18. Januar 2018

John Cryan: Rede anlässlich des Hauptstadtempfangs 2018 in Berlin

Meine sehr geehrten Damen und Herren,

liebe Freunde und Geschäftspartner der Deutschen Bank,

verehrte Gäste aus der Politik,

herzlich willkommen und auch von mir die besten Wünsche zum neuen Jahr! Ich freue mich immer besonders, hier in Berlin zu sein.

Derzeit sieht die Welt diese Stadt allerdings vor allem als Schauplatz einer ungewohnten Suche. Der Suche nach einer Regierung, die das wichtigste Land Europas regieren will.

Mein Job bringt es mit sich, dass ich viel unterwegs bin. Und ich kann Ihnen versichern: Überall spricht man zurzeit über Berlin. Wie es mit der Bundesregierung weitergeht, möchte so gut wie jeder Kunde wissen, den ich im Ausland treffe. Ich bin also heute Abend dankbar für sachdienliche Hinweise, was ich darauf antworten soll.

Nicht nur deshalb freuen wir uns, dass wir heute zahlreiche Abgeordnete und Vertreter der Ministerien begrüßen dürfen. Ich freue mich ebenso auf den Austausch mit Ihnen wie meine Vorstandskollegen, die heute hier sind: Kim Hammonds, Sylvie Matherat, Marcus Schenck, Christian Sewing und Karl von Rohr.

Politische Herausforderungen in Deutschland und Europa

Politische Unsicherheit oder die Unberechenbarkeit der Politik ist im Moment weltweit das Thema überhaupt. Vergangenes Jahr zeigten sich Konjunktur und Finanzmärkte davon noch unbeeindruckt. Vor einem Jahr hatten wir uns an dieser Stelle auf eine scheinbar explosive Mischung eingestellt: die große Unbekannte namens Brexit, die Angst vor rechtsextremen Wahlerfolgen in Europa, ein neuer Präsident im Weißen Haus – all das ließ große Turbulenzen befürchten.

Tatsächlich zeigten sich die Märkte bisher ebenso robust wie die Konjunktur weltweit. Glaubt man volkswirtschaftlichen Indikatoren, ist die Stimmung in Deutschland gerade so gut wie seit 30 Jahren nicht. Noch nie seit der Wiedervereinigung waren wir der Vollbeschäftigung so nahe.

Allerdings mangelt es auch in diesem Jahr nicht an großen Risiken:

  • Im Nahen Osten kochen alte und neue Konflikte hoch.
  • In Europa neigt sich die Zeit des ultrabilligen Geldes ihrem Ende zu.
  • Und ausgerechnet jetzt erlaubt sich Deutschland ein politisches Vakuum.


Noch verkraftet das Land die zähe Regierungsbildung ganz gut. Früher oder später werden zu viele politische Fragezeichen aber Unternehmen zögern lassen, wenn es um langfristige Investitionen geht. Deshalb ist der Erfolg bei den Sondierungen in der vergangenen Woche ein gutes, wichtiges Zeichen. Zwar zeigen die Reaktionen der vergangenen Tage, dass die nächste große Koalition noch lange kein Selbstläufer ist. Aber ich habe die Hoffnung, dass die Gespräche nun konstruktiv weitergehen und bald zu einer stabilen Regierung führen.

Denn kurzfristig stehen große Aufgaben an, gerade im internationalen Kontext. Aufgaben, für die es ein starkes Deutschland braucht.

Als Brite stehe ich sicher nicht im Verdacht, Europa zu idealistisch zu betrachten. Aber gerade als Brite sage ich: Wir brauchen eine starke Europäische Union. Und eine starke EU gibt es nur, wenn Deutschland sie führend mitgestaltet – gerade jetzt.

Der befürchtete Siegeszug antieuropäischer Kräfte blieb im vergangenen Jahr erst einmal aus. Umso wichtiger ist es nun aber, dass sich die Befürworter der EU den Fragen vieler Menschen stellen: Was nützt mir Europa? Und was soll daraus werden? Nur wenn die europäische Politik eine klare Antwort auf diese Sinnfragen findet, wird das Projekt Europa auf Dauer den nötigen Rückhalt haben.

Genau deshalb begrüße ich die Initiative des französischen Präsidenten Emmanuel Macron. Mit seiner Grundsatzrede kurz nach der Bundestagswahl hat er für einen Reformimpuls gesorgt, wie ihn Europa lange nicht mehr gesehen hat. Man muss nicht jeden seiner Vorschläge gut finden: Mehr Finanztransfers in Europa dürfte eine Mehrheit der Wähler im Norden weiterhin ablehnen, eine europäische Asylbehörde wäre zwar wünschenswert, ließe sich kurzfristig aber kaum einführen.

Aus meiner Sicht wäre aber eine große Chance vertan, wenn man diesen doch großen Wurf direkt wieder ad acta legen würde.

Das heißt aber auch: Deutschland muss bald auf den Vorschlag des französischen Präsidenten reagieren. Sonst werden andere das Drehbuch schreiben. Wir sehen ja gerade in Osteuropa Kräfte, die ein ganz anderes Verständnis von Europas Rolle haben.

Ich begrüße es sehr, dass das Thema Europa im Sondierungspapier eine wichtige Rolle spielt. Für zentral halte ich zwei Prinzipien, die Europa wieder zum Modell machen könnten – und das vielleicht auch für meine Heimat:

Erstens: Gemeinsam – und das ist eigentlich selbstverständlich – sind wir politisch und wirtschaftlich stärker als allein. Das gilt heute mehr denn je. Zwischen den großen Wirtschaftsblöcken erleben wir weniger Kooperation und mehr Konfrontation. Welche Verhandlungsposition hätten wir international noch, wenn wir dann in Europa nicht zusammenstehen?

Zweitens: Ein starkes Europa muss das Prinzip der Subsidiarität wieder ernst nehmen. Möglichst viel muss vor Ort entschieden werden, nah an den Menschen - in den Gemeinden, den Ländern, den Staaten. Das müssen die Brüsseler Institutionen unbedingt respektieren. Sonst werden sich die Wähler weiter von Europa abwenden.

Zentrale Lösungen sind hingegen auf den wenigen Feldern wichtig, wo sie Europa als Ganzes stärken. Das gilt für die Sicherheitspolitik sowie für die Geld- und damit zwangsläufig für die Finanzmarktpolitik. Und das gilt für viele weitere Wirtschaftsfragen - nicht zuletzt auch für die Digitalisierung.

Meine Damen und Herren, ich kann es gar nicht eindringlich genug sagen: Hier müssen wir dringend aufholen. Hier geht es um die wirtschaftliche und damit auch um die politische Zukunft Europas.

Ein simples Beispiel veranschaulicht das: Die fünf wertvollsten Unternehmen der Welt gehören alle zur Digitalwirtschaft – und sie sitzen alle in den USA: Apple, Google, Microsoft, Amazon und Facebook.

Europa dagegen beginnt die Ära der Plattformökonomie ohne auch nur ein global bedeutendes Unternehmen. Dabei wissen wir: Es mangelt uns in Europa nicht an klugen Köpfen mit innovativen Ideen. Schauen Sie sich einmal an, wie viele Europäer im Silicon Valley führende Positionen besetzen – und möglicherweise nie mehr zurückkommen.

Genau das muss sich ändern. Einiges stimmt mich zuversichtlich, unter anderem die lebendige Gründerszene hier in Berlin – die hat viel Potenzial. Doch wir schöpfen dieses Potenzial nicht aus. Wie sollen europäische Start-ups international mithalten, wenn sie es in der EU mit 27 oder 28 unterschiedlichen Gesetzesrahmen zu tun haben? Und was passiert mit den Start-ups, die sich etabliert haben? Nach einer Untersuchung der EU-Kommission werden 44 Prozent von Amerikanern übernommen.

Was muss sich also ändern? Eine wesentliche Voraussetzung ist der bessere Zugang zu Kapital.

Das bringt mich zum zweiten zentralen Wirtschaftsthema, das die EU neben der Digitalisierung betrifft – und mit dem ich Sie leider einmal mehr langweilen muss, weil sich in den vergangenen zwölf Monaten kaum etwas bewegt hat: Europa muss endlich seinen gemeinsamen Finanzmarkt weiterentwickeln.

Uns fehlt nicht nur eine reife Szene von Wagniskapital-Gebern. Es fehlt ein tiefer Kapitalmarkt, um ein junges Unternehmen später so erfolgreich an die Börse zu bringen, wie das in den USA Standard ist. Wie soll sich sonst unsere Wirtschaft schnell genug wandeln können?

Europas Finanzmarkt braucht also vor allem eines: mehr Integration. Die Bankenunion war richtig und wichtig. Nun dürfen wir nicht auf halber Strecke stehen bleiben, sondern müssen die Kapitalmarktunion folgen lassen.

Solche Schritte sind mühsam. Wenn aber Europa keinen starken Finanzstandort schafft, dann werden uns in diesem Wettbewerb andere weiter abhängen.

Zu einem starken europäischen Finanzplatz gehören natürlich auch starke europäische Banken. Wenn der Protektionismus weltweit floriert, ist klarer denn je: Es kann nicht in unserem Interesse sein, dass Deutschland in Zukunft wichtige Bankdienstleistungen ausschließlich importiert. Hier braucht Europa eine starke heimische Alternative. Dafür wurde die Deutsche Bank 1870 hier in Berlin gegründet.

Deutsche Bank

Diese Rolle wollen und können wir als Deutsche Bank ausfüllen. Wir bekommen gerade wieder die Frage gestellt, ob unser Geschäftsmodell überhaupt funktionieren kann. Doch ich kann Ihnen versichern: Wir sind davon überzeugt, dass wir auf dem richtigen Weg sind. Wir werden ihn konsequent weitergehen. Wir haben diesen Weg im Herbst 2015 eingeschlagen und immer gesagt, dass dieser Umbau nicht in ein oder zwei Jahren abgeschlossen sein würde.

In der ersten Phase haben wir unsere Kontrollsysteme stark verbessert und die Rechtsrisiken abgebaut.

In der zweiten Phase, die im März vergangenen Jahres begonnen hat, haben wir die Geschäftsbereiche neu sortiert. Nun sind wir dabei, in Deutschland die mit Abstand größte Privat- und Firmenkundenbank mit mehr als 20 Millionen Kunden zu schaffen. Parallel dazu gilt es, unsere Kosten weiter zu senken und in unsere Systeme zu investieren.

Nun aber hat die dritte Phase begonnen, und diese ist ebenso wichtig: Wir wollen wieder wachsen und konzentrieren uns dabei auf Sie, unsere Kunden. Sie sind es, für die wir da sind. Und wir haben Ihnen viel zu bieten: Keine andere Bank hierzulande, ja ich behaupte, in ganz Europa hat eine ähnliche globale Expertise wie wir.

Unser Anspruch ist also ganz klar, meine Damen und Herren: Wir wollen Europas führende Bank mit globalem Netzwerk sein und bleiben. Dafür ist es essenziell, dass es ein starkes Europa mit einem starken Finanzmarkt gibt. Wir würden also von einer fortschrittlichen Europapolitik profitieren. Und wir wollen, dass Sie, liebe Kundinnen und Kunden unter unseren Gästen, von einer Bank profitieren, die die Finanzwelt von morgen mit gestaltet.

Gesellschaftlicher Nutzen

Dafür steht auch ein Film, den wir Ihnen nun zeigen möchten. Es geht um einen Kunden, den Sie alle kennen. Und der Kundenbetreuer, den Sie sehen werden, berät dieses schwäbische Unternehmen seit mehr als 20 Jahren. Der Film zeigt unsere Bank von der Seite, die sie stark macht – tief verwurzelt in der Mitte der deutschen Wirtschaft.

In diesem Sinne sage ich jetzt „Film ab“ und freue mich auf den gemeinsamen Abend mit Ihnen.

Herzlichen Dank.