Sumpf ist Trumpf - Barranquillas Weg zur nachhaltigen Stadt

Barranquilla, das Golden Gate Kolumbiens, liegt fünfzehn Meilen vor der Mündung des 1528 km langen Magdalena Flusses an der karibischen Küste. Die Stadt soll Kolumbiens erste BiodiverCity werden.

Lage, Lage, Lage! Nicht nur beim Hauskauf, auch bei der Stadtplanung ein wichtiges Argument - das erkannten bereits die Spanier. Für sie war Barranquilla in Kolumbien der ideale Ausgangspunkt, um Waren aus Europa ins Landesinnere zu bringen und vice versa.

Zwar gab es wirtschaftlich einige Hochs und Tiefs in der Entwicklung der mittelamerikanischen Stadt an Fluss und Meer, doch insgesamt hat vor allem die günstige Lage die heute 1,3 Millionen Einwohner zählende Metropole zu einem wichtigen Industrie- und Handelszentrum werden lassen. Aktuell trägt Kolumbiens viertgrößte Metropole mehr als ein Viertel zur Wirtschaftsleistung der gesamten Küstenregion bei.

Aber das schnelle Wachstum der Stadt, die Schifffahrt und die Abwasserentsorgung haben die biologische Vielfalt im Flussdelta geschädigt und bedrohen Lebensräume für Fische und Kaimane. Diesen Trend will Barranquilla nun umkehren und Kolumbiens erste BiodiverCity werden: eine Stadt, die sich im Einklang mit der sie umgebenden Natur und Artenvielfalt entwickelt.

 

Geschäftiges Stadtzentrum …

Im Stadtzentrum wirkt Barranquilla zunächst wie eine typische lateinamerikanische Großstadt. Es riecht nach den kleinen Garküchen an jeder Straßenecke - und ein wenig auch nach Abgasen. Die Luft ist definitiv wärmer und die Geräuschkulisse ist lauter als in einer Stadt in Nordeuropa.

Barranquilla – city center
Barranquilla – street scene

Mangroven und Sümpfe im Nordosten der Stadt

Das Besondere an Barranquilla zeigt sich etwas abseits vom Zentrum, im Nordosten der Stadt: Hier liegt ein Teil der großen Sumpfgebiete und Mangrovenwälder, die Ciénaga Mallorquín. Die Feucht-Gebiete sind nicht nur wichtige Rückzugsorte und Nistgebiete für zahlreiche Tierarten, sie sind über die Fischerei auch eine wichtige Lebensgrundlage für die Einwohner der Region und bieten einen natürlichen Schutz gegen Überschwemmungen und extreme Wetterereignisse.

Mangroven sind effiziente CO2–Speicher

Mangroven sind gut für das Klima, da sie als Ökosysteme im Schnitt drei bis fünf Mal mehr CO2 binden als herkömmliche Wälder. Anders formuliert kann ein 10 m² großes Mangrovengebiet die gleiche Menge an CO2 speichern wie ein 50 m²km großer Waldabschnitt in den Tropen.

Die Barranquilleros – die Einwohner der Stadt – sowie Touristen, Wissenschaftler und hochqualifizierten Arbeitskräfte der ansässigen Unternehmen schätzen darüber hinaus die grünen Naherholungsgebiete.

Unternehmen ansiedeln, Exporte ausbauen

Gleichzeitig möchte die Stadt ihre Wirtschaft stärken: Aktuell baut die Stadt den Hafen mit zwei neuen Tiefwasserzugängen aus, um insbesondere den Export anzukurbeln. Noch hat Kolumbien die niedrigste Exportrate Südamerikas – Barranquilla möchte dies ändern und insbesondere den Handel mit den USA intensivieren.

Auch wenn die Stadt den Tourismus nicht als wichtigsten Wirtschaftszweig betrachtet, sollen Großevents wie der Panamerika-Cup 2027 und natürlich der weltweit berühmte Karneval Gäste aus dem In- und Ausland anziehen. Allein 2022 besuchten wieder mehr als eine halbe Million auswärtiger Gäste das Großereignis.

Aufschwung und Naturschutz – geht das zusammen?

Für Bürgermeister Jaime Pumarejo lassen sich beide Ziele durchaus miteinander vereinbaren: Barranquillas Weg zu einer nachhaltigen und grünen Stadt sei aber keine Kurzstrecke. Es gibt einen langfristigen Entwicklungsplan, der sogar bis zum Ende dieses Jahrhunderts angelegt ist, mit klar definierten Zwischenzielen.

Der Schutz der Artenvielfalt ist dabei ein Teil des Gesamtplanes. Ein wichtiger Anstoß gerade für diesen Aspekt sei von höchster politischer Warte gekommen, erläutert Pumarejo.

Kolumbien zähle nach Brasilien zu den artenreichsten Ländern der Welt. Präsident Iván Duque Marquéz habe deshalb gemeinsam mit dem World Economic Forum und dem Alexander von Humboldt Institute 2020 die Initiative BiodiverCities by 2030 ins Leben gerufen. Das Ziel: Stadtentwicklung und Natur in Einklang bringen. Pate stehen soll Barranquilla, Kolumbiens erste BiodiverCity.

Bis Ende 2023, so Finanzsekretär Gustavo Rochas, werden insgesamt 18,7 Billionen kolumbianische Pesos (umgerechnet ca. 4,4 Milliarden Euro) in die nachhaltige Stadtentwicklung investiert.

Mehr als 1000 Bürgerdialoge

Während Bürgermeister Carlos Pumarejo das Gesicht der Stadt nach außen ist und Gustavo Rochas einen Blick auf die Finanzen hat, ist Carlos Acosta so etwas wie der oberste Manager der Stadt.

„Bei der Ausarbeitung des Entwicklungsplanes für Barranquilla haben wir etablierte Beratungsfirmen und Start-ups gleichermaßen zu Rate gezogen“, erläutert er.

Wenn wir es nicht gemeinsam mit den Bürgern machen, wird nichts daraus.
Carlos Acosta, City Manager of Barranquilla

Stadt für und mit Bürger*innen entwickeln

Eine wesentliche Erkenntnis: Eine Stadt lässt sich nicht ohne breite Bürgerbeteiligung verändern. „Wir haben mehr als 1000 Bürgerdialoge geführt, insbesondere zum Thema Wohnen – hier haben wir die Leute genau gefragt, was sie benötigen.“

Barranquilla – Housing project

Grundsätzlich herrsche ein starkes Verantwortungsgefühl. Das sei auch auf eine hohe Eigentümer-Quote zurückzuführen. Bereits mit einem geringen monatlichen Einkommen von umgerechnet US-30 Dollar können die Menschen in Barranquilla sich für öffentliche Fördergelder bewerben und Hauseigentümer werden.

„El Gran Malecón“ gab den Startschuss zur BiodiverCity: Auf einem Abschnitt von fünf Kilometern wurde das Flussufer zugänglich gemacht, bepflanzt und begrünt. Mittlerweile können Einheimische und Gäste hier Sport machen, picknicken – oder Konzerte und Veranstaltungen besuchen.

Eine Besonderheit darüber hinaus sind die vielen Eco-Parks, die in den vergangenen Jahren entstanden: eine Mischung aus Grünanlage und Sportplatz. Der Anteil von Grünflächen pro Einwohner lag vor einigen Jahren noch bei 0,8 Quadratmetern – heute seien es bereits 4 Quadratmeter, betont Acosta. Bis Ende 2022 plant die Stadt insgesamt 1300 ha neue Eco Parks.

Für Lina Margarita Macías, geboren in Barranquilla, und Journalistin bei der Radiostation der Universidad del Norte, hat die Neugestaltung und Wiederbelebung der öffentlichen Plätze viel zur Lebensqualität Barranquillas beigetragen.

El Gran Malecón ist super – hier kann man sich mit Freunden treffen, Sport machen.“ 

Was sie sich für die Zukunft der Stadt wünscht: Dass die lokale Kunstszene noch mehr Beachtung findet.

Auch Natalia Sguerra ist bei ihren Besuchen immer wieder überrascht über die Entwicklungen der Stadt. Sie ist gebürtig aus Kolumbien und hat für die Deutsche Bank im Investmentbanking die Stadt Barranquilla von New York aus betreut.

Ich bin sehr stolz darauf, dass die Deutsche Bank als erster globaler privater Kreditgeber wichtige nachhaltige Projekte in der Stadt finanziert hat, darunter Wohnprojekte, die Erschließung der Mangroven oder die Ausweitung der Fahrrad-Wegenetzes.

Damit habe die Bank Barranquilla auch die Türen zu weiteren Wall-Street-Institutionen geöffnet, zu Banken und Fonds-Anbietern. Denn sogenannte public private partnerships spielen im Finanzierungsplan der Stadt eine wichtige Rolle. Die intensiven Beziehungen der Bank zur Stadt hätten die Neugier anderer Institute geweckt und Vertrauen in die Kreditwürdigkeit Barranquillas gestärkt.

Was steht als nächstes auf der Agenda?

Die Antwort von Carlos Acosta kommt prompt: „Der Ausbau der erneuerbaren Energien!“ Auch hier spielt die Lage der Stadt in die Hände: In Kooperation mit einem dänischen Unternehmen soll vor der Küste die erste Offshore-Windfarm entstehen. Ebenso werden private Haushalte mit Solardächern ausgestattet. Bis 2030 soll so mindestens 50 Prozent des Energiebedarfs aus erneuerbaren Energien gewonnen werden.

Die Sonne scheint viel in Kolumbien.

Fotografien von Jörg Brüggemann, OSTKREUZ Agentur der Fotografen

 

Sonja Dammann

… ist aufgewachsen in Twistringen, Niedersachsen. Dies ist einer der Gründe, warum sie Großstädte so anziehend findet. Es ist nie langweilig und es kann immer etwas Zufälliges passieren! Da Städte Orte von Kreativität und Austausch sind, ist sie zuversichtlich, dass vor allem hier gute Ideen zur Bekämpfung der Klimakrise entstehen.

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