Deutsche Bank – Verantwortung
Frankfurter Allgemeine Zeitung ǀ 22.06.2012, S. 19

"Landwirtschaft muss nicht schmutzig sein"

Agraranlagen werden oft scharf kritisiert. Vielen Projekten wird vorgeworfen, sich an Preistreiberei, Spekulation und Vertreibungen zu beteiligen. Doch es geht auch anders.

Von Christian von Hiller

FRANKFURT, 1. August. Investitionen in Agrarflächen haben keine gute Presse in Deutschland, zumal wenn sie noch in Afrika oder anderswo in der Dritten Welt stattfinden. "Geschäfte mit dem Hunger" lautet eine der typischen Überschriften, "Blutdiamanten der Moderne", "Auf Landraub in Afrika" oder auch "Die Heuschrecken-Plage". Investitionen in Agrar seien Spekulationsgeschäfte mit Ackerland auf Kosten der Menschen vor Ort und der Umwelt, lautet der Vorwurf. "Das Thema ist ja zu Recht belastet", sagt Detlef Schön, Leiter des Agrarteams der Investmentgesellschaft Aquila Capital in Hamburg. "Die kurzfristig orientierte Spekulation mit Agrarprodukten ist ethisch durchaus fragwürdig."

Wie soll das zusammenpassen? Schön sammelt bei deutschen Anlegern Geld ein für Fleischfarmen, Milchbetriebe und andere Agrarprojekte in Neuseeland, Australien oder auch in Brasilien und kritisiert Investments in Landwirtschaft, die möglichst hohe Renditen abwerfen sollen? Schön zieht da eine klare Trennlinie. Auf der einen Seite seien Spekulationen, die von Preistreiberei und einer Verknappung des Angebots an Nahrungsmitteln profitieren, auf der anderen Seite Investitionen in Landwirtschaft, die langfristig das Angebot an Nahrungsmitteln erhöhen und den Preis tendenziell drücken.

Dass Investitionen in die Agrarproduktion notwendig sind, steht außer Frage. Bis 2050 wird die Weltbevölkerung von aktuell rund 7 Milliarden auf 9 Milliarden Menschen steigen. Das bedeutet, dass mehr Nahrungsmittel erzeugt werden müssen bei fortschreitender Erosion von Anbauflächen, strapazierten Wasserressourcen und tiefgreifenden Klimaveränderungen auf der Welt. Von 643 Millionen Tonnen Weizen im Jahr 2010 steigt der Bedarf auf 903 Millionen Tonnen im Jahr 2050, schätzte die Welternährungsorganisation FAO in einer Studie. Bei Reis erhöht sich der Bedarf in diesen 40 Jahren von 414 auf 522 Millionen Tonnen und bei anderen Getreidesorten von 1038 auf 1584 Millionen Tonnen.

Keine Frage, die Landwirtschaft der Welt muss die Ressourcen schonen, die Böden effizienter nutzen und die Produktion steigern. Das ist mit der traditionellen Landwirtschaft in vielen Entwicklungsländern, die auf Selbstversorgung beruht, nicht zu schaffen. Investitionen in die Landwirtschaft sind unabdingbar, gerade auch private. Doch welche sind richtig, welche schädlich?

"Zum Geldverdienen gehört die nachhaltige Steigerung der Produktion dazu - bei gleichzeitig schonendem Umgang mit den Ressourcen und unter Einhaltung sozialer Standards, denn langfristig haben wir nur Erfolg, wenn wir in der Zielregion willkommen bleiben", sagt Schön. Die Pauschalkritik an Agrarinvestments kann das Gegenteil dessen befördern, was sie erreichen soll. "Die undifferenzierte Verteufelung von Agrarinvestments kann dazu führen, dass der Prozess, den zunehmenden Hunger auf der Welt zu bekämpfen, indem die Erzeugung von Nahrungsmitteln gesteigert wird, zum Erliegen kommt", befürchtet Schön.

Einige Finanzinvestoren lassen sich davon nicht schrecken. Manche von ihnen kommen aus Deutschland und haben ihre Gesellschaften auch an der Börse notiert. So bewirtschaftet die KTG Agrar AG rund 35 000 Hektar Fläche in Deutschland und Litauen. Die Aktie ist im Entry Standard der Frankfurter Börse notiert, außerdem hat KTG zwei Anleihen begeben. Daneben ist im Entry Standard der Frankfurter Börse die Agrarius AG notiert, die bisher rund 3500 Hektar in Rumänien gekauft und weitgehend verpachtet hat. Der Kauf weiterer Flächen ist geplant. Während sich der Aktienkurs von Agrarius in den vergangenen Monaten relativ stabil gezeigt hat, ist der Aktienkurs der Acazis AG in den vergangenen zwölf Monaten kräftig gefallen - von 1,46 Euro auf weniger als 90 Cent. Das Unternehmen ist im wenig regulierten Freiverkehr (First Quotation Board) der Frankfurter Börse notiert. Acazis, geführt von drei ehemaligen deutschen Bankern, will in Äthiopien Ölpflanzen anbauen und dort auch eine Ölmühle betreiben.

Das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit (BMZ) und die KfW versuchen, mit der Deutschen Bank ethisch vertretbare Agrarinvestments in Afrika zu fördern. Dazu haben sie den Africa Agricultural Trade and Investment Fund, kurz Aatif, gegründet. Aktuell beträgt das Fondsvolumen 85 Millionen Euro. Die KfW und die Deutsche Bank gaben jeweils 20 Millionen Euro, vom BMZ kamen die restlichen 45 Millionen. In einem weiteren Schritt sollen auch private Investoren aufgenommen werden, bis jetzt jedoch nur professionelle Anleger und noch keine privaten. Auf insgesamt 135 Millionen Euro soll der Aatif kommen, darf jedoch für seine Investitionen keine Kredite aufnehmen. Außer Geld stellt die Deutsche Bank ihre Expertise, beispielsweise bei der Absicherung von Währungsrisiken, zur Verfügung.

"Der Fonds ist zwischen Entwicklungszusammenarbeit und Investment angesiedelt, und das geht nicht ohne Nachhaltigkeit", beschreibt Michael Schneider, der bei der Deutschen Bank den Aatif betreut, die drei wichtigsten Merkmale des Fonds. "Entwicklungszusammenarbeit allein reicht nicht aus, um eine effiziente Landwirtschaft in Afrika aufzubauen", sagt Schneider. "Deshalb ist es notwendig, neue Kapitalquellen zu erschließen."

Der Aatif investiert direkt in Agrarprojekte, aber auch in die Weiterverarbeitung von Nahrungsmitteln, und stellt Kooperativen, kleineren und mittleren Betrieben Finanzierungen zur Verfügung. Zur Stärkung des lokalen Finanzsektors wollen die Kapitalgeber aus dem Norden diese Betriebe auch indirekt finanzieren, indem sie ihre Kredite über Banken vor Ort durchleiten - ganz nach dem Modell der KfW für die Vergabe ihrer Förderkredite in Deutschland.

Aus Schneiders Sicht hat das mit Unterstützung von Landraub oder Ausbeutung der Natur nichts zu tun. Im Gegenteil: Er hält den Aatif für eine moderne Weiterentwicklung der althergebrachten Methoden. Beim Aatif übernimmt die Bundesregierung das erste Risiko: Bis zu diesen 45 Millionen Euro trägt der Bund das Ausfallrisiko. Sind die im schlimmsten Fall weg, haften KfW und Deutsche Bank mit ihren 40 Millionen Euro je zur Hälfte. Und damit wird der Fonds auch für private Investoren tragbar, die das dritte Risiko übernehmen.

Eine Reisfarm in Ghana zählt zu den ersten Projekten, die der Aatif unterstützt. Bei einem anderen Projekt geht es um den Anbau von Weizen, Soja und Mais in Sambia. Doch nicht nur Nahrungsmittel sind im Programm. Derzeit werden Darlehen an Baumwollbauern im Norden Ghanas und in Moçambique geprüft.

Die Projekte in Ghana und Sambia sollen vor allem den Bedarf der lokalen Bevölkerung decken. Dass künftige Projekte des Aatif auch Produkte für den Export anbauen, stört Schneider nicht, auch wenn viele Entwicklungsorganisationen den Aufbau einer Landwirtschaft einfordern, die sich an den Bedürfnissen der lokalen Bevölkerung orientiert. "Manche unserer Projekte sollen die Abhängigkeit von Importen mindern, wie das Reisprojekt in Ghana, in anderen Regionen ist es für die Steigerung von Haushaltseinkommen sinnvoll, den Export zu fördern", sagt Schneider. "Auf die richtige Mischung kommt es an."

Wichtig sei es auch, sich nicht auf vereinzelte Projekte zu beschränken, sondern die gesamte Wertschöpfungskette anzuschauen. So könnte der Aufbau einer Weiterverarbeitung von Tomaten zu Tomatenpaste und Ketchup auch die Abhängigkeit von Importen lindern. Denn das Produkt ist beliebt, wird aber meist eingeführt. Schließlich leiden viele Länder in Afrika an Devisenmangel und sind schon deshalb auf den Aufbau einer Exportwirtschaft angewiesen. Schneider führt noch ein anderes Argument an: "Durch den Aufbau moderner Betriebe steigert sich das Einkommen der Bauern und damit der Wohlstand in Regionen, die häufig abgelegen und unterentwickelt sind."

Damit sinnvolle und notwendige Investitionen in die Landwirtschaft nicht Landraub, Zerstörung der Natur und Vertreibung auslösen, hat der Fonds von BMZ, KfW und Deutscher Bank klare Nachhaltigkeitskriterien eingeführt und gleich drei Gremien eingeführt, die daraufhin die einzelnen Projekte überprüfen. So müssen bei allen Investitionen die an die IFC Performance Standards der Weltbank angelehnten Aatif-Kriterien eingehalten werden. Sie sollen helfen, Vertreibungen, Sklaven- oder Kinderarbeit, Zerstörung von Natur oder kulturellem Erbe zu verhindern.

"Wir prüfen alle Projekte selbst in der Deutschen Bank", sagt Schneider. Parallel und unabhängig davon prüfe die internationale Arbeitsorganisation ILO in Genf, und schließlich entscheide das Investmentkomitee des Fonds über jedes Projekt. "Dieses Gremium berücksichtigt insbesondere die entwicklungspolitischen Ziele des Aatif und beurteilt die Wirtschaftlichkeit des Projektes", sagt Schneider. "Erst wenn dieser Expertenkreis überzeugt ist, dürfen wir investieren."

In vielen Ländern Afrikas fehlt es an geeigneten Gesetzen, um unerwünschte Landnahme beispielsweise durch chinesische, indische oder arabische Investoren zu verhindern. "In Deutschland stehen der Landnahme hohe rechtliche Hürden entgegen", sagt Franz Böhke, persönlich haftender Gesellschafter der Vermögensverwaltung Böhke & Compagnie Consultants in Braunschweig. Er hat vor etwa einem Jahr die Realkapital KGaA gegründet, die in deutsche Ackerflächen investiert und dann an Landwirte verpachtet. In Deutschland sieht das Grundstücksverkehrsgesetz in jedem Kreis die Einrichtung eines Grundstücksverkehrsausschusses vor. "Der kann im Zweifel den Kauf einer landwirtschaftlichen Fläche unterbinden, wenn der Käufer kein Landwirt ist."

Als Bestandteil eines privaten Vermögens mache es durchaus Sinn, über Investments in Agrar nachzudenken. Im Vergleich zu Immobilien machten verpachtete Ackerflächen sehr wenig Arbeit. Allerdings sei die Rendite in Deutschland sehr gering. "Die Pachtrendite liegt bei etwa 2 Prozent vor Steuern, maximal bei 3 Prozent, und eine Abschreibung ist auch nicht möglich", sagt Böhke. Das spricht nicht gerade für eine bevorstehende Spekulationswelle in Deutschland.

Doch auch Aquila-Experte Schön ist davon überzeugt, dass Anbauflächen international immer knapper werden. "Ackerland", sagt Schön, "wird für viele Länder eine strategische Ressource werden."

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Eigenschaften guter Agrarinvestments

Fast noch schlimmer als Landräuber sind Finanzinvestoren, die keine Ahnung von Landwirtschaft haben. So lautet ein Bonmot, das in Agrarkreisen gern die Runde macht. Viele Finanzinvestoren bieten Beteiligungen an Weizenanbau in der Ukraine oder an Wunderbaum-Plantagen an, aus denen sich Rizinusöl gewinnen lässt. Viele Investoren führen den landwirtschaftlichen Betrieb gar nicht selbst, sondern verpachten die Fläche an Landwirte, die manchmal unter Vertrag für die Investoren arbeiten, oft jedoch ganz unabhängig agieren. Zwar lässt sich jedes Agrarprojekt nur einzeln beurteilen. Doch einige allgemeingültige Regeln sollten Anleger, die sich für solche Investments interessieren, beherzigen:

Ein Bauernhof ist keine Konservenfabrik: Ein Landwirtschaftsbetrieb lässt sich nicht beliebig vergrößern wie eine Fabrik. Deshalb bergen groß angelegte Agrarprojekte besondere Risiken.

Latzhose statt Anzug: In der Landwirtschaft ist Erfahrung alles. Investoren sollten sich für Betreiber entscheiden, die schon Agrarbetriebe geführt haben.

Der Standort entscheidet: Kluge Landwirte wählen die angebauten Produkte nach Boden-, Klima- und Wasserverhältnissen aus. Sie bauen in ihrem Betrieb nur die Produkte an, für die der Standort nachgewiesenermaßen geeignet ist.

Rendite ist in der Landwirtschaft nicht alles: Manche Betriebe können aus einem Standort nur vorübergehend hohe Gewinne herausholen. Doch häufig bleiben ausgelaugte Böden oder überdehnte Naturressourcen zurück. Wer langfristig investieren will und wem etwas an langfristigem Ertrag und dauerhaftem Erhalt der Natur liegt, meidet solche Projekte.

Vergleiche heranziehen: Wer sich an Agrarprojekten beteiligen will, sollte sich anschauen, was Standard in dem Bereich ist, in dem er sich engagieren will. Einen Anhaltspunkt liefert die Frage, ob das Agrarinvestment das erste in dieser Region ist und warum. Oder der Vergleich, wie der internationale Standard für diese Fruchtfolge oder Produkte aussieht, hilft bei der Entscheidung.
Internationale Standards: Die Weltbank hat spezielle Richtlinien für Agrarbetriebe ausgearbeitet, die IFC Performance Standards. Hier werden Aspekte wie Arbeitsbedingungen, Umweltverschmutzung, Gesundheit am Arbeitsplatz, Bedingungen beim Landerwerb, Biodiversität, Umgang mit dem kulturellen Erbe vor Ort und die Behandlung der einheimischen Bevölkerung nachgehalten. Sie schreiben ein "Social and Environmental Assessment and Management System" (SEMS) vor. Nicht jeder Betrieb hat diese Richtlinie eingeführt, aber er sollte in der Lage sein, sie zu befolgen.

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