9. Juli 2018

CDO Markus Pertlwieser spricht im Interview mit FAS über Identitätsplattform Verimi

Die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung berichtet über Fortschritte bei der Identitätsplattform Verimi. Mit Deutscher Bahn und VW gewinnt die Plattform zwei neue Gesellschafter aus dem Kreis der Dax-Konzerne, zudem kommen unter anderen mit einem halben Dutzend Bundesligavereinen und den Bundesländern Thüringen und Nordrhein-Westfalen neue Anwendungspartner auf die Plattform. Verimi hat sich zum Ziel gesetzt, eine deutsch-europäische Alternative zu den Internetriesen aus den USA und Asien zu schaffen: Eine zertifizierte Identität für Internetnutzer, mit einfachem Zugang zu den Diensten und Produkten aller angeschlossenen Unternehmen sowie mit voller Kontrolle über die Verwendung der eigenen Daten. Hinter der Plattform steht die geballte Kraft der deutschen Wirtschaft: Allianz, Daimler, Deutsche Bank mit Postbank, Lufthansa, Axel Springer, die Telekom, das Sicherheitsunternehmen Bundesdruckerei sowie die Technologieunternehmen Core und Here. Das Projekt genießt die Unterstützung von Politik und Wissenschaft. Im Interview mit der FAS erklärt Markus Pertlwieser, CDO für Privat- und Firmenkunden der Deutschen Bank und Vorstandsvorsitzender der Gesellschafterversammlung der Verimi GmbH, warum die Deutsche Bank das Projekt vorantreibt.

Die beiden Artikel in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung vom 8. Juli 2018:

Der Generalschlüssel fürs Internet

Deutsche Bank, Bahn, Daimler & Co. planen einen gemeinsamen Zugang zum Internet. Schöne Idee. Nur der Start holpert. 

Berlin-Kreuzberg, am Eingang eines Industriebaus, dem Sitz der Bundesdruckerei, grüßt der Bundesadler. Ausgerechnet in diesen Hallen des öffentlichen Dienstes soll Europas Antwort auf das Silicon Valley gezüchtet werden. Behörden-Charme trifft auf Start-up-Geist. Heraus kommt „Verimi", der selbsternannte deutsche Herausforderer für die Giganten im Internet. Ein „Generalschlüssel" für das Netz wird hier gebastelt, von einer jungen Firma - gerade mal ein Jahr alt -, hinter der die geballte Kraft der deutschen Wirtschaft steht: Daimler, Lufthansa, Telekom, etliche andere mehr sowie als Antreiber die Deutsche Bank.

Nur: Worum genau geht es in dem Projekt? Um keine neue Suchmaschine, so viel ist klar, um keinen neuen Online-Shop. Nichts von alledem. „Wenn Amazon, Facebook und Alibaba das Wohnzimmer sind, dann sind wir der Schlüssel in die Wohnung, der Schlüssel zum Internet", erklärt Markus Pertlwieser, der „Chief Digital Officer" der Deutschen Bank, außerdem Chef des Gesellschafterausschusses von Verimi und damit so etwas wie der Kopf des Projekts. „Wir müssen uns in der digitalen Welt gegen amerikanische und asiatische Technologiegiganten behaupten", sagt er. „Gebt den Menschen die Hoheit über die Daten zurück", lautet seine Mission.

Politik wie Wissenschaft unterstützen die Idee. Anspruch wie Selbstbewusstsein sind gewaltig, die Mechanik des „Generalschlüssels" im Grunde simpel: Der Kunde hinterlegt ein einziges Mal seine gesammelten persönlichen Daten auf der Plattform und erledigt fortan alles im Netz barrierefrei; Online-Shoppen, Reise buchen, Fußballticket reservieren, Auto oder Aktien kaufen, Ausweis beantragen - ohne jedes Mal wieder Adresse oder Kontodaten neu einzutippen. Der Klick auf den „Verimi"-Button genügt.

Die Daten sind dabei geschützt „wie in einem Safe" - das zumindest sagen die Verimi-Leute. Tatsächlich ist bisher kein Hacker-Angriff gelungen, versucht haben es etliche aus der Szene, so wird aus dem Maschinenraum berichtet: Zu süß wäre der Triumph, die Deutsche Bank und Konsorten vorzuführen.

100 Prozent Sicherheit allerdings gibt es nie, Bedenken zum Datenschutz immer. „Der Kunde liefert sich den Konzernen hinter solchen Plattformen aus und macht sich nackig", fürchtet etwa Dirk Engling vom Chaos-Computer-Club. Vergleicht er Verimi aber mit amerikanischen Startportalen wie denen von Google oder Facebook, steht seine Wahl fest: „Dann lieber dieses europäische System."

Mit jedem Datenleck wächst der Argwohn gegen die globalen Datenkraken, wird den Leuten bewusst, wie ihnen im Netz hinterherspioniert wird. Verimi ist da anders, versprechen die Manager: „Da fließt nichts an Daten ab, was die Kunden nicht ausdrücklich wollen." Diese Garantie gibt's mit Brief und Siegel, ausgestellt von Marian Margraf, Professor an der TU Berlin und Abteilungsleiter am Fraunhofer-Insitut, das an der Entwicklung beteiligt war. „Verimi kann keine Daten-Krake werden, selbst wenn die dahinterstehenden Konzerne dies wollten", sagt der IT-Wissenschaftler. „Wir haben Sicherheiten eingebaut, die das unmöglich machen."

Das klingt so gut wie die Tatsache, dass der Schlüssel gratis ist. Bleibt nur die Frage: Hat die Menschheit darauf gewartet? Springen darauf Millionen Deutsche an? Nichts Geringeres ist das Ziel. „Entscheidend ist die Masse. Wir brauchen ein paar Millionen Endkunden", bekennt Deutsch-Banker Pertlwieser, der von Beginn an dabei ist. Gefunden haben sich die beteiligten Konzerne im Mai 2017, vorigen Sommer begannen die Programmierer mit der tatsächlichen Arbeit. Im April dieses Jahres ging es dann los, so leise, dass bisher kaum jemand davon etwas mitbekommen hat: Wer hat den Kunstnamen Verimi (für „verify" und „me") bislang auch nur gehört? Wer könnte erklären, was sich dahinter verbirgt? Wenn, dann machte das Start-up in der Branche mit Personalquerelen von sich reden. Von den drei anfänglichen Geschäftsführern ist gerade noch einer da. Die erste Chefin blieb nur ein paar Wochen, dann hat man sich im Streit getrennt. Der Geschäftsführer für die Technik wird in zwei Wochen ausgewechselt (angeblich wie von Beginn an geplant). Es kommt Dirk Woywood von der Bundesdruckerei, er übernimmt von Holger Friedrich, dem Mitinitiator und bisherigen Cheftechnologen. Für die vakante dritte Geschäftsführer-Stelle, gedacht für das Ressort Marketing und Vertrieb, sind gerade die Headhunter von Egon Zehnder unterwegs. Im Herbst, so die interne Vorgabe, ist die Personalie entschieden. Wer in dem neu zusammengestellten Trio dann den Obersten geben darf, das hängt von der Besetzung ab. „Einer wird der Sprecher sein als Primus inter Pares", sagt Markus Pertlwieser.

Ein schwungvoller Start sieht jedenfalls anders aus, es holpert und poltert auf der Plattform. Ganze 13000 Menschen haben sich im ersten Monat registriert, ein Fliegenschiss, verglichen mit 80 Millionen Bundesbürgern - aber kein Grund zur Sorge, sagen die wackeren Protagonisten: „Sogar Google und Facebook hatten weniger nach vier Wochen. Paypal hat alles in allem rund zehn Jahre gebraucht, bis es in Deutschland voll etabliert war." Markus Pertlwieser, der Abgesandte von der Deutschen Bank, redet von einem „sehr respektablen Start", einem „großen Erfolg" gar. Schließlich haben sie die Maschine zunächst schüchtern angeschaltet, ohne Werbung. Das Marketing beginnt im Herbst.

Bisher war es damit schon deshalb schwierig, weil es am Angebot haperte. Zu Beginn war die Deutsche Bank ziemlich allein auf der Plattform. Da erschließt sich der Zusatznutzen nicht so recht: Wieso eigens noch bei Verimi registrieren? Womit wir beim entscheidenden Problem angekommen wären: Attraktiv für die Kunden wird eine Plattform wie Verimi erst dann, wenn sie darüber möglichst vieles abwickeln können. Für die dort auftretenden Unternehmen lohnt sich der Aufwand aber nur, wenn sie Millionen Menschen erreichen. Also muss schnell Masse her. Die Verimi-Macher greifen deshalb nach allem, was Zulauf in großer Zahl verspricht: Lifestyle-Konzerne, Touristiker, Einzelhändler.

Volkswagen und Deutsche Bahn schließen sich dem Club an. „Das läuft jetzt durch die Gremien", heißt es. Damit vergrößert sich die Zahl der Investoren auf zwölf. Weitere zwei, drei Marktführer stehen vor den Toren, das Start-up sei mit 100 Millionen Euro durchfinanziert, heißt es. Und vor allem: Es rührt sich was, endlich! „Sämtliche großen Partner werden die nächsten drei, vier Monate auf die Plattform kommen", kündigt Deutsch-Banker Pertlwieser an. Im Juli stoßen Deutsche Telekom und Allianz dazu, dann Springer, im August die Postbank, im September wird sich die Lufthansa mit ihrem Miles-&-More-Programm draufschalten. Für Anfang viertes Quartal hat sich Daimler angekündigt, zunächst mit seiner Autobank. Dazu gesellt sich ein halbes Dutzend Profi-Fußball-Clubs, unter anderem Eintracht Frankfurt, VfB Stuttgart, Werder Bremen. Aus der öffentlichen Verwaltung wird als erstes Bundesland Thüringen dazustoßen. Nordrhein-Westfalen plant ebenfalls, Verimi einzuführen, es fehlt nur noch der verbindliche Beschluss.

Exakt 529 Dienstleistungen sind von den Behörden identifiziert, die sich bequem und digital vom Smartphone aus erledigen lassen, von der Ausweis-Bestellung über die Buchung der Müllabfuhr bis hin zur Steuererklärung. Da lacht der Bundesadler im Verimi-Hauptquartier.

Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 08.07.2018, Georg Meck
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Interview: „Die bessere Gesundheitskarte"

Warum wagt sich die Deutsche Bank auf fremdes Terrain?

Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung: Herr Pertlwieser, will die Deutsche Bank jetzt Google und Facebook herausfordern? Oder führen Sie mit Verimi ein neues Bezahlsystem ein?

Markus Pertlwieser: Alles falsch. Verimi ist etwas völlig Neues, ein neues Geschäftsmodell, das geht weit über das Bankgeschäft hinaus.

F.A.S.: Wozu braucht es dafür eine Bank?

Pertlwieser: Wir sind überzeugt: Die Leute möchten ihre vertraulichen Daten nicht allen möglichen Online-Shops anvertrauen, sondern wollen sie an einer vertrauenswürdigen Stelle und volle Kontrolle über ihre Verwendung haben. Diese eine zentrale Identitätsplattform wird in jedem Fall jemand etablieren, die Frage ist nur: wer? Wer es als Erster schafft, der gewinnt das Rennen. Wir tun alles dafür, dass wir das sind. Nicht allein als Bank, sondern mit starken Partnern aus ganz unterschiedlichen Branchen.

F.A.S.: Auch mit anderen Banken?

Pertlwieser: Sehr gerne. Die Commerzbank oder andere sind herzlich eingeladen. Wir sind mit einigen Groß- und Direktbanken, national wie international, in fortgeschrittenen Verhandlungen.

F.A.S.: Dann könnten wir auf der Plattform von Ihnen zur Commerzbank wechseln, ohne Formularkram?

Pertlwieser: Ja, wir arbeiten bei Verimi daran, dass Sie darüber von einer Bank zur anderen wechseln könnten. Dazu stehen wir in engem Dialog mit der Finanzaufsicht. Die Idee dahinter ist: Haben Sie einmal eine Identität auf der Verimi-Plattform angelegt, können Sie die Angebote aller Banken, Versicherungen, Carsharing-Anbieter, Zeitungsverlage oder anderer teilnehmender Unternehmen, mit denen Sie im Geschäftskontakt sind, nutzen ohne jeden weiteren Formularwust. Alles sehr komfortabel und sehr sicher.

F.A.S.: Was aber haben Sie als Deutsche Bank davon, wenn Sie den Kunden den Abschied erleichtern?

Pertlwieser: Wer sagt, dass die Kunden uns verlassen? Wir können auch welche von anderen Banken gewinnen. Aber darum geht es gar nicht. Sondern darum, dass Sie über Verimi mit einer verifizierten Identität im Internet genau die Dinge in Anspruch nehmen können, die Sie möchten, ohne jedes Mal alle ihre Daten jedem Anbieter geben zu müssen. Außerdem: Was wäre die Alternative? Es ist wichtig für die Bürger und die Unternehmen in Europa, selbst über eine solche Identitätsplattform zu verfügen, ehe wieder die Konzerne aus dem Silicon Valley oder aus Asien den Markt bestimmen.

F.A.S.: Was kostet die Sache für den Kunden?

Pertlwieser: Nichts. Der Dienst ist kostenlos.

F.A.S.: Das heißt: Die Deutsche Bank als Teilhaber verdient damit auch nichts.

Pertlwieser: Erstes Ziel ist nicht die schnelle Monetarisierung, sondern eine kritische Masse an Nutzern und Anwendungspartnern. Dieses Prinzip gilt für alle Plattformen. Entscheidender als Millionen an Gewinn sind in den kommenden Jahren Millionen an Nutzern. Ich bin zuversichtlich, das schaffen wir auch. Das Potential ist gewaltig, und wenn wir die Nutzer für uns begeistern, dann verdienen die Gesellschafter mit Verimi auch gutes Geld.

F.A.S.: Wie finanziert sich die Plattform?

Pertlwieser: Über die Unternehmen, die über die Verimi-Identität den Zugang zu ihren Waren und Diensten anbieten, dafür werden Gebühren verlangt. Wenn Verimi etwa für die Deutsche Bank neue Kunden rechtssicher legitimiert, zahlt die Deutsche Bank etwas an Verimi. So funktioniert es Industrie für Industrie, bis hin zu Ämtern und Behörden. Kürzlich hat Gesundheitsminister Jens Spahn eine digitale Identität eingefordert, für Gesundheitsleistungen wie für alles weitere - das genau ist der Leitgedanke der Plattform.

F.A.S.: Deutschland scheitert schon seit Jahren damit, nur eine Gesundheitskarte einzuführen.

Pertlwieser: Deswegen sagen wir ja: Verimi wäre die zeitgemäße Lösung auch für die Gesundheitskarte.

Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 08.07.2018, Georg Meck
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