Interviews

03. Februar 2014

Jürgen Fitschen und Anshu Jain im Interview mit Focus "Auch wir sind ein Teil der Vergangenheit "


Die Chefs der Deutschen Bank, Jürgen Fitschen und Anshu Jain, übernehmen Verantwortung für Milliarden-Fehler, schonen Vorgänger Josef Ackermann - und versprechen, dass der Konzern deutsch bleibt.

FOCUS: Herr Fitschen, Herr Jain, die Schlagzeilen über die jüngsten Geschäftszahlen der Deutschen Bank -ein Minigewinn von 1,1 Milliarden Euro - können Ihnen nicht wirklich gefallen haben. Woher nehmen Sie die Hoffnung, dass die Zahlen künftig besser werden?

FITSCHEN: Es ging uns sicherlich nicht um den Applaus, sondern um Verständnis für den Weg, den wir gehen. Wir haben kein Geheimnis daraus gemacht, dass 2014 noch einmal ein Jahr mit besonderen Herausforderungen sein wird. Aber wir sind davon überzeugt, dass wir unsere ehrgeizigen Ziele im Jahr 2015 erreichen werden.

FOCUS: "Besondere Herausforderungen" - das klingt aber stark untertrieben. Welche Herausforderung ist die größte?

JAIN: Unsere Aufgabe ist eine dreifache: Wir müssen die Probleme der Vergangenheit angehen, uns auf die dramatischen Veränderungen in der Zukunft vorbereiten und uns auf die neuen Herausforderungen durch die Bankenregulierung einstellen. Und das für alle unsere Geschäftsbereiche in mehr als 70 Ländern der Erde.

FOCUS: In Deutschland wird wenig über die Geschäfte der Bank, sondern viel über ihre Skandale geredet: Zinsmanipulation, Währungstricksereien und sogar möglicherweise Prozessbetrug. Zeitweise waren bei der Deutschen Bank mehr Fahnder unterwegs als bei den Frankfurter Hells Angels. Wie lange hält eine Bank, die von ihrem guten Ruf lebt, das aus?

FITSCHEN: Wir tun alles, damit wir solche Schlagzeilen in Zukunft vermeiden können. Deswegen richten wir die Bank neu aus. Wir wollen mit unserer Leistung überzeugen und die Stärken der Bank wieder in den Mittelpunkt rücken. Natürlich können wir nie ausschließen, dass in einzelnen Fällen Fehler gemacht werden. Wir sind ein globales Institut und beschäftigen immerhin rund 100 000 Menschen...

FOCUS: Das klingt so, als hätten Sie schon wieder Hinweise auf neue Probleme?

FITSCHEN: Nein, das war eine grundsätzliche Aussage. Es gibt jedoch in der Tat Vorkommnisse aus der Vergangenheit, die wir noch nicht vollständig abgearbeitet haben. Wir wollen sie rasch aufklären, bereinigen und die geeigneten Maßnahmen ergreifen.

FOCUS: Sie haben auf Ihrer Bilanzpressekonferenz mehrfach betont, dass Sie beide im Juni 2012 sehr schwierige Startbedingungen hatten: zu hohe Kosten, zu wenig Eigenkapital, viele Risiken in der Bilanz, zahlreiche juristische Auseinandersetzungen, Silodenken und fehlender Teamgeist. Wollen Sie so Ihren Vorgänger Josef Ackermann verantwortlich machen?

JAIN: Ein klares Nein! Die Deutsche Bank muss sich seit der Finanzkrise wie alle weltweit tätigen Institute stark verändern. Dafür sind nicht einzelne Personen verantwortlich. Außerdem sind Jürgen und ich seit mehreren Jahren im Vorstand der Bank und tragen Verantwortung. Denn auch wir sind ein Teil der Vergangenheit der Deutschen Bank, genauso wie wir ein Teil der Gegenwart sind. Es ist einfach eine Tatsache, dass sich die Bankenwelt gerade dramatisch verändert.

FOCUS: Auch der Bundesfinanzminister und die Bankenaufsicht haben Ihr Institut scharf kritisiert. Haben immer die anderen Unrecht?

FITSCHEN: Es geht uns nicht ums Rechthaben. Hier werden aber zwei Dinge miteinander verquickt, die nichts miteinander zu tun haben. Dass ein vertraulicher Brief der Aufsichtsbehörde an die Bank öffentlich wird, gehört sich einfach nicht. Der zweite Punkt war eine inhaltlich kritische Anmerkung von Herrn Schäuble ...

FOCUS: ... er hatte behauptet, die Banken würden immer noch die Regeln umgehen...

FITSCHEN: ... dieser Äußerung habe ich als Präsident des Bundesverbands deutscher Banken widersprochen. Ich habe gesagt, dass sich die Banken in den vergangenen Jahren bereits umfangreichen Veränderungen unterzogen haben. Deshalb war ich überrascht, welche Wellen meine Äußerung geschlagen hat. Wir haben ein gutes und offenes Verhältnis mit dem Finanzminister. Daran hat sich überhaupt nichts geändert.

FOCUS: Streit mit dem Finanzminister ist keine gute Geschäftsgrundlage für eine Bank. Haben Sie sich wieder versöhnt?

FITSCHEN: Herr Schäuble und ich haben darüber gesprochen. Unser Verhältnis ist unverändert intakt.

FOCUS: Herr Jain, Sie haben klare Worte zum Thema Verantwortung gefunden. Sie stehen als oberster Investmentbanker auch für die Verfehlungen von Mitarbeitern gerade. Haben Sie in dieser Phase der Aufarbeitung an Rücktritt gedacht?

JAIN: Zunächst einmal stammen nicht, wie oft behauptet, alle aktuellen Probleme der Bank aus dem Investmentbanking. Die kostspielige Abwicklung von Risikopositionen betrifft verschiedene Geschäftsfelder der Bank. Ebenso wie einige der juristischen Auseinandersetzungen. Ich habe ein klares Bekenntnis zu meiner Verantwortung für den Bereich Investmentbanking abgelegt. Es umfasst drei Aspekte: Wir sind stolz auf das, was wir bei der Deutschen Bank geschaffen haben; wir bedauern Versäumnisse und Fehler; und vor allem verpflichten wir uns zu weit reichenden Reformen.

FOCUS: Das heißt, Sie haben zu keinem Zeitpunkt an Rücktritt gedacht?

JAIN: Nein, das habe ich nicht. Nach knapp zwei Jahrzehnten in der Bank sehe ich mich in der Pflicht, die notwendigen Veränderungen umzusetzen. Und ich bin überzeugt, dass wir dabei Erfolg haben werden.

FOCUS: Sie sprechen davon, die Verantwortung für Fehler zu tragen. Wäre es da nicht konsequent und ein starkes Signal, freiwillig auf einen Bonus zu verzichten?

JAIN: Genau das habe ich im vergangenen Jahr getan. Ich habe von mir aus auf die mir für 2012 zustehende erfolgsabhängige Vergütungskomponente aus dem Bereich Investmentbanking verzichtet.

FOCUS: Auf wie viel Geld haben Sie konkret verzichtet?

JAIN: Zwei Millionen Euro. Das war meine persönliche Entscheidung, und ich spreche - weil Sie mich das fragen - jetzt zum ersten Mal öffentlich darüber.

FOCUS: Der von der Bank eingeleitete Kulturwandel kann an seine Grenzen stoßen, wenn es ums Geldverdienen geht. Welche Arten von Geschäften sind künftig tabu?

JAIN: Unser klarer Grundsatz heißt: Wir tun das, was nicht nur rechtlich erlaubt - sondern auch richtig ist. Es ist einfach, zwischen legal und illegal zu unterscheiden. So wie zwischen Weiß und Schwarz. Sehr schwierig ist aber der Graubereich: Ein Geschäft kann legal sein und trotzdem problematisch. Deshalb sind wir so anspruchsvoll, dass wir von unseren Geschäften verlangen, dass sie "richtig" sind, also durch und durch korrekt. Auch wenn wir dadurch Kunden verlieren oder weniger Geld verdienen.

FITSCHEN: In meiner norddeutschen Heimat spricht man hier vom "ehrbaren Kaufmann", mit dem man auch per Handschlag ein Geschäft abschließen kann. Das funktioniert heute leider kaum noch. Wir wollen aber, dass jeder Mitarbeiter den Kompass in sich hat, um das Richtige zu tun.

FOCUS: Auf Ihrer Bilanzpressekonferenz vergangene Woche hat fast ausschließlich Jürgen Fitschen über das Thema Kulturwandel gesprochen. Von Anshu Jain kamen gerade einmal zwei Zeilen, genauer: 27 Worte. Herr Jain, nehmen Sie dieses für die Bank extrem wichtige Thema weniger ernst, ist es Ihnen gar lästig?

JAIN: Das ist nicht fair. Wenn ich tausend Worte über Profitabilität oder Konzernfinanzen sage, Jürgen Fitschen aber nur zwei Sätze, heißt das doch auch nicht, dass er sich nicht für Zahlen interessiert! Wir gehen diesen Weg gemeinsam. Ich habe gerade sehr viel über Verantwortung, korrekte Geschäfte und veränderte Arbeitsprozesse gesprochen. Ich bin fest davon überzeugt, dass sich der Kulturwandel überall in der Deutschen Bank durchsetzen wird, auch weil wir als Vorstandsmitglieder die Werte und Überzeugungen vorleben.

FOCUS: Viele unserer Leser sind Mitbesitzer Ihrer Bank - weil sie Aktien halten. Wie erklären Sie denen, dass die Bank für juristische Streitigkeiten zeitweise unfassbare vier Milliarden Euro als Reserven vorhalten musste?

FITSCHEN: Wir freuen uns, dass auch so viele FOCUS-Leser Aktionäre der Deutschen Bank sind. Es ist tatsächlich nicht leicht zu erklären, welche Summen hier im Raum stehen. Es geht darum, Altlasten abzuarbeiten. Die Bank ist entschlossen, sich überall dort juristisch zu wehren, wo sie gute Erfolgsaussichten sieht. In einigen Fällen war es hingegen sinnvoll, sich auf einen Vergleich einzulassen - auch, um weitere Kosten zu vermeiden.

FOCUS: Auch ein Vergleich mit dem Dauer-Prozessgegner Kirch-Gruppe schien bereits einmal kurz bevorzustehen. Dann hieß es aber von der Deutschen Bank: Wir lassen uns nicht einschüchtern. Ein Fehler?

FITSCHEN: Darum geht es nicht. Wie bei allen Verfahren wägen wir regelmäßig Chancen und Risiken gegeneinander ab. Ansonsten bitte ich um Ihr Verständnis, dass wir uns zu diesem laufenden Verfahren nicht äußern können.

FOCUS: Schade. Sie können uns aber sicher erklären, warum die Deutsche Bank im internationalen Vergleich so mäßig abschneidet: Die großen US-Konkurrenten verdienen längst wieder zweistellige Milliardenbeträge pro Jahr. Was müssen Sie tun, um wieder Anschluss zu gewinnen?

JAIN: Die Deutsche Bank hat sich zum Ziel gesetzt, nachhaltig stabile Gewinne zu erwirtschaften. Mittelfristig erwarten wir, dass es zu weiteren Fusionen und Übernahmen auf dem internationalen Bankenmarkt kommen wird. In solchen Situationen sind Unternehmen häufig sehr stark mit sich selbst beschäftigt. Das eröffnet Chancen, Marktanteile zu gewinnen.

FOCUS:  Das klingt eher nach Abwarten. Doch was tun Sie aktiv?

JAIN: Wir haben es geschafft, dass die Deutsche Bank überallauf der Welt präsent ist. Viele unserer Mitbewerber hängen dagegen stark von ihren Heimatmärkten ab. Wir erwarten, dass die großen Märkte mit unterschiedlicher Geschwindigkeit wachsen. Die USA und Asien deutlich schneller als Europa. Wir werden davon profitieren, dass unsere Bank in diesen Wachstumsregionen sehr gut vertreten ist.

FITSCHEN: Wir sind stolz darauf, weltweit präsent zu sein. Das heißt aber nicht, dass die Bank überall die gleiche Strategie verfolgt. Es geht immer darum, wie wir unseren Kunden den besten Mehrwert bieten können. Die Antwort darauf ist regional sehr differenziert. So sind wir etwa in Deutschland mit seinem starken Mittelstand und seiner traditionsreichen Industrie so gut wie keine andere Bank aufgestellt.

FOCUS: Wir glauben gern, dass Deutschland für ein globales Finanzinstitut wie die Deutsche Bank wichtig ist. Aber bleibt das auch so, wenn sich die Stimmung hier weiter gegen die Deutsche Bank dreht? Können Sie versprechen, dass die Deutsche Bank ihren Hauptsitz in Deutschland behalten wird?

FITSCHEN: Aber ja. Die Deutsche Bank hat ihre Zentrale in Deutschland, ohne Wenn und Aber. Und Sie, Herr Jain?

JAIN: Ich stimme Jürgen voll zu. Sie können keine erfolgreiche global tätige Bank betreiben, ohne im Heimatmarkt tief verwurzelt zu sein. Wichtig ist aber auch: Eine Bank, die im weltweiten Wettbewerb mithalten will, darf kein übertrieben zentralistisches Modell verfolgen. Sie muss zusätzlich eine starke Präsenz in Finanzzentren wie New York, London, Singapur oder Mumbai haben. Aber der Sitz der Bank bleibt in Deutschland. 


Die Chefs der Bank über:

Googles Marktmacht

JAIN: „Die Deutsche Bank sieht die digitale Revolution als eine große Chance. Erstens: Die Bankenaufsicht wird sich auch um branchenfremde Neueinsteiger kümmern. Jeder, der Bankdienstleistungen anbieten will, muss dieselben hohen Anforderungen erfüllen wie wir: Kapitalausstattung, Sicherheit, Einhaltung von Geschäftsregeln, Datenschutz usw. Das sind Internet-Unternehmen nicht gewohnt, sie werden derzeit kaum reguliert. Zweitens: Für uns als Bank hat das Internet große Vorteile. Speicherplatz wird immer billiger, Computer und Netze werden immer schneller. Wir lernen immer mehr über die Bedürfnisse unserer Kunden und können ihnen dadurch einen noch besseren Service anbieten."

Rentenstreit 

FITSCHEN: „Es geht nicht nur um die Rente an sich, sondern um die Generationengerechtigkeit. Wir müssen aufpassen, dass wir nicht heute etwas durchaus Wünschbares finanzieren, damit aber künftige Generationen über Gebühr belasten. Die Verlockung ist leider sehr groß, weil uns die Konsequenzen dieser Entscheidungen erst viel später treffen werden. Die Politik muss sich die Frage stellen: Kann man sich das Wünschenswerte auch leisten - oder zahlen wir später einen Preis dafür, den heute noch niemand benennen kann? Diese Debatte muss in aller Aufrichtigkeit geführt werden."

Energiewende

FITSCHEN: „Die Notwendigkeit einer Energiewende steht außer Frage. Die Frage ist, wie und wie schnell. Wenn alle Länder eine Energiewende wie Deutschland eingeleitet hätten, gäbe es kein wettbewerbliches Problem. Andere sind uns nicht gefolgt. Wir müssen fragen, ob wir uns den eingeschlagenen Weg leisten können. Oder ob wir damit etwas aufs Spiel setzen, was niemand riskieren will: Arbeitsplätze und Wettbewerbsfähigkeit der in Deutschland beheimateten Industrie."

Das Interview führten Uli Dönch und Jörg Quoos (Quelle: FOCUS 06/2014 vom 03. Februar 2014)


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Letzte Änderung: 12.2.2014
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