Agrarspekulation und Rohstoffpreise – gibt es einen Zusammenhang?

Treiben Indexfonds und Agrarspekulation die Lebensmittelpreise? Die große Mehrheit der Wissenschaftler sagt: Nein. Doch die Termingeschäfte mit Agrarrohstoffen stehen weiter in der Kritik. Die Politik denkt darüber nach, den Terminmarkt für Agrarrohstoffe stark zu regulieren. Was ist Fakt? Und wie steht die Deutsche Bank dazu?

Über Indexfonds kann seit etwa zehn Jahren praktisch jeder im Agrarbereich investieren. Das hat die Zahl der Transaktionen deutlich ansteigen lassen. Im selben Zeitraum wurden die Grundnahrungsmittel teurer und Preisausschläge häufiger. Kritiker vermuten daher einen ursächlichen Zusammenhang zwischen der Verbreitung von Indexfonds und dem Preisanstieg bei Agrarrohstoffen. Die Befürworter argumentieren mit dem anders gelagerten Geschäftsmodell der Indexfonds – und verweisen auf empirische Untersuchungen, um die Einwände zu widerlegen.

Pro und Contra – Argumente in der aktuellen Diskussion

Argumente der Kritiker

Die Spekulation der Indexfonds mit Agrarpreisen ist schuld am Hunger in der Welt.

Argumente der Befürworter

Die Hungerkrisen der letzten Jahre hatten primär realwirtschaftliche Ursachen. Sie wurden nicht durch die Aktivitäten von Indexfonds ausgelöst und auch nicht durch diese verstärkt, wie Studien belegen.

Die Aktivitäten der Agrar-Indexfonds haben in den letzten Jahren massive Preisschübe bei Grund-nahrungsmitteln wie Getreide hervorgerufen.

Das trifft nicht zu – die Getreidepreise stiegen auch in Phasen, in denen die Aktivität der Indexfonds zurückging. Das haben US-amerikanische Forscher nachgewiesen. Was sie ebenfalls zeigten: Auch die Haferpreise stiegen, obwohl gleichzeitig kein Indexfonds in Hafer-Terminkontrakte investiert hatte.

Indexfonds verstärken den Trend zu höheren Preisen und verursachen mehr Preisausschläge.

Indexfonds setzen keine Trends und folgen keinen Trends. Ihr Geschäftsmodell beruht vielmehr darauf, die Marktentwicklung passiv nachzuzeichnen. Sie verhalten sich damit antizyklisch und stabilisieren tendenziell den Markt, wie empirische Untersuchungen nachweisen.

Spekulanten kaufen Agrarrohstoffe wie Weizen, Mais oder Soja in großem Umfang. Dadurch kommt es zu einer künstlichen Verknappung und die Grundnahrungsmittel werden immer teurer.

Spekulanten handeln mit Wertpapieren, nicht mit Lebensmitteln. Sie kaufen kein Getreide, Mais oder Soja, sondern lediglich Terminkontrakte auf deren An- oder Verkauf. Von daher beeinflusst ihr Tun weder das reale Angebot von Agrarprodukten noch die Preisbildung auf den lokalen Märkten.

Selbst wenn Spekulanten das Angebot an Nahrungsmitteln nicht direkt beeinflussen, hat ihr Tun doch eine indirekte Wirkung, nämlich über so genannte Rückkopplungseffekte: Steigt am Terminmarkt zum Beispiel der Preis für Weizen, lagern viele Bauern ihre Ernte ein, um sie später zu verkaufen. Damit ist weniger Weizen auf dem Markt verfügbar, der Preis steigt.

Im Prinzip wären derartige Rückkopplungseffekte denkbar. Sie ließen sich aber empirisch nicht nachweisen: Studien zeigen vielmehr, dass in den vergangenen Jahren auch bei steigenden Preisen an den Terminmärkten nicht mehr Agrarrohstoffe eingelagert wurden. Die Lagerhaltung blieb konstant oder ging sogar zurück.

Die Politik sollte die Terminmarktgeschäfte der Indexfonds stark einschränken oder verbieten.

Indexfonds erhöhen die Liquidität auf dem Warenterminmarkt. Schränkt der Gesetzgeber die Indexfonds ein, kann das den Markt stark beeinträchtigen. Dieser erfüllt jedoch als Weg der Absicherung gegen Preisrisiken eine wichtige Funktion für den Agrarsektor. Führen regulatorische Maßnahmen zu mehr Transparenz auf den Märkten, ist dies zu begrüßen. Allzu weitreichende Limits oder gar Verbote wären jedoch kontraproduktiv.

„Der Inflations­druck bei Roh­stof­fen ist nicht auf Spe­kula­tion zurück­zu­füh­ren, son­dern auf das recht kräftige Wachs­tum in den Schwellen­ländern. Dadurch steigt die Nach­frage nach Roh­stoffen. Angebot und Nach­frage sind die wichtigs­ten Fun­damen­tal­daten. Den Öl­preis ana­lysieren wir genauer – und an diesem Markt können sich die Termin­preise tat­säch­lich kurz­fris­tig, d.h. für einen oder zwei Monate, vom Kassa­preis ent­kop­peln. Ein Bei­spiel ist die Öl­preis­spitze im Jahr 2008. Der An­stieg von 110 auf 130 US-Dollar könnte tat­säch­lich auf Spe­kula­tion zurück­zufüh­ren gewesen sein. Er war aber von kurzer Dauer und hatte nur sehr geringe Aus­wir­kungen auf die Real­wirt­schaft. Ich bin kein Fan von Finanz­inno­vatio­nen und ver­tei­dige sie auch nicht, aber meines Erach­tens wer­den in die­sem Falle die Fal­schen beschul­digt. ”

Paul Krugman Träger des Wirtschaftsnobelpreises, November 2011 in der Financial Times

Kontroverse Positionen

Viele Forscher haben sich in den letzten Jahren die Preisausschläge bei Grundnahrungsmitteln und die Rolle der Agrar-Indexfonds beschäftigt. Dennoch ist die Frage nach dem Einfluss der Agrarspekulation bisher nicht völlig zweifelsfrei geklärt. Fakt ist jedoch: Die weit überwiegende Mehrheit der Finanzwissenschaftler und Agrarökonomen hält einen ursächlichen Zusammenhang zwischen Agrarspekulation und Preisanstieg für nicht gegeben.

Indexfonds haben wichtige positive Effekte

An der Universität Halle-Wittenberg wertete der Wirtschaftsethiker Prof. Ingo Pies mit seinen Kollegen 35 Studien zum Thema Indexfonds und Agrarspekulation aus. Das Ergebnis: Die Forscher fanden keinerlei Belege für einen Wirkungszusammenhang zwischen den Aktivitäten der Indexfonds einerseits und dem Anstieg der Agrarpreise andererseits. Im Gegenteil: Sie bescheinigen den Indexfonds wichtige positive Effekte: „Indexfonds folgen einer passiven Handelsstrategie. Sie zeichnen einen Markttrend nach. Hiervon geht eine preisstabilisierende Wirkung aus“, zeigt die Studie. Deshalb seien regulatorische Beschränkungen der Geschäftsaktivität von Indexfonds dem Funktionieren der Terminmärkte abträglich. Trotz dieses klaren Ergebnisses zeigt die Studie einen methodischen Optimierungsbedarf auf: Wegen der starken Dynamik von Preisentwicklungen sei es nötig, die Untersuchungsverfahren weiter zu verfeinern. Erst dann könne man auch sehr kurzfristige Prozesse bei der Preisbildung auf den internationalen Rohstoffmärkten im Detail analysieren. Außerdem gelte es noch genauer zu klären, wie Indexfonds sich an veränderte Marktbedingungen anpassen.

Spekulation wird benötigt

Mit einem offenem Brief reagierten 40 deutsche Agrarökonomen auf Äußerungen von Bundespräsident Joachim Gauck, in denen er im November 2012 die öffentliche Kritik an der Finanzspekulation mit Agrarrohstoffen aufgegriffen hatte. Sie unterstrichen, „dass diese Kritik an der Finanzspekulation nicht dem wissenschaftlichen Erkenntnisstand entspricht.“ Der in der Öffentlichkeit erweckte Eindruck, die Forschung liefere erdrückende Beweise für schädliche Auswirkungen der Finanzspekulation mit Agrarrohstoffen, sei falsch: „Die weit überwiegende Mehrheit wissenschaftlicher Veröffentlichungen kann solche Befürchtungen nicht bestätigen und gibt stattdessen Entwarnung.“ Weiter heißt es in dem Schreiben: „Diese Spekulation wird benötigt, um Agrarproduzenten und dem Zwischenhandel die Möglichkeit zu eröffnen, Preisrisiken abzuwälzen, anstatt sie selbst tragen zu müssen. [...] Eine drastische Einschränkung solcher Finanzgeschäfte würde den Terminmärkten die benötigte Liquidität entziehen und ihre Funktionsfähigkeit beeinträchtigen.“
Lesen Sie hier den vollständigen Brief.

Weitere Beiträge aus der Wissenschaft, die die Debatte in ihrer Komplexität zeigen, haben wir im Bereich „Hintergründe und Materialien“ für Sie zusammengestellt.

 

Aktueller Diskussionsbeitrag:

Broker und Händler beantworten Fragen über den Einfluss finanzieller Spekulationen auf die Preise von Gebrauchsgütern – Ergebnisse der Befragung von SIS International Market Research

Aktueller Diskussionsbeitrag:

"Nahrungsmittelspekulation: Regulierung ohne Substanz"
von Alexander Horn

vom gleichen Autor: Kritischer Essay zur Moral verschiedener NGOs

Prof. Ingo Pies

Prof. Dr. Ingo Pies, Lehrstuhl für Wirtschaftsethik, Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg

Ein Literaturüberblick zum aktuellen Stand der empirischen Forschung

Matthias Georg Will, Sören Prehn, Ingo Pies, Thomas Glauben: Schadet oder nützt die Finanzspekulation mit Agrarrohstoffen?, PDF, 270 KB

Finanzmarktspekulation kann negativen Einfluss auf die Weltmarktpreise für Nahrungsmittel haben

Das Institut für Weltwirtschaft und Internationales Management der Universität Bremen wiederum kommt in seiner Studie “Finanzspekulation und Nahrungsmittelpreise: Anmerkungen zum Stand der Forschung” für foodwatch e.V. zu dem Schluss: “Einen wissenschaftlichen Konsens gibt es nicht. Empirische Studien, die sich ausgefeilter Methoden bedienen, kommen tendenziell eher zu dem Schluss, dass Finanzmarktspekulation einen negativen Einfluss auf die Weltmarktpreise für Nahrungsmittel haben kann.” Professor Dr. Hans-Heinrich Bass, Autor der Studie, fordert: “ Unzweifelhaft gibt es noch erheblichen Forschungsbedarf zur Klärung der Preismechanismen auf den Warenterminmärkten. Viel drängender geworden ist aber inzwischen der Handlungsbedarf. [...] Um dieser Spekulation die Spitze zu brechen, sind vor allem drei Maßnahmen denkbar. Nach ihrer Marktkonformität geordnet sind dies: die Entschleunigung der Finanzmarkttransaktionen durch Besteuerung, die Einführung von Obergrenzen für die Positionen, die von den Finanzanlegern einschließlich der indexorientierten Anleger gehalten werden dürfen, und das Verbot von bestimmten Finanzmarktprodukten (wie ETFs und ETCs).”
Die vollständige Untersuchung lesen Sie hier.

Die Art und Weise, wie die ‚Hungermacher‘-Kampagne zur Kritik der Finanzspekulation genutzt wird, ist der eigentliche Skandal

Zu einem auf Basis dieser Untersuchung von Foodwatch im November 2013 vorgelegten Argumentationspapier nahmen Professoren der Universität Halle-Wittenberg aus ökonomischer und wirtschaftsethischer Sicht kritisch Stellung. Die Autoren, Prof. Dr. Ingo Pies und Prof. Dr. Thomas Glauben, analysieren in ihrem Diskussionspapier die hiermit verbundenen Positionsänderungen und Positionskorrekturen der „Hungermacher“-Kampagne gegen die Finanzspekulation mit Agrarrohstoffen. Der Beitrag verweist darauf, dass diese Kampagne immer noch mit zahlreichen Aussagen arbeite, die nicht korrekt seien. Die Autoren kommen zu dem Fazit: „Aus ökonomischer und wirtschaftsethischer Perspektive ist nicht die Finanzspekulation mit Agrarrohstoffen ein Skandal, sondern die Art und Weise, wie die ‚Hungermacher‘-Kampagne zur Kritik der Finanzspekulation in Gang gesetzt wurde und in Gang gehalten wird.“

Lesen Sie hier das vollständige Diskussionspapier.

Foodwatch hat auf Basis dieses Papiers eine erneute Replik erstellt.

Prof. Dr. Hans-Heinrich Bass, Institut für Transport und Entwicklung der Hochschule Bremen
Prof. Dr. Hans-Heinrich Bass, Institut für Transport und Entwicklung der Hochschule Bremen

Weitere Positionen

Weitere Beiträge aus der Wissenschaft, die die Debatte in ihrer Komplexität zeigen, finden Sie am Ende der Seite unter “Downloads” und “Weiterführende Informationen”.

Die Haltung der Politik

Weltweit beschäftigen sich Regierungen damit, wie es zu den steigenden Lebensmittelpreisen kommt. Allgemein sieht man die Hauptursache in der stark und stetig steigenden Nachfrage nach Nahrungsmitteln. Die Rolle der Agrar-Terminmärkte wird als nachrangig beurteilt. Einigkeit herrscht jedoch darüber, dass exzessive Handelsaktivitäten vermieden und das Geschehen an den Terminmärkten transparenter gemacht werden muss. Vor allem in Europa und den USA werden dazu einschneidende regulatorische Veränderungen diskutiert.

Die Bundesregierung...

...betont die große Bedeutung funktionierender Agrarterminmärkte für die Landwirte und Lebensmittelhersteller. Für die langfristige Entwicklung der Nahrungsmittelpreise macht sie vor allem realwirtschaftliche Faktoren wie Wechselkurse und Wachstumsraten verantwortlich. Sie will jedoch verhindern, dass übertriebene Spekulationen an den Terminmärkten zu extremen Preisschwankungen führen. Deshalb setzt sie sich auf europäischer Ebene dafür ein, durch eine strikte Regulierung und hohe Transparenzanforderungen destabilisierende Auswirkungen auf die Nahrungsmittelpreise zu unterbinden.

Die Europäische Union...

...hat bereits mehrere Regulierungsvorhaben beraten oder abgeschlossen, darunter die im Juli 2012 verabschiedete EU-Verordnung über nicht-börsengehandelte OTC-Derivate, Transaktionsregister und zentrale Gegenparteien (EMIR). Diese schreibt vor, dass künftig Einzelheiten über alle Derivategeschäfte an Transaktionsregister zu melden sind. Damit sollen diese Geschäfte transparenter werden. Außerdem will man spekulative Aktivitäten eindämmen, indem mehr Sicherheiten gefordert werden.

Im Frühjahr 2014 hat das Europäische Parlament den Entwurf des Rates zur Überarbeitung der EU-Finanzmarktrichtlinie (Markets in Financial Instruments Directive, MiFID) als MiFID 2 angenommen. Im Sommer 2014 wurde MiFID 2 als EU-Richtlinie veröffentlicht:
Finanztransaktionen, die bislang außerhalb regulierter Märkte abliefen, unterliegen danach speziellen Zulassungsbedingungen und umfangreichen Anforderungen zu Markttransparenz und Integrität. Für alle Arten von Rohstoffderivaten sind zudem Limitierungen vorgesehen. Diese sollen die Möglichkeit einschränken, durch große spekulative Positionen Einfluss auf Preise zu nehmen. Mit der Umsetzung in nationales Recht ist mit Wirkung zum Jahr 2017 zu rechnen. Im Verlauf des Umsetzungsprozesses werden sich konkretere Einschätzungen zum konkreten regulatorischen Umfang treffen lassen.

Die G20-Staaten...

...beschlossen auf ihrem Gipfeltreffen im November 2011, weitreichende Eingriffsmöglichkeiten für die Finanzaufsichtsbehörden zu schaffen. Auf diese Weise sollen Marktmissbrauch verhindert und geordnete Preisbildungs- und Abrechnungsbedingungen gefördert werden. Zu den Reformen zählen verschärfte Vorschriften für den Handel, zusätzliche Anforderungen an die Berichterstattung, Höchstgrenzen für Positionen sowie neue Handels- und Abrechnungsregeln für OTC-Derivate.

Bereits im September 2009 hatten die G20-Staaten Beschlüsse zur Regulierung der OTC-Derivatemärkte verabschiedet. Sie sollen den außerbörslichen Derivatehandel transparenter machen. Der Kernpunkt: Standardisierte OTC-Derivate sollen künftig über Börsen oder elektronische Handelsplattformen gehandelt werden.

Das sagt die Weltbank

Eine Untersuchung der Weltbank kommt 2013 zu dem Schluss, dass Preissteigerungen bei Lebensmitteln weitestgehend auf die Entwicklung der Rohölpreise zurückzuführen sind. Das Verhältnis von Lagerbeständen und Verbrauch und der Einfluss der Wechselkursentwicklung liegen mit jeweils 15 % weit dahinter.
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Kontakt

Haben Sie Fragen zu diesem Thema? Senden Sie Ihre E-Mail bitte an:
mailbox.sustainability@db.com

Downloads

Unternehmerische Verantwortung Bericht 2014 (PDF)

Joachim von Braun und Getaw Tadesse: Global Food Price Volatility and Spikes: An Overview of Costs, Causes, and Solutions, (PDF, auf Englisch)

Weitere Informationen

Im Bereich „Hintergründe und Materialien“ haben wir ein Archiv weiterführender Originaltexte für Sie zusammengestellt

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