Wie lange muss mein Geld reichen?
Wir werden älter – aber reicht unser Vermögen auch länger? Lisa-Marie Wöhrle, Expertin für Vermögensplanung, erklärt, warum Finanzplanung heute weiter gehen muss als bis zum Renteneintritt und warum gute Vorsorge mit den richtigen Fragen startet – nicht mit Produkten.
Video: Sind wir gut aufgestellt für ein längeres Leben? Erklärt in 99 Sekunden
Was, wenn der Ruhestand länger dauert als gedacht? Viele Menschen unterschätzen, wie viele Jahre sie nach dem Berufsleben noch leben. Mit steigender Lebenserwartung wird finanzielle Vorsorge wichtiger denn je. Mehr dazu in unserer neuen Folge von 99 Seconds.
Lisa-Marie, wir leben länger als frühere Generationen. Welche Auswirkung hat das auf die Vermögensplanung?
Langlebigkeit bedeutet nicht nur, dass Menschen älter werden. Sie verändert auch die Frage, wie lange ein Vermögen reichen muss. Früher war die finanzielle Planung oft auf Ausbildung, Beruf, Familie und Ruhestand ausgerichtet. Heute kommt immer häufiger eine zusätzliche Lebensphase hinzu: die Zeit nach dem klassischen Berufsleben, aber vor dem eigentlichen „Alter“.
Viele sind in dieser Phase noch sehr aktiv. Sie engagieren sich für die Gesellschaft, beraten andere, investieren bewusster oder wollen ihr Vermögen stärker selbst gestalten. Gleichzeitig steigt aber auch die Wahrscheinlichkeit, dass eine spätere Pflegephase länger dauert.
Für die finanzielle Planung heißt das: Wie bleiben Vermögen über einen längeren Zeitraum flexibel? Vermögen soll zum Leben passen – und nicht umgekehrt.
Warum ist das Thema gerade jetzt so dringlich?
Wir sehen einen strukturellen Wendepunkt, weil mehrere Entwicklungen gleichzeitig wirken. Die Lebenserwartung ist langfristig gestiegen, die Gesellschaft altert und es wird insbesondere in Westeuropa mehr vererbt. Ein recht bedeutender Anteil des Vermögens liegt heute bei der Generation 70 plus.
Gleichzeitig werden Familienmodelle aber komplexer und damit auch Nachfolgeregelungen anspruchsvoller. Wer sich erst damit beschäftigt, wenn ein konkreter Anlass eintritt, verliert oft wertvolle Zeit. Gute Vermögensplanung braucht Gespräche, Klarheit und manchmal auch den Mut, unbequeme Fragen früh zu stellen.
Gute Vermögensplanung braucht Gespräche, Klarheit und manchmal auch den Mut, unbequeme Fragen früh zu stellen.
Welche Fragen stellen Kundinnen und Kunden, wenn sie über Langlebigkeit sprechen?
Viele beginnen mit einer sehr persönlichen Frage: Wie kann ich meinen Lebensstandard sichern, wenn mein Ruhestand deutlich länger dauert als gedacht? Daraus entsteht schnell ein größeres Bild. Wen möchte ich absichern? Welche Verantwortung trage ich für meine Familie? Was soll mit meinem Vermögen passieren, wenn ich selbst nicht mehr entscheiden kann?
Dazu gehören dann Vollmachten, Testamente, Schenkungen, Nachfolgelösungen und die Absicherung des Partners oder der Partnerin.
Bei Unternehmerfamilien wird es noch komplexer. Dort geht es nicht nur um privates Vermögen, sondern auch um Verantwortung für ein Unternehmen, Mitarbeitende und die nächste Generation. Familienvermögen, Betriebsvermögen und Rollen innerhalb der Familie müssen klar geordnet sein. Sonst entstehen Konflikte oft genau dann, wenn schnelle Entscheidungen nötig wären.
Am Anfang steht also nicht das Produkt, sondern die Gesamtsituation.
Viele Menschen in ihren 30ern oder 40ern fühlen sich noch zu jung für solche Fragen. Was sagen Sie denen?
Ich würde sagen: Genau dann ist ein guter Zeitpunkt. Wer früh beginnt, hat mehr Möglichkeiten. Vermögensplanung ist kein einmaliger Termin für später, sondern ein Prozess. Sie sollte regelmäßig überprüft werden, weil sich Lebensumstände, Märkte, Familienkonstellationen und Ziele verändern.
Man kann das mit Gesundheit vergleichen. Viele Menschen achten heute auf Ernährung, Bewegung und Vorsorgeuntersuchungen, weil sie gesund älter werden möchten. Ein regelmäßiger Finanzcheck ist ähnlich sinnvoll. Er zeigt, ob die eigene Planung noch zum Leben passt.
Viele rechnen noch immer mit etwa 20 Jahren Ruhestand. Was ist daran problematisch?
Weil die Realität of eine andere ist. Jeder Vierte über 50 unterschätzt seine durchschnittliche Lebenserwartung!
Jeder Vierte über 50 unterschätzt seine durchschnittliche Lebenserwartung!
Wenn der Ruhestand aber länger dauert als geplant, also eher 25 oder gar 30 Jahre, müssen Einkommen und Vermögen deutlich länger tragen. Gleichzeitig wirken Inflation und Kaufkraftverlust über viele Jahre stärker, als vielen bewusst ist.
Hinzu kommt der demografische Wandel. Er erhöht den Druck auf die staatlichen Rentensysteme. Staatliche Reformvorschläge, die stärker auf Kapitalmarktkomponenten setzen, wie wir es aktuell in Deutschland sehen, gehen grundsätzlich in die richtige Richtung. Aber Altersabsicherung sollte auf mehreren Säulen stehen.
Unsere jüngste Befragung zeigt, dass viele Menschen dieses Thema noch vernachlässigen. Mehr als 31 Prozent der Deutschen sorgen noch nicht privat fürs Alter vor, 23 Prozent nur eher wenig.
Ein weiterer Punkt ist die fehlende Dynamik. Viele Pläne werden einmal erstellt und dann lange nicht mehr überprüft. Dabei verändert sich das Leben ständig: Partnerschaften, Familien, Märkte, gesetzliche Rahmenbedingungen, Gesundheit, berufliche Pläne.
Der Ruhestand sollte deshalb nicht nur als Rentenphase, sondern allgemeiner als Lebensphase betrachtet werden.
Vermögen ist kein Selbstzweck. Es soll Menschen ermöglichen, selbstbestimmt zu leben – heute, im Ruhestand und, wenn gewünscht, über Generationen hinweg.
Finanzplanung für ein längeres Leben? Darauf kommt es an:
1. Beraten lassen und früh starten – um bestmöglich vom Kapitalmarkt zu profitieren
2. Pläne ändern sich – deshalb regelmäßig überprüfen, ob die Maßnahmen noch zum Leben passen
3. Das eigene Lebensalter realistisch einschätzen: viele planen zu kurz
Diese Seite wurde im September 2026 veröffentlicht.
Über Lisa-Marie Wöhrle
Lisa‑Marie Wöhrle verantwortet seit 2026 den Bereich Vermögensplanung in der Deutschen Bank Privatkundenbank und entwickelt den Bereich als integralen Bestandteil ganzheitlicher Beratung weiter. Sie ist Mitglied des Aufsichtsrats der Deutsche Oppenheim Family Office AG. Deutschland. Sie begann ihre Karriere als Spezialistin für generationenübergreifende Vermögensplanung. Bei Deutsche Oppenheim Family Office war sie für Nachfolgeplanung, Erbschaftsangelegenheiten und Stiftungen verantwortlich. Zuletzt leitete sie den Bereich Wealth Planning bei der UBS
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Sonja Dammann
… beschäftigt sich im Kommunikationsbereich der Deutschen Bank mit den Themenfeldern KI, Nachhaltigkeit und Unternehmertum. Hierzu entwickelt sie Storytelling-Formate und Videoproduktionen.
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