagt: "Die Armen dieser Welt sind der Spekulation schutzlos ausgeliefert." Pies sagt: "Spekulation hat einen positiven Effekt." Wer hat recht?

Nahrung wird immer teurer - Preise für Agrarrohstoffe

Dazu muss man zunächst einmal verstehen, wie der Terminmarkt für Agrarrohstoffe funktioniert: Er ist es nämlich, auf dem Landwirte, Nahrungsmittelfirmen und Anleger aufeinandertreffen. Die Profis sprechen auch vom Future-Markt, und zwar aus einem einfachen Grund: Hier werden Kontrakte gehandelt, die die Zukunft betreffen. Da ein Landwirt zu Beginn des Jahres nie weiß, wie hoch seine Weizenernte tatsächlich ausfallen wird, kann er sich auf dem Terminmarkt gegen das Risiko eines zu niedrigen Preises absichern. Genauso haben auch die Lebensmittelfirmen ein Interesse daran, Unwägbarkeiten auszuschließen - in ihrem Fall jedoch geht es darum, das Risiko eines zu hohen Weizenpreises zu vermeiden.

Auch wenn beide also schon heute einen Festpreis für den Zeitpunkt nach der Ernte festlegen wollen, gibt es einen gravierenden Unterschied: Der Landwirt benötigt einen Vertragspartner, der mit steigenden Preisen rechnet - der Lebensmittelhändler dagegen einen Partner, der auf fallende Preise setzt. Hier kommen die Spekulanten ins Spiel: Sie kaufen nun je nach Überzeugung entweder Optionen auf einen fallenden oder auf einen steigenden Weizenpreis - sie sind also die Vertragspartner, die Nahrungsmittelhändlern und Landwirten die Absicherung erst ermöglichen.

Kein leichtverständlicher Mechanismus, aber einer, bei dem sich Befürworter und Kritiker der Agrarspekulation zumindest in einem einig sich: Über Jahrzehnte hat er eigentlich ganz gut funktioniert. Sogar Oxfam-Vertreter Hachfeld räumt ein, dass dieser Markt ohne Spekulanten wie Banken längst zusammengebrochen wäre - schließlich sichere allein ihr Engagement, dass Landwirte und Lebensmittelfirmen stets einen Abnehmer für ihre Terminmarktpapiere finden. Fachleute sprechen auch von Liquidität.

Doch spätestens seit Anfang dieses Jahrtausends sehen Kritiker den Markt als massiv gestört an - und verantwortlich dafür machen sie vor allem den Siegeszug einer bestimmten Art von Fonds, die auf den Rohstoffmärkten heute eine entscheidende Rolle spielt: Indexfonds. Der Vorwurf: Diese Fonds ließen die Preise ungezügelt steigen, erzeugten enorme Schwankungen und würden am Ende sogar Spekulationsblasen verursachen. Mit einem Satz: Der Hunger in der Welt und die Preisexplosion bei Nahrungsmitteln lassen sich zu großen Teilen auf das Agieren der Fonds zurückführen. Ein vernichtendes Urteil.

Richtig ist, dass die Preise für Agrarrohstoffe seit dem Jahr 2000 drastisch angestiegen sind: So hat sich der Preis für eine Tonne Weizen fast verdreifacht, auch auf die Preise für Mais, Sojabohnen und Zucker trifft das zu. Und in manchen Jahren wie etwa 2008 und 2011 waren die Preisschwankungen tatsächlich enorm. Vor allem solch plötzliche Schübe treffen aber diejenigen besonders hart, die fast ihr ganzes Geld für Nahrungsmittel ausgeben müssen - die Ärmsten der Armen.

An den Indexfonds aber, da mögen ihre Gegner noch so insistieren, lag das nicht. Zwar wenden Oxfam & Co. ein, dass die Bedeutung der Fonds genau in dem Zeitraum zugenommen habe, in dem die Agrarpreise so gewaltig gestiegen sind. In der Tat: Waren an der wichtigsten Warenterminbörse der Welt, der Rohstoffbörse in Chicago, Indexfonds bis zur Jahrtausendwende kaum aktiv, lief Ende 2011 schon rund die Hälfte des Geschäftes unter ihrer Beteiligung ab. Allein in Fonds von Deutscher Bank und Allianz Global Investors befinden sich derzeit Anlagegelder von mehr als zehn Milliarden Euro. "Auch wenn dies zunächst anders aussehen mag: Einen kausalen Zusammenhang zwischen beiden Phänomenen gibt es trotzdem nicht", sagt Ökonom Pies.

Denn die Fonds funktionieren so: Sie zeichnen die Preisentwicklung mehrerer Agrarrohstoffe anhand eines Index nach. Was technisch klingt, sieht in der Praxis so aus: Nimmt beispielsweise Weizen ein Gewicht von 15 Prozent im Index ein, muss auch der Fonds 15 Prozent seines Anlagevermögens in Weizen-Kontrakte investieren. Entscheidend dabei ist: Der Fonds kauft nie wirkliche Weizenkörner, sondern immer nur Weizen-Futures - also Wertpapiere.

Allein diese einfache Beobachtung setzt ein wichtiges Argument der Kritiker außer Kraft: Das massive Auftreten der Fonds führe zu einer künstlichen Verknappung von Weizen, Mais und Reis, behaupten sie nämlich. Wie aber soll das gehen, wenn die Fonds Weizen gar nicht physisch kaufen? Oxfam-Experte Hachfeld argumentiert mit dem sogenannten Rückkopplungseffekt: Danach, so die theoretische Annahme, führten steigende Preise am Terminmarkt dazu, dass viele Landwirte ihre Ernte lieber einlagern, als sie sofort zu verkaufen - sie hoffen also auf ein besseres zukünftiges Geschäft. Allein dies erhöhe den aktuellen Preis kräftig zum Nachteil der Bedürftigen in aller Welt. Das Problem dieser Sichtweise aber ist: Sie lässt sich mit Daten nicht belegen. In der Vergangenheit ging ein deutliches Plus bei den Terminmarktpreisen nämlich nicht mit einem Anstieg der Lagerhaltung einher, hat Ingo Pies in einer Studie nachgewiesen. Das spricht dafür, dass alle Akteure stets sehr genau die unterschiedlichen Funktionsweisen von Terminmarkt (Absicherung) und tatsächlichem Rohstoffhandel (Kauf und Verkauf) im Blick haben.

Aber sorgen die Indexfonds durch ihr Eingreifen nicht dennoch für unkontrollierbare Preisschübe auf dem Terminmarkt? Auch hier lautet die Antwort nein. Denn die Fonds kaufen und verkaufen nach einem im Vorhinein festgelegten Mechanismus: Legt beispielsweise der Preis für Weizen-Kontrakte so stark zu, dass Weizen sein vorgegebenes Gewicht im Index überschreitet, verkaufen sie die Kontrakte. Fällt dagegen beispielsweise der Preis für Soja-Futures stark, kaufen die Fonds zu, um so das Gewicht der Kontrakte im Index wieder auf den vorgegebenen Anteil zu erhöhen. Kurz gesagt: Indexfonds kaufen, wenn etwas günstig ist und verkaufen, wenn etwas teuer ist. In der Ökonomie ist dies als sogenannter "Reversion-to-the-mean"-Effekt bekannt, gemeint ist: Ein solches Vorgehen federt starke Schwankungen ab, bringt überschießende Preise wieder ins Gleichgewicht. Ein Effekt, von dem alle Marktteilnehmer profitieren.

Ein weiteres Argument der Gegner löst sich bei genauerem Hinsehen ebenfalls in Luft auf: Danach mindere das Handeln der Fonds die Versicherungsfunktion des Terminmarktes - die Oxfam-Leute nennen das "schlechte Liquidität". Belege hierfür gibt es aber keine. Im Gegenteil: Gerade weil sich die Fonds so stark auf den Terminmärkten engagieren, finden Landwirte und Nahrungsmittelkonzerne für ihre Futures immer genügend Abnehmer. Die Fonds halten also den Handel in Gang und helfen auf diese Weise dabei, den ureigensten Zweck jedes Terminmarktes zu erfüllen - eben die Absicherung gegen zukünftige Preisrisiken.

Wie man es auch dreht und wendet: Die einfache Gleichung "Spekulation = Hunger" geht an keiner Stelle auf, zu den großen Verursachern des Hungers in der Welt lassen sich Finanzinvestoren nicht zählen. Interessanterweise sind sich aber sowohl Gegner als auch Befürworter der Agrarspekulationen zumindest in einem einig: Die größte Ursache für steigende Nahrungsmittelpreise sehen sie in der wachsenden Weltbevölkerung und einem anderen Phänomen - dem Aufstieg vieler Menschen in die Mittelschicht. Denn damit einher geht ein höherer Fleischkonsum, der wiederum nur möglich ist, wenn mehr Rinder, Kühe und Schweine aufgezogen werden. Deren Futter aber besteht vor allem aus zwei Dingen - aus Weizen und Mais. Das wiederum treibt die Preise. Aus dieser misslichen Lage einen Ausweg zu finden, wäre allen Streit wert. Das Gefecht um die Agrarspekulation aber ist es nicht.

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