„Du nimmst, was du kriegst und du liebst es.“

Michael Kapaun, ein Bäcker, der keiner ist, erobert mit ungewöhnlichen Methoden den hessischen Markt für vegane Kuchen.

Michael Kapaun ist kein Bäcker. Doch mit seinen Backkünsten hat er einen florierenden Betrieb geschaffen. Und obwohl er selbst auch gern mal ein gutes Stück Fleisch isst, backt er dennoch ausschließlich vegan. Was auf den ersten Blick nicht zusammenpasst, ist zu einem Erfolgsmodell aus dem Frankfurter Westen geworden – und längst über die Stadtgrenzen hinaus bekannt.

Bis zu 80 Torten und Kuchen liefern Kapaun und sein Team unter dem Namen Mikey’s Creations jeden Tag an Cafés, Restaurants und Hotels von Frankfurt bis Wiesbaden, Darmstadt und Kassel.

Experimentieren in der Bäckerei

Vor den Backöfen

Das Bemerkenswerte daran: Kapaun ist Autodidakt, der zufällig zum Catering kam und deshalb vieles anders macht als üblich in der Branche. Großküchen-Geräte wie Konvektomaten findet man bei ihm nicht. Stattdessen stapeln sich haushaltsübliche Backöfen an einer Wand, die Regale sind voll mit Handrührgeräten, Schüsseln und Backformen, wie sie in jedem Haushalt vorkommen – nur eben in großen Mengen.

Kapaun ist überzeugt, dass dies ein wichtiger Teil seines Erfolgs ist: „Wenn ich wie ein Großbetrieb arbeite, schmeckt’s nachher wie bei der Bäckereikette. Das will ich nicht. Meine Kuchen schmecken wie bei Oma, weil sie auch so gemacht werden – nur eben vegan.“

Meine Kuchen schmecken wie bei Oma, weil sie auch so gemacht werden – nur eben vegan.

Alles begann mit einer Banklehre

Der Lebensweg des Österreichers ist so ungewöhnlich wie seine Methoden. Er begann mit einer klassischen Banklehre in seiner Heimatstadt Graz. Die Schaltertätigkeit wurde ihm bald langweilig, er wollte unternehmerisch tätig sein. Kapaun zog in die USA. In Miami arbeitete er in der Nachtclub-Szene und schon bald erwarb er eigene Bars. Seine vielen Tattoos erinnern noch heute an die „heißen Zeiten“, die er dort erlebte.

Volle Konzentration

Doch es zog ihn wieder nach Europa – in seine heutige Heimat Frankfurt. Dort buk er in der Küche seiner Altbauwohnung zunächst nur für sich und seine Freunde. Bis 2013 ein Bekannter ein Café in Wiesbaden eröffnete und ihn fragte, ob er nicht regelmäßig für ihn backen könne. Die Kuchen verkauften sich gut, und als zwei weitere Bekannte in Frankfurt ein veganes Café eröffnen wollten, fragten sie Kapaun, ob er nicht auch vegane Kuchen backen könne.

Ich weiß, wie es schmecken soll, und experimentiere so lange, bis alles stimmt.

Eine Herausforderung, die Kapaun gern annahm. „Meine Rezepte entwickle ich immer schon selbst. Ich weiß, wie es schmecken soll und experimentiere dann so lange, bis der Geschmack, Konsistenz und Optik stimmen“, sagt Kapaun. „Aber ich habe am Anfang auch Unmengen von missglückten Kuchen weggeworfen.“

Am Anfang habe ich Unmengen von missglückten Kuchen weggeworfen.

Gearbeitet wird, so lange Aufträge da sind

Himmlisches Ergebnis

Und so ist auch heute noch sein Prinzip: Was seiner kritischen Prüfung Stand hält, bietet er Kundinnen und Kunden zum Testen an. Was bei ihnen gut ankommt, geht in den Verkauf.

Dadurch und weil er auf Haushaltsutensilien beim Backen setzt können die Cafés und Bäcker, die ihr eigenes Sortiment um Kapauns vegane Kuchen ergänzen, diese als „hausgemacht“ verkaufen.

Der Trend zum veganen Essen war noch jung und so konnte Kapaun sein Geschäft schnell ausbauen.

Leidenschaft ist wichtiger als eine formale Ausbildung.

Kuchen aus der Pappkiste

Heute hat Michael Kapaun einen kleinen Betrieb: Die Backstube ist längst aus der Altbauwohnung ausgezogen – ausgerechnet in eine ehemalige Fleischerei.

Bis zu vier Mitarbeiter unterstützen ihn bei der Produktion. Ganz wie in einem normalen Bäckereibetrieb läuft der Arbeitsalltag aber auch weiterhin nicht ab: Gestartet wird nicht mitten in der Nacht, sondern um 8 Uhr morgens – und solange wie Aufträge da sind, wird gearbeitet. 

Statt in üblichen Profi-Transportboxen verpackt Kapaun seine Kuchen in stabilen Pappkisten, die sonst für Obst gedacht sind. Zutaten kauft er nicht beim Großhändler, sondern auf dem Markt und beim Discounter. „Die haben die beste Erdnussbutter. Wenn die im Angebot ist, fährt mein Einkäufer rum und kauft ganz Frankfurt leer,“ sagt er. Frisches Obst kommt direkt vom Marktstand.

 

Kuchen aus der Margarinekiste

Einkaufen am S-Bahnhof Konstablerwache

Wenn Erdnussbutter beim Discounter im Angebot ist, fährt mein Einkäufer rum und kauft ganz Frankfurt leer.

Dort rekrutierte er auch seine rechte Hand in der Backstube. Shafi S., geflüchtet aus Afghanistan, schleppte für ihn die Obstkisten zum Auto. Er konnte zwar keinen Gesellenbrief vorweisen, überzeugte Kapaun aber durch seine zupackende Art und Lernfähigkeit.

 

Ich bin gut darin, Leute zu finden, die etwas können, was ich selbst nicht kann.

Mit Ausnahme seines Finanz- und Buchhaltungsexperten Michael W. sind auch alle anderen Mitarbeiter Quereinsteiger, die ihre jeweiligen Fähigkeiten in anderen Branchen gelernt haben und nun in der Backstube zum Einsatz bringen.

So ist Cosimo A., gelernter Florist und Bühnenbauer, heute für die Dekoration außergewöhnlicher Kuchen wie Hochzeitstorten zuständig. „Ich bin gut darin, Leute zu finden, die etwas können, was ich selbst nicht kann“, sagt Kapaun. „Eine formale Ausbildung ist mir dabei nicht wichtig.“

Michael Kapaun liebt, was er tut

Ungewöhnlich ist Kapaun auch im Umgang mit seinen Kundinnen und Kunden. Ein Marketingkonzept gibt es nicht, ebenso wenig wie eine Webseite oder Social-Media-Profile. Seinen Kundenstamm hat sich Kapaun einzig durch Mund-zu-Mund-Propaganda aufgebaut.

Am Anfang habe ich bei Lieferungen immer lange Ärmel angezogen, um die Tattoos zu verdecken. 

Erfolgreicher Unternehmer

Und der muss einiges an Eigenwilligkeit in Kauf nehmen: Bestellt ein Café bei ihm eine gewisse Anzahl von Kuchen, entscheidet Kapaun am Ende, was genau er liefert.

„Meine Kundschaft ist darauf eingespielt, dass ich die Sorten variiere und auch mal spontan tagesfrisches Obst mit verarbeite. Du nimmst, was du kriegst, und du liebst es“, sagt der Bäcker, der keiner ist.

Sein Erfolg gibt ihm und seiner unkonventionellen Art recht. „Am Anfang habe ich bei Lieferungen immer lange Ärmel angezogen, um die Tattoos zu verdecken. Das mache ich längst nicht mehr.“

Über Michael Kapaun

Michael Kapaun ist Unternehmer aus Leidenschaft. Als Autodidakt in der Gastronomie beliefert der gelernte Bankkaufmann seit 2013 unter dem Label „Mikey’s Creations“ Cafés, Bäckereien und Hotels in ganz Hessen mit veganen Kuchen aus Eigenproduktion. Sein Erfolgsrezept? Ein Team passionierter Quereinsteiger, unkonventionelle Methoden und überzeugende Produkte.

Susanne Rohde

…ist fasziniert von Unternehmern, die unkonventionelle Wege gehen und zeigen, was ein frischer Blick ohne Scheuklappen und Begeisterung für die Sache möglich machen. Wie viel Innovationspotential steckt in uns, wenn wir wagen, Dinge neu zu denken und einfach mal auszuprobieren? 

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