Ankerkraut – mit Mut und Zuversicht durch die Pandemie

Für die Gewürz- und Geschmacksmanufaktur Ankerkraut war 2020 nicht nur wegen Corona turbulent: Geschäftsanteile wechselten den Besitzer, neue Filialen öffneten und die Nachfrage stieg. Bei den Gründern Anne und Stefan Lemcke war Flexibilität gefragt.

Mut, Zuversicht, Vertrauen in die eigenen Träume – und ein gutes Bauchgefühl, so sind sich Anne und Stefan Lemcke einig, braucht es für eine erfolgreiche Unternehmensgründung. Beide wissen, wovon sie sprechen: Vor sieben Jahren gründeten sie Ankerkraut. Mit dem Verkauf von Gewürzen, Gewürzmischungen und Tees machen sie im Jahr 2020 Umsätze im mittleren achtstelligen Bereich. Dabei hat alles ganz klein angefangen: In einer Garage betrieb Stefan Lemcke einen Onlineshop für Gewürze. Als Sohn von Entwicklungshelfern in Tansania aufgewachsen, lernte er die Vielfalt und dortige Qualität von Gewürzen frühzeitig kennen. Gemeinsam mit seiner Frau Anne baute er das Familienunternehmen aus, heute beschäftigen sie über 120 Angestellte. In der eigenen Manufaktur entstehen handgemischte Gewürzkompositionen mit Rohstoffen aus aller Welt, die im hauseigenen Onlineshop, eigenen Filialen sowie in Premium-Supermärkten und Feinkostgeschäften erhältlich sind.

Die Lemckes haben beruflich „alles auf eine Karte“ gesetzt. Nach und nach wuchs ihr Bedürfnis nach Sicherheit. So verkauften sie einige ihrer Geschäftsanteile an einen Investor. Die Mehrheit an Ankerkraut halten sie aber weiterhin und führen ihren Betrieb immer noch mit viel Herzblut und Einsatz wie am ersten Tag.

Als sich im März 2020 die Corona-Pandemie abzeichnete, haben die Gründer und ihre beiden Mitgeschäftsführer sehr schnell Nägel mit Köpfen gemacht und einen umfassenden Plan für alle Bereiche ihres Unternehmens festgelegt.


Mit viel Einsatz wurden alle Arbeitsabläufe auf den Infektionsschutz angepasst. Dank einer vorrauschauenden Lagerlogistik kam man so trotz 400 verschiedener Produkte im Sortiment ohne Lieferengpässe aus. Die gesamte Verwaltung arbeitete während des Lockdowns von zu Hause – eine völlig neue Situation: „Vor Corona kam Homeoffice für uns eigentlich nicht infrage. Wir dachten, dass die Zusammenarbeit schlechter klappen und der Erfolg unseres Unternehmens darunter leiden würde“, gibt Anne Lemcke zu.

Das Umdenken ging dann ganz schnell. Die Herausforderungen stellten sich im Laufe der Zeit heraus: „So sehr sich viele Kollegen früher die Möglichkeit, mal von zu Hause zu arbeiten, gewünscht haben – wenn das wochenlang der Fall ist, ist es etwas ganz anderes! Manche wurden einsam, viele hatten Kinder zu Hause oder die Partner wurden arbeitslos. Das ist eine neue Art von Stress", sagt Stefan Lemcke.

Pläne ändern gehört dazu

Für das Geschäftsjahr 2020 hatten die Lemckes ambitionierte Pläne: Sie wollten in Deutschland mehrere Filialen eröffnen und nach Europa und in die USA expandieren. Dafür sollte es sogar eine staatliche Förderung geben. Noch im Frühjahr wollten die Lemckes mit ihren Kindern für drei Monate ins kalifornische Silicon Valley umziehen und dort die Expansion vorantreiben. Corona kam dazwischen: „Offenbar war dies nicht der richtige Zeitpunkt für uns und unser Unternehmen“, resümiert Anne Lemcke allerdings ohne Bedauern.

Auch andere Vorhaben fielen ins Wasser, beispielsweise Ankerkraut-Messestände auf Veranstaltungen. Langeweile kam dennoch nicht auf – denn mit ihren Produkten und nachhaltigen Werten treffen die Lemckes den Nerv der Zeit. Viele Menschen verbringen mehr Zeit zu Hause, tauschen den Urlaub gegen Zeit im Garten, grillen und greifen vermehrt zum Kochlöffel, um neue Rezepte auszuprobieren.

Anne Lemcke erklärt einen weiteren Grund für die rasant gestiegene Nachfrage: „Eine neue Generation hat das Onlineshopping für sich entdeckt – so wie meine Eltern zum Beispiel. Die haben gemerkt, dass das prima funktioniert und man gar nicht jeden Tag einkaufen gehen muss."

Unternehmerischer Mut und der Blick in die Zukunft

Ankerkraut entschied sich, gegen den Trend zu investieren: Sie investierten ins Marketing, als andere Unternehmen ihr Budget einfroren. Denn die Preise für Onlinewerbung waren durch die sinkende Nachfrage günstig. Außerdem hatten die Gründer bereits vor der Krise begonnen, Geschäfte in Köln, Berlin und Frankfurt zu eröffnen, um ihre Marke erlebbar zu machen. Zwar waren die Einkaufspassagen im Lockdown wie leergefegt und die geplante Eröffnung in der Hamburger Innenstadt musste im Frühjahr erst einmal verschoben werden. Durch die sinkende Nachfrage wurden allerdings auch die Mietbedingungen für Ladenflächen günstiger und so bewiesen die Lemckes auch hier unternehmerischen Mut. Sie eröffneten ihre Läden in Hamburg und Bochum, auch wenn absehbar war, dass der Umsatz in diesem Jahr noch nicht den Erwartungen entsprechen wird.

Mehrgleisig fahren hat sich in der Krise bewährt

Die Strategie, auf mehrere Vertriebskanäle zu setzen und Ankerkraut-Kunden neben dem Onlineshop auch über den Lebensmittelhandel und eigene Läden zu erreichen, schätzt auch die Deutsche Bank, wie die Lemckes aus ihren regelmäßigen Treffen mit ihren Ansprechpartnern wissen.

"Es wird eine Zeit nach Corona geben – diese Zeit jetzt bleibt nicht das 'neue Normal'.

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Schließlich bietet der Multichannel-Ansatz genau die Flexibilität und damit Sicherheit, die es in der Krise braucht. „Es wird eine Zeit nach Corona geben – diese Zeit jetzt bleibt nicht das 'neue Normal'. Die Innenstädte werden sich wieder füllen“, ist sich Stefan Lemcke sicher. „Und dann werden wir mit unseren Produkten vor Ort sein." Bis dahin bringt der Onlineshop den nötigen Umsatz.

Die Deutsche Bank war übrigens seit der ersten versendeten Gewürzmischung als Hausbank mit an Bord und konnte dem damals jungen Unternehmen vor allem mit so genannten Betriebsmittelfinanzierungen unter die Arme greifen. Die hielten das Unternehmen liquide. So konnten die Lemckes immer ausreichend Ware und Material einkaufen – das war vor allem dann wichtig, wenn die Nachfrage für ihre Gewürze sprunghaft stieg.

Für die Deutsche Bank war es ein logischer Schritt, dem neuen Investor einen Kredit anzubieten. Dass das Start-up seine Ziele erreicht, hatten die Gründer ja zuverlässig bewiesen.

Über Ankerkraut

  • 2013 beginnt Stefan Lemcke in einer Hamburger Garage Gewürze zu mahlen. Seine Mischungen verkauft er im eigenen Onlineshop. Die Nachfrage steigt schnell und so entscheidet er sich gemeinsam mit seiner Ehefrau, alles auf eine Karte zu setzen: Beide geben ihre Jobs auf und stecken fortan ihre ganze Energie und ihr Erspartes in die neue Firma: Ankerkraut.
  • 2016 arbeiten zwölf Mitarbeiter bei Ankerkraut. In der TV-Sendung „Die Höhle der Löwen" überzeugen die Lemckes den Investor Frank Thelen, einzusteigen.
  • 2020: Ankerkraut-Gewürze sind bei fast allen großen Lebensmittelhändlern erhältlich, das Unternehmen hat vier Standorte, an denen sich über 120 Mitarbeiter um Produktion, Versand und Logistik kümmern. Außerdem betreibt das Unternehmen fünf eigene Läden in Deutschland und einen Onlineshop.
  • Im August 2020 verkaufen Lemckes einen Teil ihrer Geschäftsanteile, halten aber auch danach noch die Mehrheit am Unternehmen.

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