„KI-Technologie braucht immer den Menschen“

Künstliche Intelligenz verändert alle Bereiche unseres Lebens und weckt Hoffnungen, aber auch Ängste. Simon Carter ist verantwortlich für datengetriebene Innovationen in der Deutschen Bank und kann sich noch lange keine Welt vorstellen, in der KI das Sagen hat.

Video: Warum KI ohne den Menschen nutzlos ist

Warum ist künstliche Intelligenz in der Wirtschaft so wichtig geworden?

Künstliche Intelligenz verändert ganze Branchen, vom Gesundheitswesen über das Finanzwesen bis hin zu den Medien. Sie kann die Produktivität steigern und neue Einnahmequellen erschließen. Und sie kann in kürzester Zeit riesige, hochkomplexe Datenmengen durchforsten und Unternehmen damit wichtige Erkenntnisse liefern.

Nehmen wir mal ein Beispiel: Ein Einzelhändler sucht nach dem besten Standort für einen neuen Laden. Wie kann KI dabei helfen?

Für diese Entscheidung nutzt der Einzelhandel verschiedene Daten, zum Beispiel demografische Informationen, oder wie gut ein Ort erreichbar ist oder wie viele Menschen dort jeden Tag vorbeikommen. Dafür nutzt man Mobilfunkdaten, das sind große Datenmengen, die die KI zügig auslesen kann.

Mehr noch: sie kann sie mit anderen Daten kombinieren, beispielsweise Bewertungen aus Online-Portalen wie Yelp, die zeigen, wie beliebt ein Ort ist. Aus großen Datenmengen schnell und präzise Ergebnisse ziehen, das kann die KI.

Die KI kann also sogar menschliche Gefühle verarbeiten, wie beispielsweise die Einstellung zu einem Ort?

Das ist tatsächlich eine äußerst anspruchsvolle Aufgabe, weil Stimmungen in menschlichen Aussagen oft nur aus dem Kontext ablesbar sind. Deswegen müssen Menschen die KI überhaupt erst in die Lage versetzen, Stimmungsmuster zu erkennen. Man spricht dabei vom Trainieren der Algorithmen.

Wenn es um ganz spezifische Fragen oder Aufgaben geht, kann KI sehr effektiv sein.

Wie gut sind diese Algorithmen heute?

Die einfacheren erkennen Schlüsselwörter, beispielsweise wenn Menschen in einem Beitrag in sozialen Medien das Wort "glücklich" verwenden. Komplexere Algorithmen versuchen, Sprachmuster und auch den Kontext zu berücksichtigen, sind dabei aber noch längst nicht perfekt.

Wenn aber nur die KI in der Lage ist, die Datenmassen zu verarbeiten, wie können Menschen dann wissen, ob die KI daraus die richtigen Schlüsse zieht?

Wenn es um ganz spezifische Fragen oder Aufgaben geht, kann KI sehr effektiv sein. Sobald sich aber Bedingungen ändern oder etwas Unerwartetes geschieht, funktionieren Algorithmen nicht fehlerlos. Ohne Menschen geht es also nicht. Deswegen werden Menschen auch weiterhin eine zentrale Rolle in Entscheidungsprozessen in Unternehmen innehaben. Ich stelle mir die Zukunft eher so vor, dass Menschen die Entscheidungen treffen und KI uns dabei unterstützt, und nicht, dass Unternehmen von KI geführt werden, ohne dass Menschen eingreifen.

Apropos Zukunft: Wie schnell wird KI die Welt, wie wir sie kennen, verändern?

Ich gehe davon aus, dass die Technologie sich weiterhin rasant entwickelt. Eine andere Frage ist die Umsetzung in die Praxis: Hier werden die meisten Unternehmer vermutlich eine allmähliche und schrittweise Entwicklung sehen, denn es braucht oft Zeit, bis die Akzeptanz breit genug ist.

Es ist sehr unwahrscheinlich, dass KI in absehbarer Zeit Entwicklungen oder Verhaltensänderungen besser als der Mensch vorhersagen kann.

KI arbeitet mit dem Status quo. Kann sie auch künftige Entwicklungen oder Veränderungen im Verhalten der Menschen vorhersagen?

KI kann sicherlich zusätzliche Erkenntnisse und Analysen liefern, die Unternehmen bei der Bewertung künftiger wirtschaftlicher Gegebenheiten unterstützen. Es ist aber sehr unwahrscheinlich, dass KI in absehbarer Zeit Entwicklungen oder Verhaltensänderungen besser als der Mensch vorhersagen kann – man denke nur daran, wie unzuverlässig Wettervorhersagen sind, selbst wenn dabei KI-Algorithmen eingesetzt werden.

Ist es denkbar, dass die KI sich selbst besser steuert als der Mensch?

KI-Technologie braucht immer den Menschen. Menschen entwickeln die KI, um bestimmte, genau definierte Aufgaben zu erfüllen – und sie bestimmen diese Aufgaben und interpretieren die Ergebnisse der KI.

Darüber hinaus werden Menschen auch weiterhin unverzichtbar sein, um die Strategien umzusetzen, die auf der Grundlage von KI-Erkenntnissen entwickelt werden. Wir sind noch sehr, sehr weit von einer Welt entfernt, in der Maschinen mit künstlicher Intelligenz das Sagen haben.

Über Simon Carter

Simon Carter leitet die „Data Innovation Group“ der Deutschen Bank, die große Datenmengen analysiert und daraus spezifische und aussagekräftige Informationen für Kunden wie Unternehmen, Vermögensverwalter und Analysten etc. ableitet.

Er kam 2010 als Strategie-Verantwortlicher für europäische Aktien-Derivate zur Deutschen Bank, nachdem er zuvor Leiter der entsprechenden Research-Abteilung bei BNP Paribas war. Simon Carter hat sein Studium an der Universität Cambridge im Jahr 2000 abgeschlossen.

Yann Couronneaud

... hat den Vormarsch der KI mit einer Mischung aus Faszination und Unbehagen verfolgt – nicht zuletzt, weil das Thema in Filmen und Serien so präsent war. Allerdings ist es dort mit zu vielen Mythen und falschen Vorstellungen behaftet, meint Yann. In seinen Augen ist es wichtig zu verstehen, welche Chancen und Risiken KI wirklich mit sich bringt und wie sie unser Leben beeinflussen wird.

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