Wenn die Finanzbranche die Wirtschaft mit nachhaltigen Finanzierungen unterstützt, spricht man von „Sustainable Finance“. Die Art und Weise, wie Unternehmen, Projekte und Regierungen durch Banken und Kapitalmärkte finanziert werden, trägt selbst zu deren ESG-Zielen bei, also dem, was sie für die Umwelt, die Gesellschaft und die gute Unternehmensführung erreichen wollen, beispielsweise den Klimawandel zu bekämpfen oder das Pariser Abkommen zu erfüllen. Jüngst haben mehrere Unternehmen in Deutschland ihre Kreditlinie vorzeitig refinanziert. An sich ist das nichts Neues. Doch diese Kreditlinien, sogenannte ESG-linked loans, sind an Nachhaltigkeitskomponenten geknüpft, beispielsweise Strom aus erneuerbaren Quellen zu beziehen.

Gerald PodobnikGerald Podobnik, Finanzchef der Unternehmensbank und langjähriger Befürworter einer nachhaltigeren Finanzpraxis, spricht im Interview über Verantwortung und Chancen der Bank – und was die ganze Branche tun muss. Er macht damit den Auftakt zu einer neuen Themenreihe namens „Unser grüner Beitrag“, in der es darum gehen wird, was die Bank tun kann und muss, um die sich ändernden Ansprüche von Kunden hinsichtlich Nachhaltigkeit zu erfüllen und was sie bereits dafür tut, ihrer Nachhaltigkeitsverantwortung als großes, internationales Unternehmen gerecht zu werden.

Die Deutsche Bank ist eine weltweit tätige Kreditgeberin und hat entsprechenden Einfluss. Was ist ihre Verantwortung bei nachhaltigen Finanzierungen?
Unsere Hauptaufgabe ist es, auf die Nachfrage unserer Kunden einzugehen und die Produkte zu entwickeln, die sie benötigen. Wir stellen deutlich fest, dass nachhaltige Finanzprodukte von größerem Interesse sind. Denn sie können den Kunden helfen, ihre Ziele zu erreichen, von Privatkunden bis hin zu den größten multinationalen Konzernen.

Wir dürfen allerdings nicht vergessen, dass wir eine Bank mit einem eigenen Portfolio von Krediten und Positionen sind. Ob es sich nun um unsere Bilanz, unsere eigenen Produkte oder die, die wir zeichnen, wie Anleihen oder unser Vermögensverwaltungsgeschäft handelt, wir müssen uns angemessen verhalten, wenn es um unser eigenes Geschäft und Portfolio geht. Eine Möglichkeit, dies zu erreichen, besteht darin, messbare Ziele für die nachhaltige Finanzierung festzulegen, die wir im Kredit- und Anleihegeschäft sowie im Asset Management vornehmen. So können wir sicherstellen, dass wir unser Portfolio strategisch in die Richtung entwickeln, dass es unseren Nachhaltigkeitszielen entspricht.

Tut die Deutsche Bank denn genug?
Wir haben mehr für nachhaltige Finanzierungen getan, als wir dafür an Anerkennung bekommen haben. Die Deutsche Bank kann auf eine lange Erfolgsgeschichte bei der Finanzierung von Projekten im Bereich der erneuerbaren Energien oder bei Hypotheken für energieeffizientere Gebäude zurückblicken. Unsere Fondsgesellschaft DWS ist eine der Pionierinnen bei ESG-Investitionen und bietet Produkte. Für eine Reihe großer multinationaler Unternehmen und Finanzinstitute haben wir grüne Anleihen strukturiert und gezeichnet, zusätzlich zu unseren Aktivitäten im Markt für grüne Kredite, der langsam entsteht.

Das Nachhaltigkeitsteam unserer Bank entwickelt Richtlinien und stellt gleichzeitig sicher, dass diese strikt eingehalten werden. Und seit 2018 hat die Bank einen Nachhaltigkeitsrat, dem Christian Sewing vorsitzt. Dort arbeiten die Geschäfts- und Infrastrukturbereiche daran, eine einheitliche nachhaltige Strategie für die Deutsche Bank zu entwickeln. Diese wird dazu beitragen, dass wir unsere Nachhaltigkeitsziele erreichen, indem sie Ziele festlegt und vorgibt, wie wir unsere Produktpalette am besten nutzen. Sicher haben Sie auch die Ankündigung unseres Vorstandsvorsitzenden Christian Sewing gehört, dass wir für 2020 die Emission einer eigenen grünen Anleihe planen. So können wir auch an diesem wachsenden Markt teilhaben. Wir haben also in diesem Bereich viel getan, und wir werden noch mehr tun.

Wird die Deutsche Bank als starker Verfechter einer nachhaltigen Finanzierung angesehen?
Auf jeden Fall. Wir sind im öffentlichen und politischen Dialog zu dem Thema ebenso stark vertreten, wie in dem mit Aufsichtsbehörden. Der „Sustainable Finance“-Beirat der Bundesregierung hat mich kürzlich als Mitglied ausgewählt. Die Gruppe aus 30 Experten soll eine nachhaltige Finanzstrategie erarbeiten und Deutschland als einen der führenden Akteure in diesem Bereich positionieren. Ein Vertreter der Deutschen Bank in diesem Ausschuss – das zeigt, dass wir inzwischen als Vordenker mit fundiertem Wissen in diesem Bereich gesehen werden. Auch andere Kollegen in der Bank gelten als Nachhaltigkeitsexperten und bekommen viele Einladungen, um über das Thema zu sprechen. Wir sorgen dafür, dass die Deutsche Bank bei den richtigen Gelegenheiten vertreten ist und gehört wird.

Was brauchen Finanzinstitute Ihrer Meinung nach, um bei nachhaltigen Finanzierungen größere Fortschritte zu erzielen?
Glasklare Definitionen, die keinen Raum für Missverständnisse oder Fehlinterpretationen lassen. Welche Kriterien machen erneuerbare Energien grün? Welche energieeffizienten Maßnahmen definieren eine Immobilie als grün und welche Verwendung von Erlösen gilt als klimafreundlich? Das EU-Taxonomieprojekt hat erst vor Kurzem einen Kompromiss für ein Rahmenwerk erreicht. Aber ich denke, wir müssen noch einen Schritt weiter gehen und auch definieren, was ein Unternehmen grün oder ESG-freundlich macht. Klarheit in diesen Fragen wird vor allem deshalb wichtig sein, weil wir so definieren, wie wir unser Kreditgeschäft und damit unsere Bilanz ausbauen wollen.

Wir brauchen auch Klarheit über die entsprechenden aufsichtsrechtlichen Vorschriften für Banken. Wenn zum Beispiel Klimastresstests eingeführt werden, dann müssen wir die verwendeten Szenarien genau kennen und verstehen, welche Folgen die Ergebnisse haben könnten. Kapital ist das wichtigste Gut einer Bank, es ist ihr Treibstoff; daher wird ein regulatorisch gesteuertes System, das einen größeren ESG-freundlichen Kapitaleinsatz fördert, für alle von Vorteil sein.

Wie sieht es mit Technologie und Innovation aus?
Meiner Meinung nach besteht ein enger Zusammenhang zwischen Digitalisierung und nachhaltiger Finanzierung sowie der Verfügbarkeit von Daten. Bisher haben Banken für ihre Geschäftsportfolios keine Umwelt-, Sozial- oder Governance-Daten mit dem gleichen Detaillierungsgrad erfasst wie für Kreditrisiken, Wirtschafts- und Marktdaten. Wir haben also nicht die methodischen, detaillierten Daten, die wir benötigen, um die Auswirkungen unserer Portfolios auf beispielsweise die Umwelt zu bewerten. Es gibt also große Chancen, das Problem innovativ zu lösen und diese Daten so zu beschaffen, zu analysieren und zu verpacken, dass Finanzinstitute sie systematisch nutzen können. Und da sind wir schon dabei.

Apropos Chancen, wo sehen Sie die Perspektiven der Deutschen Bank im Bereich der nachhaltigen Finanzierung?
Ich sehe drei große Chancen. Erstens können wir völlig neue Produkte entwickeln und strukturieren, um den Nachhaltigkeitsbedürfnissen unserer Kunden gerecht zu werden. Dabei hilft uns vor allem, dass wir eine der größten Banken im Finanzierungsgeschäft weltweit sind – mit einem Kreditportfolio von rund 430 Milliarden Euro. Indem wir nachhaltige Projekte unserer Kunden finanzieren, können wir wiederum Anlageprodukte für andere Kunden entwickeln und anbieten. Eine weitere Chance ist, und diese liegt mir besonders am Herzen, wieder in die Mitte der Gesellschaft zurückzukehren. Die Reputation des Bankensektors war während der Finanzkrise angeschlagen, aber mit nachhaltigen Finanzierungen können wir direkt zum Klimaschutz und damit zu Gemeinwohl beitragen. Und drittens – die neue ESG-Ära bedeutet auch, dass wir unseren Kunden etwas Neues anbieten, eine neue Art von Geschäftstätigkeit. Dabei haben wir die Chance, unsere Beratungskompetenz auszuspielen und Vertrauen zu gewinnen.

Welche Schritte stehen als nächstes an?
Nachhaltigkeit muss selbstverständlicher Teil unseres Handelns werden, in allen Bereichen, auf allen Ebenen. Diese Botschaft muss klar sein: Wir, die Deutsche Bank, haben Nachhaltigkeit verinnerlicht. Unsere größte Aufgabe jetzt ist sicherzustellen, dass alle Mitarbeiter des gesamten Unternehmens an Bord sind und dass unsere Stimme in der Gesellschaft gehört wird. Begünstigt wird das durch den jüngst vorgestellten „European Green Deal“ der Europäischen Kommission den wir im Übrigen sehr begrüßen und mit allen Kräften unterstützen werden.

Sie wurden im Sommer 2019 zum Finanzvorstand der Unternehmensbank ernannt. Wie werden Sie das Thema nachhaltiges Finanzwesen in der Funktion angehen?
In meiner vorherigen Position habe ich daran gearbeitet, die richtigen nachhaltigen Finanzlösungen für meine Kunden zu finden. Jetzt geht darum, meinen Blick zu erweitern. Ein Finanzvorstand verantwortet Aufgaben wie Ressourcenallokation, Bilanz, die Steuerung von Erträgen und Kosten; und Nachhaltigkeit wird ein zentraler Bestandteil dessen sein, wie dies geschieht. Ich arbeite auch mit meinen Kollegen zusammen, um eine spezifische nachhaltige Finanzstrategie für die Unternehmensbank zu entwickeln. Ich setze mich dafür ein, Nachhaltigkeit sowohl finanziell als auch nichtfinanziell im gesamten Bereich zu verankern, und arbeite mit „Group Sustainability“ und anderen Bereichen an dieser konzernweiten Priorität zusammen.

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