„Im Geschäftsleben auf Autopilot zu stellen, ist gefährlich“

Sunil Gupta, Professor an der Harvard Business School, hat über ein Jahrzehnt den Wandel von Firmen aus den unterschiedlichsten Branchen untersucht.

Hier verrät er, welche Kultur mutige Schritte ermöglicht und wie Firmen am besten auf Veränderungen reagieren.

Sie haben den Wandel Hunderter Firmen untersucht. Welche Kultur fördert mutige Veränderungen?

Eine Unternehmenskultur exakt zu bestimmen ist sehr schwer. Aber sie ist ein wichtiger Bestandteil des Unternehmens-Universums und entscheidend dafür, ob ein mutiger Schritt gelingt oder nicht. Dabei kommt es auf verschiedene Aspekte an: Zunächst auf die Führungskraft, die mit ihrer Vision die gesamte Organisation mitreißt. Dann ist es wichtig, den Mitarbeiter*innen Vertrauen zu geben und sie mit den richtigen Werkzeugen auszustatten. So lassen sich enorme Veränderungen erreichen.

Warum sind diese beiden Aspekte so wichtig?

Verändert sich ein bestehendes Unternehmen grundlegend, bringt dies große Unsicherheit mit sich. Es ist so, als würde man den Motor eines Flugzeugs während des Flugs austauschen. So wie das Flugzeug anfangs langsamer fliegt, werden auch die Umsätze und Erträge zurückgehen. Deshalb brauchen Unternehmen eine Führungspersönlichkeit, die von der neuen Strategie überzeugt ist und erklären kann, wie sie dem Unternehmen in Zukunft helfen wird. Vertrauen entsteht, wenn die Führungskräfte betonen, dass die Mitarbeiter*innen die Mittel und die Zeit erhalten, um Dinge zu verändern. Das motiviert sie, den Wandel selbst mitzugestalten.

Es ist so, als würde man den Motor eines Flugzeugs während des Flugs austauschen

Ist das alles?

Sicherlich nicht. Wenn Unternehmen grundlegende Veränderungen angehen, brauchen sie oft neue Talente. Auf die Zusammenarbeit zwischen diesen neuen Mitarbeitenden und denen, die bereits dort arbeiten, kommt es an. Man muss die neuen Ideen mit dem institutionellen Wissen verbinden. Gegenseitiges Lernen ist wichtig.

Sie haben mal gesagt, dass Firmen Probleme häufig nicht oder sehr spät erkennen. Wie können sie das verhindern?

Oftmals sehen Firmen Probleme nicht kommen – vor allem, wenn es ihnen gut geht. Aber im Geschäftsleben auf Autopilot zu stellen, ist gefährlich. Um das zu verhindern, müssen Führungskräfte ihre Komfortzone verlassen und akzeptieren, dass von 40 notwendigen Schritten nur fünf sichtbar sind. Bei großer Ungewissheit ist es schwierig zu erkennen, was auf uns zukommt. Trotzdem müssen Führungskräfte entscheiden, welche Richtung sie einschlagen wollen. Nach den ersten fünf Schritten, werden die nächsten fünf viel klarer. Das ist zunächst einmal ein beängstigender Gedanke, aber ihn umzusetzen kann über den zukünftigen Erfolg entscheiden.

Oftmals sehen Firmen Probleme nicht kommen – vor allem, wenn es ihnen gut geht

Was kann Führungskräften dabei helfen?

Eine externe Sichtweise ist extrem wichtig. Führungskräfte sollten häufiger außerhalb ihrer Branche nach Ideen suchen. Ein gutes Beispiel dafür ist Cemex, ein Zementunternehmen mit Sitz in Mexiko. Als man vorgefertigten Zement an Baustellen in Mexiko-Stadt verkaufte, stellte man fest, dass die Arbeiten nie pünktlich ausgeführt wurden. Der Verkehr in der Hauptstadt ist unvorhersehbar und chaotisch, sodass der Zement manchmal bereits unbrauchbar ankam.

Führungskräfte sollten häufiger außerhalb ihrer Branche nach Ideen suchen

Wie haben Sie dieses Problem gelöst?

Sie versuchten zunächst, eine Lösung innerhalb der Zementindustrie zu finden, aber sie fanden keine. Dann haben sie sich in einem Krankenhaus in Houston umgesehen. Auch in einem Krankenhaus können die Dinge unvorhersehbar sein, aber sie sollten niemals chaotisch werden. Die Mediziner wissen nicht, wann ein Notfall eingeliefert und wann ein Krankenwagen benötigt wird. Cemex sah sich an, wie das Krankenhaus das System, die Arbeitsabläufe und die kritische Planung in Einklang brachte. Dies ermöglichte ihnen einen neuen Blick auf die Dinge – und löste ein geschäftskritisches Problem.

Von all den Unternehmen, die sie sich näher angesehen haben: Welches hat Sie am meisten hinsichtlich seines Mutes beeindruckt?

Amazon. Ich weiß, dass schon viel über seine Geschichte gesprochen wurde, aber es ist wirklich beeindruckend, wie es in neue Märkte – beispielsweise Cloud- oder Entertainment-Dienste - einstieg. Es nahm über viele Jahre hinweg große Verluste in Kauf und man fragt sich wofür. Warum will ein Online-Händler diese Märkte erobern? Im Fall von Amazon ist es zunächst sehr schwer, diese Frage zu beantworten und die Zusammenhänge zu erkennen. Letztlich waren die Schritte aber immer sinnvoll und das Unternehmen ist erfolgreich.

Über Sunil Gupta

Sunil Gupta ist Edward W. Carter Professor für Betriebswirtschaftslehre und Co-Vorsitzender des Executive Program on Driving Digital Strategy an der Harvard Business School.

Guptas Forschungsschwerpunkt sind digitale Technologien und ihre Auswirkungen auf die Unternehmensstrategie. Seine Forschung wurde mit mehreren nationalen und internationalen Auszeichnungen gewürdigt, und sein Buch zu diesem Thema, Driving Digital Strategy, 2018 veröffentlicht. Gupta ist im Vorstand von US Foods und als Berater für mehrere Startup-Unternehmen tätig. Er hat führende Unternehmen auf der ganzen Welt aus unterschiedlichsten Branchen beraten.

Amy Harris

ist für die Deutschen Bank im Vereinigten Königreich für den Bereich soziale Verantwortung zuständig und konzentriert sich dabei auf die Themen Bildung, soziales Unternehmertum und kommunale Entwicklung. Sie hält unternehmerisches Denken für eine der wichtigsten Fähigkeiten des 21. Jahrhunderts, vor allem weil es zur Lösung dringender gesellschaftlicher Probleme beitragen kann.

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