Deutsche Bank – Verantwortung

Rohstoffspekulation und Nahrungsmittelpreise

Die anhaltenden Diskussionen über die Auswirkungen von Rohstoffspekulationen haben die Deutsche Bank seit geraumer Zeit dazu veranlasst, über ihre Rolle bei der Lösung des Welthungerproblems nachzudenken.

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Aufgrund der Flut von Vorwürfen haben wir zunächst unsere geschäftlichen Aktivitäten im Nahrungsmittelsektor unter die Lupe genommen. Mit unseren Schlussfolgerungen (wie sie auch in unserem Bericht aus dem Jahr 2011 zu unserer gesellschaftlichen Verantwortung nachzulesen sind), stimmen wir mit den Ansichten einer Reihe wichtiger Entscheidungsträger in der internationalen Politik überein:

Wir brauchen tatsächlich mehr Transparenz am Markt für Rohstoffderivate; allerdings werden diese Märkte weiterhin ein wichtiges Instrument sein, wenn es darum geht, Finanzierungsmechanismen für die Wertschöpfungskette im Agrarsektor bereitzustellen. Es sind zudem genau diese Märkte, die Investitionen in andere wichtige Infrastrukturentwicklungsbereiche möglich machen und damit auch in Bereichen wie Gesundheit und Hygiene zu Verbesserungen führen.

Das Climate Change Advisory Board (CCAB) der Deutschen Bank kam zum Ende seiner Sitzung im Mai zu dem Schluss, dass für die Deutsche Bank erhebliche Investitionsanforderungen und Geschäftschancen daraus erwachsen, dass die Nahrungsmittelproduktion verdoppelt und die Verschwendung von Nahrungsmitteln verringert werden muss.

Nahrungsmittelsicherheit: die Einflussfaktoren

In den Entwicklungsländern ist Nahrungsmittelsicherheit besonders wichtig. Hier sank der Anteil unterernährter Kinder unter fünf Jahren zwischen 1990 und 2008 nur unwesentlich: von 31 Prozent auf 26 Prozent. Die Millennium-Entwicklungsziele der Vereinten Nationen zielen in erster Linie auf die Bekämpfung von Unterernährung ab und nehmen dabei vor allem die Gesundheitsvorsorge ins Visier. Andere Strategien wie z.B. Produktivitätssteigerungen bei wichtigen Getreidesorten und die Förderung der Landwirtschaft vor Ort sind ebenfalls von zentraler Bedeutung. Wenn man den Welthunger erfolgreich bekämpfen will, muss man allerdings in allen einschlägigen Sektoren auf die langfristig wirkenden Ursachen von Unterernährung abstellen.

Bei einem solchen Ansatz laufen mehrere einander ergänzende Strategien zur Verbesserung der Nahrungsmittel- bzw. Ernährungssicherheit zusammen. Dazu gehören zwangsläufig z.B. Maßnahmen zur Entwicklung von Wirtschaft und Landwirtschaft, zur Gesundheitsversorgung, zur Bereitstellung von sauberem Wasser, zur Förderung von Hygiene und zum Ausbau sanitärer Anlagen, zur Bereitstellung einer grundlegenden Infrastruktur sowie zur Förderung der Chancengleichheit der Geschlechter und der Bildung.

Erfolgreiche Strategien haben bisher vor allem auf die Bekämpfung von Unterernährung abgezielt und gezeigt, dass ein untrennbarer Zusammenhang zwischen Hunger und Unterernährung einerseits und der Gesundheitsversorgung andererseits besteht. Ein ganz zentraler Ansatz für die Bekämpfung von Unterernährung liegt im landwirtschaftlichen Sektor in der Produktion von Grundnahrungsmitteln; zu einer umfassenden Strategie für die Bekämpfung von Unterernährung gehört es allerdings auch, dass die Länder dafür sorgen, dass nicht nur Grundnahrungsmittel und Getreide, sondern auch andere gesunde Nahrungsmittel verfügbar sind und bezahlbarer werden.

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Die landwirtschaftliche Produktion muss verdoppelt werden, wenn sie auch künftig ausreichen soll; in dieser Hinsicht bestehen erhebliche Schwierigkeiten

Zahlreichen Schätzungen zufolge muss die Produktivität im Agrarsektor weltweit erheblich erhöht werden, damit der Bedarf an Nahrungsmitteln, Futtermitteln, Naturfasern und Kraftstoffen [food, feed, fibre & fuel] gedeckt werden kann. Zudem sind die globalen Nahrungsmittelsysteme sehr komplex und dementsprechend äußerst ineffizient.

Aufgrund des Wachstums der Weltbevölkerung und der Mittelschicht in den Entwicklungsländern steigt auch die Nachfrage nach Nahrungsmitteln, Futtermitteln, Naturfasern und Kraftstoffen stetig an. Zudem ändern sich die Ernährungsgewohnheiten: Anstelle von Grundnahrungsmitteln und getreidebasierten Kohlehydraten wird mehr proteinreiche Kost wie Schweinefleisch, Rindfleisch und eventuell Fisch verzehrt. Ebenso werden mehr Biokraftstoffe hergestellt. Insgesamt wird also mehr Getreide benötigt, um Tiere zu füttern und unsere Autos zu betreiben.

Da die Landwirtschaft ein energieintensiver Sektor ist, ist sie in hohem Maße von den Energiemärkten abhängig. So können sich höhere Ölpreise potenziell nachteilig auf die Getreideproduktion und -nachfrage auswirken, während niedrigere Erdgaspreise Produktivitätssteigerungen bei Nutzpflanzen (z. B. durch Düngemittel) erleichtern könnten. Diese Zusammenhänge werden sich an unterschiedlichen Stellen der landwirtschaftlichen Lieferkette auf die Gewinnspannen auswirken.

Neben den Energiepreisen können auch andere Faktoren Produktivitätszuwächse in der Landwirtschaft hemmen. Dazu gehören der Klimawandel, Wassermangel, mangelnde Infrastruktur und unzureichende (Weiter-)Bildung der Produzenten sowie gesellschaftliche und politische Rahmenbedingungen und Vorgaben, die zu Verzerrungen an den Märkten für landwirtschaftliche Güter führen.

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Investitionschancen

Neue Technologien, Produktplattformen und innovative Geschäftsmodelle im Bereich der Agrartechnologien und Nahrungsmittelsysteme sind die Schlüsselfaktoren für einen Umbau der traditionellen, umweltbelastenden industriellen Landwirtschaft (die außerdem negative Auswirkungen auf die Gesellschaft hat) zu einem gerechteren, umweltfreundlicheren und nachhaltigen System für die Lebensmittelproduktion und -distribution.

Der Agrartechnologiesektor ist groß. Allein in den Vereinigten Staaten gehören ihm mehr als 8.500 Unternehmen an, die jährlich einen Umsatz von über 1,3 Billionen US-Dollar erwirtschaften. Das Transaktionsvolumen im Agrarsektor beläuft sich auf über 15 Milliarden US-Dollar pro Jahr; die Rekordsumme im Jahr 2007 lag geschätzt bei über 70 Milliarden US-Dollar.

Es ist davon auszugehen, dass das Angebot an landwirtschaftlichen Gütern in den nächsten Jahrzehnten weit hinter dem Bedarf zurückbleiben wird, da insbesondere die Entwicklungs- und Schwellenländer weiterhin dynamische Wachstumsraten verzeichnen werden und der Konsum ansteigen wird. So schätzt z. B. McKinsey, dass in den nächsten 20 Jahren 250 Prozent mehr Land zur Verfügung stehen müsste, wenn man sich an der Steigerungsrate der letzten zwei Jahrzehnte orientiert. Dementsprechend besteht im Agrarsektor viel Spielraum für technologische Entwicklungen, um Produktivität und Effizienz zu steigern, und wir rechnen damit, dass im Laufe des kommenden Jahrzehnts und danach der Übergang zu „intelligenten“ Agrartechnologien erfolgt. Bei der Landwirtschaft handelt es sich um einen enorm großen und weiterhin wachsenden Sektor, der beträchtliche Investitionschancen bietet.

Zur „intelligenten“ (und klimafreundlichen) Landwirtschaft der Zukunft werden beispielsweise verbesserte Bewässerungssysteme und Präzisionstechnologien, Chemikalien mit umweltverträglichen Rückständen, ein effizientes Distributions- und Vermarktungssystem für Produzenten sowie ein Markt für nachhaltig produzierte Lebensmittel gehören, der sich an den Bedürfnissen der Konsumenten orientiert.

Durch Abfallverringerung im Nahrungsmittelsystem eröffnen sich Investitionschancen, denn hier werden durch eine Verbesserung der Ressourcenproduktivität Einsparungen ermöglicht, die sich im Jahr 2030 voraussichtlich auf 340 Milliarden US-Dollar pro Jahr weltweit belaufen werden. Diese Geschäftschancen eröffnen sich sowohl in einkommensstarken Volkswirtschaften mit recht effizienten Lieferketten als auch in einkommensschwächeren bzw. -schwachen Volkswirtschaften mit weniger gut entwickelten Lieferketten (ein Beispiel sind moderne Kühlsysteme für Lebensmittel). In einkommensstarken Volkswirtschaften fällt der Großteil der Abfälle entweder im landwirtschaftlichen Betrieb an – dort werden Produkte weggeworfen, weil sie die Qualitätsanforderungen nicht erfüllen oder aufgrund von Überproduktion – oder bei den Endverbrauchern. In einkommensschwächeren bzw. – schwachen Volkswirtschaften dagegen entstehen Abfälle infolge der unzureichenden Infrastruktur entlang der Lieferkette vor allem im Zeitraum zwischen Ernte und Distribution.

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Die Rolle einer global tätigen Bank bei Investitionen im Landwirtschaftssektor, die dem Klimawandel entgegenwirken

Die globale Wertschöpfungskette im Agrarsektor ist komplex und eröffnet Finanzinstituten erhebliche Geschäftschancen. Alle Bereiche der Wertschöpfungskette in der Landwirtschaft bieten spezifische Vorteile, aber auch sektorspezifische Risiken für Umwelt und Gesellschaft.

Globale Finanzmärkte

Mit der Bereitstellung von Fremd- und Eigenkapitalfinanzierungen sowie durch Kapitalbeschaffung, Strukturierung und Hedging (Absicherung) integrieren Finanzmarktunternehmen Absicherungs- und Anpassungsstrategien für die Folgen des Klimawandels in ihr Beratungsangebot. Solche Abschlüsse sind nicht zwangsläufig anders strukturiert als „klassische“ Transaktionen, zielen aber darauf ab, Geschäftschancen in den Bereichen Emissionskontrolle und Anpassung an den Klimawandel zu identifizieren und anzubieten. Sie beinhalten kreative Strukturen für die Finanzierung moderner Bewässerungsanlagen, maßgeschneiderte Derivate für Agrarrohstoffe, die auf spezifische Produktionssysteme abgestimmt sind, und „Corporate Treasury Solutions“ für die Rohstofftransport-, Risikomanagement- und Handelsfinanzierung.

Da der Handel mit Getreide und Rohstoffen zunimmt, muss auch die Lager-, Transport-, Hafen- und Logistikinfrastruktur weiter ausgebaut werden. Eine der wichtigsten Kompetenzen bei der Beurteilung von Transaktionen, die im weitesten Sinne mit den Agrarmärkten zu tun haben, besteht darin, die Emissionsreduktion anhand zuverlässiger Standards sorgfältig zu messen. Die Absicherung von Produkten wie Swaps und Optionen ist für eine Bank eine Routineangelegenheit – wenn es aber darum geht, maßgeschneiderte Lösungen für die dringend notwendige Emissionsreduktion zu finden, wird nicht nur ein umfassendes Wissen über die direkten Märkte für Agrarrohstoffe benötigt, sondern auch Erfahrung an den Märkten für Zertifikate für freiwillige und obligatorische CO2-Emissionssenkungen und technisches Know-how, damit beurteilt werden kann, inwieweit bei einem bestimmten Projekt Emissionen vermieden werden.

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Unternehmensfinanzierung und Investmentbanking

Eine weitere Aufgabe von Banken besteht darin, Großkonzerne, Finanzinstitute, Finanzsponsoren, Regierungen und Staaten dahingehend zu beraten, wie sie Aktivitäten finanzieren können, die dem Klimawandel entgegenwirken. Auch bei Fusionen und Übernahmen gehört die Beratung von Kunden mit dem Ziel, den Klimawandel zu bekämpfen und Anpassungsstrategien an den Klimawandel zu unterstützen, zu den Kernkompetenzen einer modernen, klimafreundlichen Investmentbank.

Finanzinstitute und Investmentbanken können solche Investitionen fördern, indem sie Unternehmensprojekte finanzieren und Mittel zur Bekämpfung des Klimawandels oder zur Anpassung an den Klimawandel bereitstellen (dazu gehört auch die Festlegung von Standards und Vorgaben zur Bekämpfung des Klimawandels). Da Ressourcenproduktivität und Klimawandel für die Unternehmen zu immer wichtigeren Themen im Wettbewerb werden, benötigen die Konzerne zunehmend Beratung im Bereich M&A (Fusionen und Übernahmen) und innovative Finanzierungsstrukturierungen, um Geschäftschancen nutzen zu können.

Equity Research

Auf der Grundlage von Ergebnissen aus der Makroökonomie und der Trendforschung hat Equity Research im Bereich Nahrung und Landwirtschaft eine Researchplattform entwickelt, die zu einem besseren Verständnis der Untersektoren beitragen und dabei behilflich sein kann, den finanziellen Wert von Ressourceneffizienz und Anpassungsaktivitäten für den Unternehmensgewinn zu ermitteln. Im globalen Agrarsektor ist es unabdingbar, Nachhaltigkeits- und Klimawandelrisikofaktoren in Bewertungsmodellen zu berücksichtigen.

Asset Management

Das Asset-Management-Geschäft spielt für die Bereitstellung von Kapital und Krediten eine zentrale Rolle. Das betrifft sämtliche Aspekte der landwirtschaftlichen Wertschöpfungskette und alle Assetklassen.

Auf Agrarprodukte spezialisierte Fonds können Handelsliquidität für in diesem Bereich tätige Unternehmen bereitstellen. Darüber hinaus können Asset Manager durch den Besitz großer Aktienblöcke Unternehmen einbinden und Maßnahmen zur Bekämpfung des Klimawandels unterstützen. Fonds, die in Agrarrohstoffe investieren, stellen über Futures-Kontrakte Geld für diesen Sektor bereit und ermöglichen Zugang zu optimalen Strategien.

Fonds, die in reale Vermögenswerte investieren, ermöglichen es den Anlegern, auf unterschiedliche Weise in den Agrarsektor zu investieren, z. B. im Rahmen von Buy-&-Lease- oder Buy-&-Operate-Vereinbarungen. Solche Fonds bieten neben zahlreichen Diversifizierungsvorteilen auch eine Absicherung gegen Inflation. Zudem schaffen Real Asset Fonds, die in Projekte zur Bekämpfung des Klimawandels investieren (z. B. in den Bereichen CO2-Effizienzlogistik, -Speicherungsanlagen und neue Transportkorridore), bessere Bedingungen für diese Projekte und ermöglichen Finanzierungen auch für kleinere Projekte, die in geringerem Umfang zur Abschwächung des Klimawandels beitragen. Nachhaltigkeitsorientierte Real Asset Fonds, die im Einklang mit den UN Principles for Responsible Investment (PRI) verwaltet werden, zielen darauf ab, Aktivitäten zur Bekämpfung des Klimawandels zu finanzieren oder Klimawandelaspekte zumindest bei der Beurteilung der Investitionen zu berücksichtigen.

Eigenkapitalfonds ermöglichen themenbezogene Investitionen in expandierende Agrartechnologieunternehmen und stellen Expansionskapital für Unternehmen zur Verfügung, die Lösungen im Kampf gegen den Klimawandel anbieten. Hierbei kann es sich um Projekte zur besseren Nutzung von Anbauflächen, im Agrarmanagement oder in der vertikal integrierten Produktion, Verarbeitung und Distribution handeln. In sämtlichen Abschnitten (Produktion, Bearbeitung, Logistik, Weiterverarbeitung oder Distribution) der landwirtschaftlichen Wertschöpfungskette werden zu verschiedenen Zeitpunkten und in zahlreichen Ländern Finanzmittel für technologische Entwicklungen benötigt.

Zudem werden Public Private Partnerships angeboten, wodurch sowohl Asset Manager als auch der öffentliche Sektor (Regierungseinrichtungen oder internationale Hilfseinrichtungen) ihrem jeweiligen Ziel näher kommen, indem dringend benötigtes Fremd- oder Eigenkapital zur Verfügung gestellt wird.

Jamshed Irani: Weniger Lebensmittel wegwerfen und so den Hunger weltweit bekämpfen

Jamshed Irani
Dr. Jamshed Irani ist früherer Direktor des indischen Mischkonzerns Tata Sons Ltd und Mitglied des Deutsche Bank Climate Change Advisory Board.

Jamshed Irani erläutert am Beispiel Indiens, welche Faktoren sich auf die Lebensmittelsicherheit auswirken und welche Herausforderungen vordringlich anstehen. Seine These: Die Lebensmittelproduktion muss verdoppelt und die Menge der weggeworfenen Lebensmittel verringert werden. Dies erfordert einen integrierten und ganzheitlichen Ansatz.