News 25. Juni 2020

„Wir müssen Klimarisiken transparent und zurechenbar machen“

„Das Thema Klimarisiken ist immer noch recht neu und komplex – und es wird zu einer Disziplin, die sich sehr dynamisch entwickelt“, sagt Chris Jaques. Die Abteilung, die er in der Deutschen Bank leitet, nennt sich „Enterprise Risk Portfolio Management and Stress Testing“. Er beschäftigt sich also mit Risiken, und seit einiger Zeit auch mit Klimarisiken – was seinen Job noch einmal interessanter gemacht hat: „Man hat selten die Chance, von Grund auf festzulegen, wie man mit einer neuen Art von Risiko systematisch umgeht und dafür ein Rahmenwerk definiert. Es ist auf jeden Fall eine spannende Zeit.“

Jaques ist seit sieben Jahren bei der Bank, und seit 18 Monaten ist er am Thema Klimarisiken sehr eng dran. Er leitet stellvertretend auch das Risiko-Komitee der Bank, das „Group Enterprise Risk Committee“. Es besteht aus Führungskräften der unterschiedlichsten Risikodisziplinen. Sie nehmen Risikoereignisse unter die Lupe und Trends, die sich über mehrere Risikoarten hinweg auf den Konzern auswirken. Eine wichtige Aufgabe: Das Komitee hat das Mandat festzulegen, welche Risiken die Bank in welchem Maße eingehen kann. Außerdem führt es Stresstests durch und analysiert die Ergebnisse.

Im Jahr 2018 überprüfte das Komitee, wie sich der Klimawandel potenziell auf die Risiken des Konzerns auswirkt. Der Risikobereich der Bank entwickelte Szenarioanalysen für CO2-intensive Branchen wie zum Beispiel Öl und Gas. Als im Jahr darauf viele Regierungen, Aufsichtsbehörden und Investoren weltweit ihren Fokus deutlich stärker auf Klimarisiken und Nachhaltigkeit legten, richtete das Komitee eine spezielle Arbeitsgruppe ein. Ihr Auftrag: ein Rahmenwerk zu entwickeln, mit dem die Deutsche Bank ihre Klimarisiken steuern kann.

„Für die Arbeitsgruppe haben sich Mitarbeiter aus dem gesamten Risikobereich freiwillig gemeldet – alles Kollegen, die sich auch persönlich sehr für das Thema interessieren und die Bank und die Finanzbranche weiterbringen wollen“, sagt Jaques. „Die Gruppe arbeitet derzeit daran, wie die Bank ihre Regeln für Unternehmensführung (Governance), Risikobewertung und -modelle anpassen muss, damit wir das Klimarisiko in unserer eigenen Bilanz managen können.“

Zu den Hauptaufgaben der zehnköpfigen Gruppe gehört es, sogenannte Übergangsrisiken aufzuspüren. Solche Risiken entstehen für Unternehmen und Branchen, wenn sich irgendetwas Wichtiges für sie ändert – zum Beispiel formale Richtlinien, aber auch strukturelle Änderungen im Konsum- und Nachfrageverhalten. Beispiel globaler Temperaturanstieg: Wenn man diesen gemäß des Pariser Klimaschutzabkommens verlangsamen will, dann müssen viele Industrien und deren Unternehmen glaubwürdige Strategien entwickeln, um den Übergang zu weniger kohlenstoffintensiven Modellen zu ermöglichen. Und aus diesem Übergang erwachsen neue Risiken.

„Der Mangel an Daten und abgestimmten Modellansätzen stellt eine Herausforderung für diese Art der Analyse dar, und wie viele andere Unternehmen auch befinden wir uns noch in der Anfangs- und Aufbauphase“, sagt Jaques. „Doch es geht voran: Wir arbeiten mit Hochdruck daran, wie wir auch solche potenzielle Übergangskosten abschätzen können.“

Für Jaques ist eines ganz klar: Es gibt zwar noch viel zu tun, um der Komplexität des Themas Klimarisiken gerecht zu werden. Dennoch muss es einen festen Platz bei sämtlichen Risikobewertungsprozessen bekommen. Warum, das erklärt er an einem Beispiel: „Wenn einer unserer Unternehmenskunden seinen CO2-Fußabdruck verringern will und sich ein umweltfreundlicheres Geschäftsmodell verordnet, dann muss er unter Umständen ganz erheblich in seine Infrastruktur investieren – er muss also möglicherweise deutlich mehr Fremdkapital aufnehmen, was wiederum seine Kapitalstruktur verändert. Wir als Bank müssen dann prüfen, ob wir die Bonität danach anders beurteilen müssen.“ Sein Fazit lautet deshalb: „Die verschiedenen Risikodisziplinen unserer Bank müssen bei dem Thema eng zusammenarbeiten, denn nur so können wir genau die Methode entwickeln, die Klimarisiken am besten einfängt. Stand heute mag es zuweilen noch reichen, wenn man argumentiert, dass Klimarisiken in manchen Risikoanalysen doch bereits implizit enthalten seien. Aber das ist nicht die Zukunft – hier ist sehr viel mehr Genauigkeit gefragt. Und das bedeutet: Wir müssen Klimarisiken transparent und zurechenbar machen.“

 

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