8. Juli, 2014

„Wie gewonnen so zerronnen?“
Symposium der Alfred Herrhausen Gesellschaft zum Thema Vertrauenserosion

Die Alfred Herrhausen Gesellschaft, das internationale Forum der Deutschen Bank, lud am 2. Juli 2014 in Kooperation mit dem Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB) zu einem hochkarätige besetzten Symposium zum Thema Vertrauenserosion.

„Mit Vertrauen ist es so wie mit der Müllabfuhr: Wenn alles funktioniert, wird sie nicht bemerkt. Wenn mal nicht, ist der Teufel los“, mit diesem einprägsamen Bild eröffnete Thomas Matussek, Geschäftsführer der Alfred Herrhausen Gesellschaft, das Symposium „Wie gewonnen, so zerronnen: Vertrauenserosion – Krisenrhetorik oder mehr?“
Im Zentrum lebhafter Diskussionen standen personales Vertrauen sowie System- und Institutionenvertrauen.
Eines wurde deutlich: Das Gefühl „Vertrauen“ gibt den Wissenschaften Rätsel auf: Können Institutionen es erzeugen – zum Beispiel Gerichte?

86 Prozent vertrauen dem Bundesverfassungsgericht...

„Vertrauen und Recht sind geschwisterlich verbunden“, sagt Prof. Dr. Susanne Baer, Richterin am Bundesverfassungsgericht. Die Bürger vertrauen dem Bundesverfassungsgericht: In einer Umfrage vom Mai 2014 gaben 86 Prozent an, in diese Institution Vertrauen zu haben. Wenn die Bürger das Bundesverfassungsgericht anrufen, tun sie das, obwohl sie wissen, dass nur ein Teil der Eingaben Erfolg haben wird. Dies sei auch durch kontroverse Entscheidungen geschehen, die unabhängig von der jeweiligen Wetterlage gefällt wurden, zum Beispiel das Urteil zur Mitbestimmung 1976. „Das schafft Vertrauen: Dieses Gericht ist niemandem gefällig.“

Neurologische Grundlagen von Vertrauen

Lässt sich Vertrauen im Erwachsenenalter trainieren? Was können Hormone wie beispielsweise das Neuropeptid Oxytocin ausrichten? Mit diesen Fragen hat sich die Neurowissenschaftlerin Prof. Dr. Tania Singer beschäftigt. Dabei zeigte sich: Oxytocin fördert Vertrauen. Wurde Testpersonen über ein Nasenspray Oxytocin verabreicht, vertrauten sie anschließend einer ihr unbekannten Person mehr Geld an als Teilnehmer einer Kontrollgruppe, die kein Oxytocin erhalten hatte.

Vom Einsatz der V-Waffe

Was motiviert Journalisten, geradezu inflationär „Vertrauenskrisen“ in Politik und Gesellschaft auszurufen? lautete eine weitere Fragestellung. Von der „V-Waffe“, die gezielt eingesetzt werde, sprach Prof. Dr. Ute Frevert, Direktorin des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung. „Alle möglichen Probleme in Politik und Gesellschaft werden gleich als ‚Vertrauenskrisen‘ bezeichnet“, kritisiert Frevert. „Journalisten, die so eifrig Vertrauenskrisen‘ ausrufen, handeln im eigenen Interesse, getreu des Mottos ‚bad news are good news‘“, gab Frevert zu bedenken. „Der angebliche gesellschaftliche Vertrauensverlust hat nicht stattgefunden“, konstatierte die Bildungsforscherin, selbst im Finanzsektor lasse er sich nicht nachweisen: „Niemand holt sein Geld von der Bank und bewahrt es jetzt wieder im Sparstrumpf auf“.

„Würden Sie von diesem Mann einen Gebrauchtwagen kaufen?“ - zur Vertrauenswürdigkeit von Politikern

Der Philosophie-Professor Martin Hartmann ging der Frage nach „Können wir unseren Politikern vertrauen?“ Die Wahlwerbung nicht mit Kompetenzen, sondern mit Verweis auf den Charakter setzte bereits J. F. Kennedy ein, als er im Wahlkampf 1960 seinen Gegenkandidaten Richard Nixon schmähte mit der Frage „Würden Sie von diesem Mann einen Gebrauchtwagen kaufen?“, erzählt Hartmann. In jüngerer Zeit sei das „Sie kennen mich doch“ von Angela Merkel wirkungsvoll im Wahlkampf eingesetzt worden. Diese Personalisierung der Politik sieht Hartmann kritisch. Andererseits sei es kaum zu umgehen, dass der Wähler sich Gedanken mache über den Charakter eines Politikers. So vertrauten wir in Deutschland schließlich einem Abgeordneten Macht an, obwohl dieser letztlich nur seinem Gewissen verpflichtet sei. „Generell haben wir in Institutionen ein höheres Vertrauen als in Personen“, stellt Hartmann fest.
Generell sei Misstrauen nicht so schlimm wie Gleichgültigkeit für eine demokratische Gesellschaft, es könne auch eine engagierte Haltung sein. Schließlich sei „Vertrauen“ keinesfalls per se positiv, man spreche ja auch von „naivem Vertrauen“ und „gesundem Misstrauen“.

Eine vielfältige Gesellschaft - eine Herausforderung für Vertrauen?

„Wie beeinflusst ethnische Diversität das Vertrauen der Bürger untereinander?“, dieser Frage geht Prof. Dr. Ruud Koopmans, Direktor der Abteilung Migration, Integration und Transnationalisierung am WZB, nach. Er zitiert Studien aus den USA über die ethnische Diversität von Städten und dem Vertrauen, das man in seine Nachbarn hat. Das Ergebnis: Je größer die ethnische Diversität war, desto weniger gingen die Anwohner davon aus, dass sie ein Portemonnaie, das Geld und ihre Adresse enthält, wiederbekommen würden. „Diversität ist eine Herausforderung für Vertrauen“, sagt Koopmans. „Diversität kann aber auch die Innovations- und Problemlösungskompetenzen steigern.“ Keinesfalls sei daher die Schlussfolgerung zu ziehen, dass es sinnvoller sei, wenn ethnische Gruppen getrennt voneinander lebten. Geringes Vertrauen sei begründet in Kommunikationsproblemen und fehlenden Kontakten zwischen den Gruppen. „Der sinnvollste Beitrag, den die Politik leisten könne, lautet: Die Kommunikationskompetenz der Menschen steigern“, sagt Koopmans.

Kirchendämmerung als Vetrauensdämmerung

Über „Kirchendämmerung als Vertrauensdämmerung“ diskutierten Prof. em. Dr. Friedrich Wilhelm Graf von der Ludwig-Maximilians-Universität München und Pater Klaus Mertes SJ, Direktor des Kollegs St. Blasien. Sie kommen zum Ergebnis: Mitgliedschaft und Glaube sind nicht deckungsgleich. „Die Gründe für Kirchenaustritte sind vielfältig: Einige treten aus wegen der Skandale, andere wegen Benedikt, wieder andere, weil sie die Kirchensteuer nicht mehr zahlen wollen. Manche treten in eine andere religiöse Gemeinschaft über“, sagt Mertes. Trotz der hohen Zahl der Austritte ergebe sich das Paradox: Zu Weihnachten sind die Kirchen voller als je zuvor. Eine Strategie auszuarbeiten „um das Vertrauen wieder zu stärken“ würde aber nicht funktionieren, so Mertes. „Die Menschen merken, ob man etwas macht, weil man es für richtig hält – oder nur aus strategischen Gründen.“ Er sei dafür, das katholische Amt zu öffnen für Frauen. „Aber ich bin davon überzeugt, dass es richtig ist – und sage das nicht nur, weil der Zeitgeist es fordert.“

Grundlage für Vertrauen. Konsistenz im Denken, Sprechen und Handeln

In einem Punkt waren die Teilnehmer des Symposiums sich einig: Um Vertrauen zu erwecken, ist es notwendig, dass man übereinstimmend denkt, spricht und handelt. Das führte Dr. Dr. Thomas Rusche aus in seinem Beitrag „Der Mittelstand als Vertrauensweltmeister“. Berechenbar zu sein, sei eine Voraussetzung dafür, dass Vertrauen entsteht – ausreichend sei es nicht, sagt Rusche. Es sei wichtig, in den Dialog zu treten, den „zwanglosen Zwang des besseren Arguments“ wirken zu lassen, zitierte er Habermas. Ein weiteres Erfolgsrezept in Familienunternehmen wie dem seinen sei die langfristige Perspektive. „Der Chef hat sein Leben mit dem Unternehmen verbunden; er macht nicht nur einen Job ‚für die nächsten fünf Jahre oder so‘“. Das spürten Mitarbeiter und Kunden. „Beständigkeit und langfristige Perspektive heißen die Faktoren, die Vertrauen schaffen“, schloss Rusche seine Ausführungen. In den Worten von Alfred Herrhausen: „Wir müssen das, was wir denken, sagen. Wir müssen das, was wir sagen, tun. Wir müssen das, was wir tun, dann auch sein.“

„Der an­geb­liche ge­sell­schaft­liche Ver­trau­ens­ver­lust hat nicht statt­ge­fun­den.”

Prof. Dr. Ute Frevert Direktorin, Max-Planck-Institut für Bildungsforschung

„Miss­trauen ist nicht so schlimm wie Gleich­gül­tig­keit für eine de­mo­kra­tische Ge­sell­schaft, es kann auch eine en­ga­gier­te Hal­tung sein.”

Prof. Dr. Martin Hartmann Professor für Philosophie, Universität Luzern

Bundesverfassungsgericht

86 Prozent

der Bürger gaben bei einer Umfrage 2014 an, in diese Institution Vertrauen zu haben.