8. November 2019

Die Rolle der Bank nach dem Mauerfall vor 30 Jahren

„Wer hätte das gedacht...“ – Mauerfall vor 30 Jahren

Wie überall in der westlichen Welt kam auch für die Deutsche Bank der Fall der Berliner Mauer am 9. November 1989 überraschend. Gerade einmal zehn Mitarbeiter verfügten damals im Konzern über spezielle Kenntnisse zur Wirtschaft in der DDR. Doch jetzt hatte sich über Nacht nicht nur eine Grenze, sondern auch ein Markt geöffnet. Mehr als 16 Millionen DDR-Bürger hatten nicht nur Erwartungen hinsichtlich eines politischen Wandels; an westlichem Lebensstandard teilzuhaben bedeutete eine nicht minder große Verheißung. „Wer hätte jemals gedacht, dass“ – diese damals inflationär gebrauchte Wendung spiegelt das ungläubige Staunen über das atemberaubende Tempo der Veränderungen in jenen Tagen und Monaten wider.

Dass die deutsche Einheit schon unmittelbar nach dem Mauerfall in der Luft lag, nahm Deutsche-Bank-Vorstandssprecher Alfred Herrhausen deutlich wahr: „Die Öffnung der Mauer hat die Frage nach der deutschen Wiedervereinigung aufgeworfen. Vielleicht sollten wir besser‚ ‚Einigung‘ sagen. Nach meiner Meinung ist ein geeinter deutscher Staat unbedingt wünschenswert, nicht wegen der Größe oder der Macht, die solche Größe verleihen könnte, sondern weil dies – historisch, kulturell und unter menschlichen Gesichtspunkten – ein natürliches Bestreben ist.“ Diese Botschaft wollte er Anfang Dezember 1989 in einer Rede vermitteln. Seine Ermordung am 30. November verhinderte es; Herrhausens Gedanken zum Mauerfall wurden posthum veröffentlicht.

Und in der Tat: Vom Fall der Mauer bis zur Währungsunion am 1. Juli 1990 – als sich Tausende vor der Deutschen-Bank-Filiale am Ostberliner Alexanderplatz versammelten, um als Erste die D-Mark in den Händen zu halten – vergingen keine acht Monate, und schon am 3. Oktober 1990 war Deutschland ein Staat.

Schlange stehen für das Begrüßungsgeld vor einer Zweigstelle der Deutschen Bank Berlin in Kreuzberg Ende 1989

Doch im November 1989 kamen die DDR-Bürger erst einmal zur Deutschen Bank in den Westen und nicht umgekehrt. Bis Ende 1989 wurden allein in den Niederlassungen der Deutschen Bank in Berlin 62 Millionen DM Begrüßungsgeld an DDR-Bürger ausgezahlt (mehr dazu – siehe unten).

In den ersten Tagen nach dem Mauerfall gestaltete sich die Auszahlung turbulent. Es hatte sich herumgesprochen, dass die Deutsche Bank auch am Sonntag, dem 12. November, das Begrüßungsgeld auszahlte. So warteten etwa vor der West-Berliner Zweigstelle der Deutschen Bank in Rudow seit 2 Uhr nachts die Menschen darauf, dass die Bank öffnete. Als die Schalter an diesem Abend schlossen, hatte man allein dort eine halbe Million D-Mark ausgezahlt.

Ab Mitte Dezember begann die Deutsche Bank mit konkreten Vorbereitungen für den Geschäftsaufbau in der DDR. Sie richtete einen „Arbeitskreis DDR” ein, der sich der sich unter Leitung von Vorstandsmitglied Georg Krupp mit der Planung und Entwicklung des DDR-Geschäfts befasste und die zu treffenden Maßnahmen koordinierte. Noch in den letzten Tagen vor Weihnachten reisten Vertreter des Arbeitskreises zu ersten Sondierungsbesuchen nach Ost-Berlin, Leipzig und Dresden.

Da das eigentliche Bankgeschäft noch nicht erlaubt war, sah die Deutsche Bank zunächst ihre Hauptaufgabe in der Information und der Beratung. Dazu entsandte man Mitarbeiterteams in die DDR, die Ende Januar 1990 ihre Tätigkeit zwischen Ostsee und Thüringer Wald aufnahmen. Sie knüpften Kontakte zu industriellen Großbetrieben und Kombinaten der DDR und erklärten, wie die Marktwirtschaft funktioniert – der Beratungsbedarf war enorm.

Die turbulente Phase des politischen und wirtschaftlichen Umbruchs, mit täglich sich ändernden Voraussetzungen, ist in der Geschichte der Bank ohne Beispiel. Mit bemerkenswerter Energie und Tatkraft setzten sich die Mitarbeiter der Deutschen Bank mit ihren neuen Kollegen aus dem ostdeutschen Bankensektor für den Aufbau des Geschäfts ein. Für viele wurde dieser Einsatz die prägende Phase ihres Berufslebens – gerade wegen der vielen Widrigkeiten, die gemeinsam überwunden werden konnten.

Begrüßungsgeld

Das 1970 eingeführte Begrüßungsgeld konnte von jedem DDR-Bürger bei der Einreise in die Bundesrepublik oder West-Berlin einmal im Jahr in Anspruch genommen werden. Es betrug 30 D-Mark und vor allem DDR-Rentner, die in den Westen reisen durften, nahmen es in Anspruch. 1988 änderten sich die Bedingungen: Der Betrag stieg auf 100 DM, sollte aber eine einmalige Sache sein. Deshalb wurde im DDR-Personalausweis vermerkt, wer Begrüßungsgeld bekommen hatte. Die Zahlung des Begrüßungsgeldes wurde Ende 1989 eingestellt und durch einen Devisenfonds ersetzt.