Deutsche Bank – Verantwortung
16. April 2013

Kommentar: Die CO2-Kapitulation

Nachdem das EU-Parlament einen Antrag zur grundlegenden Neuordnung des CO2-Marktes abgelehnt hat, sind weitere Maßnahmen erforderlich, damit der Markt auch zukünftig funktioniert.

Am 16. April hat das EU-Parlament den Antrag der Kommission abgelehnt, die geplante Auktion der Emissionszertifikate im EU-Emissionsrechtehandel (European Union Emission Trading Scheme - EU ETS) auf einen späteren Zeitpunkt zu verschieben. Die Verschiebung wurde als notwendig erachtet, da das Angebot von Emissionszertifikaten auf einem höheren angenommenen Wirtschaftswachstum basiert. Aufgrund des geringeren Wirtschaftswachstums ist die Nachfrage nach Zertifikaten jedoch wesentlich geringer als das Angebot, da die für den CO2-Ausstoß von Kraftwerken und der Schwerindustrie (Unternehmen müssen je Tonne CO2-Ausstoß ein Emissionsrecht halten) vorab prognostizierten Emissionswerte unterschritten werden.

Da am Markt keine Knappheit an Zertifikaten herrscht, funktioniert der Emissionsrechtehandel in der EU nun nicht mehr wie geplant. Ein solches Überangebot führt dazu, dass Investoren nicht mehr uneingeschränkt in CO2-arme Technologien investieren. Das hat zur Folge, dass die EU bei einer Konjunkturerholung möglicherweise ihre langfristigen Ziele zur Emissionssenkung nicht einhalten kann und das Risiko steigender CO2-Preise in Kauf nehmen muss. Dies würde eine Senkung der Emissionen unnötig verteuern. Darüber hinaus birgt das Votum des EU-Parlaments die Gefahr, dass EU-Mitgliedsstaaten Verordnungen einführen, die nicht mehr dem „Binnenmarktansatz“ bei der Bekämpfung des Klimawandels entsprechen. Der Mindestpreis für CO2 ist in Großbritannien z. B. für Kraftwerke höher. Wenn Mitgliedsstaaten ihre eigenen Regeln und CO2-Preise bestimmen, könnten Investitionen in CO2-arme Technologien für Unternehmen und Konsumenten teurer werden. Die Unternehmen müssten sich dann mit unterschiedlichen Vorschriften auseinandersetzen, was sowohl zeitaufwendig ist als auch dazu führen könnte, dass Investitionen in Europa nicht nach dem wirtschaftlich effizientesten Prinzip (Grundgedanke des EU ETS) getätigt werden.

Bis vor Kurzem bestärkte das EU ETS durch eine erfolgreiche Preispolitik für CO2-Emissionen Unternehmen darin, Betriebsabläufe zu ändern. Gleichzeitig wurden innovative Technologien gefördert. Das ETS ermutigte auch viele Schwellenländer, tausende Projekte zur Senkung von Emissionen ins Leben zu rufen, da ETS-regulierte Unternehmen Kredite erhalten können für Investitionen in verfizierbare erneuerbare Energien, Energieeffizienz und Projekte zum Abbau von Industriegasen.

Immer mehr Länder und Regionen haben CO2-Märkte etabliert oder arbeiten an deren Umsetzung und haben so vom EU ETS gelernt. Dazu gehören Australien, Brasilien, Kalifornien und einige andere Staaten im Osten der USA, die kanadischen Provinzen Alberta und Quebec, Chile, China, Japan, Mexiko, Neuseeland, Südkorea, Thailand und Vietnam.

Unmittelbar nach der Abstimmung fiel der CO2-Preis um ein Drittel auf ca. 3 € pro Tonne. Gleichzeitig gaben die Aktienkurse für saubere Generatoren um 8 % nach. Die Reaktion der Aktienkurse auf das Abstimmungsresultat mag leicht überzogen sein, aber der CO2-Markt wird nun voraussichtlich in einem strukturellen Überschuss verharren und die Preise werden sich vermutlich nicht erholen. Der CO2-Preis hat sich seit Januar halbiert; vor 2 Jahren lag er noch bei über 20 € pro Tonne. Der Verlust ist also beträchtlich.

Der Vorschlag, die Auktion zeitlich zu verschieben, wird jetzt zur weiteren Prüfung an den Ausschuss für Umwelt des Parlaments zurückverwiesen. Die Europäische Kommission wird vermutlich ihre Anstrengungen, andere Vorschläge für mittelfristige Strukturreformen zu entwickeln, verstärken. Dazu gehören: niedrigere Emissionsziele einführen, Emissionszertifikate vom Markt nehmen oder die Voraussetzung für eine höhere Flexibilität beim Angebot von Emissionszertifikaten zu schaffen. Aufgrund des Ergebnisses der Parlamentsabstimmung sind die Aussichten für diese Reformen nun wesentlich schlechter, darüber hinaus wird ihre Genehmigung und Umsetzung auf jeden Fall Zeit in Anspruch nehmen.

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